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Personalia 2011/02

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Theo Hirsbrunner – Henri Dutilleux – Kurtág und Cerha – Richard Wiedamann – Musiker des Jahres 2010

Theo Hirsbrunner
Nachruf auf einen bedeutenden Musikvermittler

Beschäftigt man sich mit der Musik des 20. Jahrhunderts, stößt man unweigerlich auf die fünf Monographien über Claude Debussy (1981), Igor Strawinsky in Paris (1982), Pierre Boulez (1985), Olivier Messiaen (1988) und Maurice Ravel (1989) von Theo Hirsbrunner. Allesamt gut lesbare, ideale Einführungen in Leben und Werk, geschrieben von einem fundierten Kenner und Liebhaber, der ein wenig stolz darauf war, kein ausgebildeter Musikwissenschaftler zu sein. Hirsbrunners Stil war geprägt von liebevoller Nähe und objektivierender Distanz zu seinen Sujets, gepaart mit schriftstellerischer „clarité“ und Eleganz. Frankophil in Stil und Habitus, war Theo Hirsbrunner ein bedeutender Vermittler von französischer Neuer Musik im deutschsprachigen Raum. In seinen Schriften fand man keine ermüdenden Detailanalysen, sondern „Interpretationen ausgehend von übergreifenden kompositorischen Details, damit die Musik als ästhetisches Phänomen begriffen werden kann“, wie Hirsbrunner seine Methode im Vorwort seines Boulez-Buches beschrieb.

Nach einem Violinstudium in Bern und Aufenthalten in Paris vertiefte der 1931 in Thun geborene Theo Hirsbrunner seine kompositorischen und musiktheoretischen Kenntnisse bei Sándor Veress und Vladimir Vogel. Prägend – „ein Glücksfall“ – waren für Hirsbrunner die Dirigierkurse von Pierre Boulez in Basel Anfang der 60er-Jahre. Von 1956 bis 1987 unterrichtete er Musiktheorie, Werkanaly­se und neuere Musikgeschichte am Berner Konservatorium. 1979 bis 1983 holte Boulez ihn als Dozent an sein Pariser IRCAM (Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique).

Sein Unterrichten und sein unermüdliches Publizieren waren fruchtbar und folgenreich für mehrere Generationen von Studierenden und Musik­liebhabern. Persönlich kannten wir uns seit 1999, denn jeden Sommer besuchte Theo Hirsbrunner das ­LUCERNE FESTIVAL, für das er schrieb und Einführungen hielt, und abermals von Pierre Boulez als Theoriedozent für die Dirigiermeisterkurse verpflichtet wurde. Stets offen und neugierig, besonders auch für die junge Komponistengeneration, war er ein aufmerksamer Zuhörer und Gesprächspartner, den wir vermissen werden. Am 6. November 2010 ist Theo Hirsbrunner im Alter von 79 Jahren in Bern gestorben. [Mark Sattler]

Henri Dutilleux zum 95.

Henri Dutilleux ist neben Pierre Boulez sicher der bedeutendste französi­sche Komponist der Moderne. Sein Werkkatalog ist vergleichsweise schmal­, doch was er geschrieben hat, gehört zum Substanzvollsten in der Neuen Musik. Dass er in Deutschland erst als Träger des Siemens-Musikpreises 2005 die gebührende Aufmerksamkeit fand, zeigt nur, wie betriebsblind unser Musikbetrieb sein kann. Immerhin liegt fast sein gesamtes Schaffen in CD-Editionen vor. Ob er noch das vor Jahrzehnten versprochene Stück für das ensemble intercontemporain „schafft“, bleibt abzuwarten. Am 22. Januar 2011 wurde Henri Dutilleux 95 Jahre alt. Gratulation.

