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Raffinierter Stilist des Altsaxophons: Phil Woods. Foto: Hans Kumpf
Raffinierter Stilist des Altsaxophons: Phil Woods. Foto: Hans Kumpf
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Der Fackelläufer

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Zum Tode des Altsaxophonisten Phil Woods
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Giganten werfen große Schatten, und diese verdecken oft die Sicht auf jene, die darin stehen – auch wenn sie ohne den Schattenspender Phänomenales vollbringen. Die Geschichte von Phil Woods ist die eines Künstlers, der durch jahrzehntelanges Musizieren auf Höchstniveau nicht nur aus einem enormen Schatten heraustrat, sondern selbst einer ganzen Generation zum leuchtenden Vorbild wurde. Was Dexter Gordon den Tenoristen bedeutete, war Phil Woods den Altisten: Leitfigur des Bebop-Revivals und Wegbereiter des Neobop. War aber Gordon selbst der Vater des Bebop-Tenors, so war Phil Woods ein Fackelläufer, der sein Feuer an dem seines musikalischen Vaters entzündet hatte: Charlie „Bird“ Parker.

Als „Bird“, der Mitbegründer und König des Bebop, 1955 starb, galt Phil Woods, der bald darauf sogar Parkers Witwe heiratete, vielen als der „New Bird“. Das Attribut wurde auch Cannonball Adderley und Sonny Stitt und einer Reihe anderer verliehen. Doch während Stitt stilistisch zu nahe an Parker war, Adderley mit seinem Soul Jazz ein eigenes Königreich gründete, war Phil Woods der ideale Thronerbe. Jener, der das Reich erweiterte und mehrte, aber nicht komplett umkrempelte.

Tradition sei Weitergabe des Feuers, nicht Anbetung der Asche, hat Gustav Mahler einmal gesagt. Dieses Feuer hat Phil Woods in alle erdenklichen Gefilde getragen. Er hat nicht nur viele hervorragende Bop-Alben eingespielt. Er hat auch mit dem Bouzouki-Spieler Iordanis Tsomidis griechische Hits aufgenommen, kam mit Billy Joel in die Pop-Charts; er hat Tango gespielt, die Schwellen zum Free Jazz und zum Jazz Rock überschritten. Man könnte seine Diskographie gegen den Strich lesen, als Folge von Ausbruchsversuchen aus den Regeln einer Musikform, die schon in seiner Jugendzeit vollkommen ausgeprägt war. Dabei war es doch nur Neugier und Absenz von Purismus – was auch schon Parker vorgelebt hatte. Entscheidender ist: Auch wo Woods nur die „reine Lehre“ des Bebop vertrat, war er niemals Parkers Imitator! Als einer der eigenständigsten und virtuosesten Vertreter der Parker-Schule vereinte er Eigenschaften, die sich selten so stark ausgeprägt bei einem Musiker zusammenfinden: Er brachte packende Emotionalität, brodelnde Intensität mit einem scharfen Geist und ausgeprägten Formsinn auf den Nenner. Selten in der Jazzgeschichte stieß ein so expressiver und nuancenreicher Sound auf eine so logische Linienführung. Und boppte es noch so heftig, wurde die Stimmung gar dramatisch, bewahrte der Musiker doch Gelassenheit über der scheinbaren Raserei, klang sein Alt stets sanglich.

So leidenschaftlich sein Vorbild Charlie Parker auch spielte, er tat dies mit einem Sound, der so trocken war, dass Zeitgenossen fanden, er klinge wie eine Gießkanne. Damit kehrte der bewusst unsentimental spielende Bird dem Soundideal der Swing-Ära den Rücken. Woods aber machte dies rückgängig: Er baute gerade die von seinem Idol gemiedenen Stilelemente und Klangeffekte aus: Die Growls der R&B- Altisten, die Eleganz eines Benny Carter, die Sinnlichkeit eines Willie Smith und vor allem die Süße und Eindringlichkeit von Johnny Hodges lebten in seinem breiten, glänzend herausschwingenden Ton. Es ist einer der originellsten, vielfältigsten und am leichtesten zu identifizierenden Saxophonsounds im Jazz. In Jahrzehnten reifte er heran: Der junge Woods, der bei Lennie Tristano in die Lehre gegangen war, klang in den 50er-Jahren fast noch cool, ohne seinen charakteristischen „cry“. Doch sein Weg führte zu immer größerer Expressivität. Und klang er um 1970 mit seiner „European Rhythm Machine“ wie ein feuersprühender Vulkan, so ließ der alternde Woods Balladen ohne sprudelndes Beiwerk in der Essenz ihrer natürlichen Wirkkraft bestehen.

Der bis kurz vor seinem Tod aktive, am 29. September 2015 in Stroudsburg, Pennsylvania, im Alter von 83 Jahren verstorbene Phil Woods war 60 Jahre nach Parkers Tod nicht nur sein legitimer Erbe, sondern der authentische Bop-Saxophonist schlechthin. Ja, die Wahrscheinlichkeit Woods, den beliebtesten Altisten der letzten 40 Jahre, irgendwo zu hören war, ungleich größer als die, auf die Musik seines einer längst mythischen Ära angehörenden Vorbilds zu stoßen. Das Verhältnis von Schatten und Verdecktem hatte sich fast umgekehrt.

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