Ernst-Ludwig Petrowsky, genannt „Luten“, galt lange Zeit als „dienstältester Jazzer der DDR“. Dabei gehört er seit den 70er Jahren zum Kern jener Generation, welche nach der Revolution des Free Jazz in einer paneuropäischen Bewegung dem instrumentalen Musizieren unerhörte Dimensionen erschloss.
Mitte der 80er Jahre hat Petrowsky sich mit dem Altsaxofon eine so zentrale wie globale Position erspielt. Das ist Fakt, trifft er sich doch mit den kongenialen Spielern im kammermusikalischen „Zentralquartett“ und im großorchestralen „Globe Unity Orchestra“.
Am 10. Dezember 1933 geboren, könnte man das schöne Hölderlin-Wort bemühen: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“. Tatsächlich scheint die totalitäre Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Biografie Petrowskys einen ebenso glücklichen Ausgang gefunden zu haben, wie es auf breiter Front wenig später mit dem friedlichen Fall der Mauer geschah. Der unangepasste Held bekam auf Grund seiner freien Höhenflüge den „Kunstpreis der DDR“. Kurioserweise heißt das wichtigste internationale Festival der zeitgenössisch improvisierten Musik „Total Music Meeting“. Es feierte soeben seinen 40. Jahrestag. Dabei meint die Rede von der „totalen Musik“ weniger die totale Kontrolle, wie es in der Praxis einschlägiger Jazzakademien vorkommen soll, sondern vielmehr totale Hingabe an den Spielprozess.
Mit Leipzig ist Petrowsky aufs Engste verbunden. Nicht nur weil er hier einst in Bert Noglik einen der beiden führenden deutschen Jazzkritiker als intellektuellen Begleiter fand, sondern vor allem weil seine Frau - niemand Geringeres als die unnachahmliche Sängerin Uschi Brüning - durch ihre Geburt mit dieser Stadt verwurzelt ist. Nun hat frei improvisierte Musik in der Leipziger "naTo" eine beachtliche Tradition. Mit der durch Bert Noglik kuratierten Reihe „Musik-Zeit“ und den musikalisch-theatralischen Installationen des „EUPHORIUM_freakestra“ ist die Szenekneipe in der Karl-Liebknecht-Straße, Spielort einer aufregenden Musiklandschaft. Einleuchtend, gerade dort das nominell größte Jubiläum des Jazzjahres 2008 zu feiern. Denn Günter „Baby“ Sommer und Alexander von Schlippenbach, die Leiter der zentralen und globalen Gruppen, feierten in diesem Jahr gerade erst ihren 65. bzw. 70. Geburtstag. Petrowsky bleibt voraussichtlich immer der „dienstälteste Jazzer“.