Kurtág und Cerha

Dieses Foto ist 15 Jahre alt. Damals feierten die Komponisten Friedrich Cerha (rechts) und György Kurtág (links) ihren 70. Geburtstag im Wiener Konzerthaus, mit Kerze, Torte und dem damaligen Konzerthauschef Karsten Witt (Mitte). Viel hat sich inzwischen nicht verändert. Cerha komponiert unentwegt neue Stücke, darunter das wunderbare Konzert für Schlagzeug und Orchester für den derzeit populärsten Percussionisten Martin Grubinger. Györ­gy Kurtág produziert bedächtiger, tritt aber immer wieder bei Festivals zu seinen Ehren mit seiner Frau Márta als Pianisten-Duo auf. Gratulation zweimal.

Richard Wiedamann

„Jazz-Papst“, „Vater des Jazz in Regensburg“, „graue Eminenz“ der Regensburger Kulturpolitik. Derlei Zuschreibungen liebte er überhaupt nicht, auch wenn er sich insgeheim ein wenig geschmeichelt fühlte. Den „Jazz-Papst“ konnte er schon deshalb unmöglich gutheißen, weil das katholische Oberhaupt nicht gewählt und demokratisch legitimiert war. Richard Wiedamann liebte den Jazz, und er war ein leidenschaftlicher Verfechter der Demokratie. Die beiden, durchaus in unterschiedlichen Sphären angesiedelten Elemente gehörten für den Pianisten, Kulturbeweger, Festival-Intendanten, Musiklobbyisten und -pädagogen, Bandleader und ehrenamtlichen Leiter des Bayerischen Jazzinstituts zusammen. In seinem Denken bildeten sie praktisch fast eine Einheit, gelegentlich verwendete er sie synonym. Richard Wiedamann ist am Dreikönigstag mit 78 Jahren gestorben. ms
Einen ausführlichen Nachruf auf den Initiator des Landes-Jugendjazzorchesters Bayern, von Jugend jazzt ­Bayern und des Bayerischen Jazz­weekends finden Abonnenten der nmz in der Beilage JazzZeitung.

Musiker des Jahres 2010

Mindestens ein Dutzend Preise brachten junge deutsche Musiker aus den Top-Wettbewerben des vergangenen Jahres nach Hause, soweit dies aus dem Jahresbericht der Weltföderation internationaler Musikwettbewerbe hervorgeht. Vorne­dran mit einem 1. Preis des ARD-Wettbewerbes steht der Cellist Julian Steckel, gefolgt von fünf Trägern des 2. Preises, dem Geiger Korbinian Altenberger in Montreal, dem Organisten Christian Barthen in Chartres, dem Hornisten Paolo Mendes beim ARD-Wettbewerb in München, Vadim Neselovskyi beim Piano-Jazz-Concours in Paris, und dem Geiger Stefan Tarara, der außerdem beim Paganini-Wettbewerb in Genua und beim Tibor-Varga-Wettbewerb in Sion jeweils den 3. Preis gewann.
Einen dritten Platz belegten der Oboist Thomas Hecker in Markneukirchen, die Violinistin Friederike Starkloff beim Leipziger Bach-Wettbewerb und die Sopranistin Agnes Selma Weiland mit einem zusätzlichen Sonderpreis in Bilbao. Den 4. Preis bei „Piano-Jazz“ in Paris erhielt Sebastian Sternal. Die Geigerin Meike Bertram war Finalistin und Empfängerin eines Sonderpreises beim Wettbewerb „Città di Brescia“.
Die Flötistin Daniela Koch ist mit ihrem 2. ARD-Preis in München offenbar Öster­reichs einziges Spitzentalent aus den großen internationalen Wettbewerben des Vorjahres. Im Preisträger-Barometer 2010 liegen Korea mit 24 und Russland mit je 21  Preisen vorne, gefolgt von Spanien mit 10, Frankreich mit 9, die USA und Japan mit je 6 und Italien mit 5 Auszeichnungen.
Bei den Jugendwettbewerben 2010 meldet die EMCY als deutsche Preisträger Albrecht Menzel beim Moscow International David Oistrakh Violin Competition und das Aramis-Trio beim Hennen-Concours in Heerlen.

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