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300 A3-Seiten Originalmanuskript, neun Stunden Spieldauer: Kevin Bowyer an der Orgel der Elbphilharmonie mit der zweiten Orgelsinfonie von Kaikhosru Shapurji Sorabji. Foto: Guido Krawinkel
300 A3-Seiten Originalmanuskript, neun Stunden Spieldauer: Kevin Bowyer an der Orgel der Elbphilharmonie mit der zweiten Orgelsinfonie von Kaikhosru Shapurji Sorabji. Foto: Guido Krawinkel
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Der unerschrockene Marathon-Mann

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Kevin Bowyer und die zweite Orgelsinfonie von Kaikhosru Shapurji Sorabji
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Am 15. September 2019 wurde in der – im Übrigen bei weitem nicht ausverkauften – Elbphilharmonie Musikgeschichte geschrieben. Um genau 23.10 Uhr setzte der britische Organist Kevin Bowyer (58) mit geradezu markerschütternden Akkorden einen gewaltigen Schlusspunkt unter ein geradezu gigantomanisches Unterfangen: die vollständige Aufführung der zweiten Orgelsinfonie von Kaikhosru Shapurji Sorabji an einem Tag.

Begonnen hatte Bowyer vormittags um elf Uhr. Abzüglich der Pausen macht das schlappe neun Stunden Spieldauer. Damit toppt die zweite, 1932 vollendete Sinfonie selbst Sorabjis Opus Clavicembalisticum, das „nur“ auf gut vier Stunden kommt. Und ebenso wie dieses, bietet die lange Zeit für unspielbar gehaltene Sinfonie technische Hürden, die jeden Interpreten vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Kevin Bowyer hat es dennoch gewagt. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Musik des 1892 in Essex geborenen und 1988 in Dorset gestorbenen, einst als „monströsester Komponist aller Zeiten“ bezeichneten Eigenbrötlers, hat von allen seinen drei Sinfonien spielbare Fassungen hergestellt, und die erste Sinfonie auch auf CD eingespielt.

Mit der zweiten ist nun gleiches ge­plant, doch dafür, so sagt er am Tag nach dem Konzert, wolle er das Stück erst mal in Ruhe und in kurzen Abschnitten so üben, dass eine Einspielung seinen Ansprüchen genüge. Er werde „die Sinfonie in sehr kleinen Abschnitten üben und sie Seite für Seite aufnehmen, um eine Gesamtaufnahme über einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren zu produzieren. Ich denke, dass das der einzige Weg ist.“ Nicht zuletzt aus logistischen und finanziellen Gründen werde das auf seiner Hausorgel, einem elektronischen Instrument mit der Hauptwerk-Software geschehen. „Um eine Studioaufnahme auf einer Pfeifenorgel über einen Zeitraum von einem oder zwei Jahren zu produzieren, würde man etwa 30.000 Pfund brauchen.“

Man merkt Bowyer an: Sorabji lässt ihn nicht los, auch wenn die Strapazen, die diese Musik ihm abfordert, fast übermenschlich sind. Die spieltechnischen Schwierigkeiten sind horrend, Regers Choralfantasien oder manches Werk der Neuen Musik sind nichts dagegen. Die geistige Konzentration und die körperliche Kondition, die ihm so ein Marathon abfordert, kann man durchaus mit den Anforderungen an Bergsteiger, Triathleten oder andere Extremsportler vergleichen. Bowyer hat sich einen Ruf erarbeitet, wenn es um organistische Härtefälle geht. Wenn etwas schwer und schräg ist: der Brite spielt es. Selbst wenn es unspielbar erscheint. Auch stilistische Scheuklappen kennt Bowyer nicht. Er ist ein musikalischer Allesfresser, der scheinbar vor nichts zurückschreckt.

Auch nicht vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe wie Sorabji. „Es war eine sehr schwierige Aufgabe. Ich habe dieses Stück schon ein paar Mal gespielt­ und es wird nie einfacher. Viele hundert Stunden Übung habe ich in dieses Unterfangen gesteckt und es ist immer eine beängstigende Sache, viele Monate im Voraus zu wissen, dass ich das noch einmal durchmachen muss. Denn das Stück ist nicht nur lang, es ist auch unerbittlich schwierig und an manchen Stellen auch ziemlich unangemessen schwierig, so dass es immer eine große Erleichterung ist, es hinter sich gebracht zu haben.“

Bleibt nur die Frage: Warum tut Bowyer sich das an? „Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Als ich viel jünger war, dachte ich, dass man – um etwas auf eine lohnende Art und Weise zu tun – der Beste in dem sein muss, was man tut. Also habe ich mir eine unmögliche Aufgabe gestellt. Als ich zum ersten Mal in der Royal Academy of Music Library auf die Partitur der ersten Sinfonie stieß, war ich 18 Jahre alt. Als ich dort ein neuer Schüler war, schien dies zu den Herkulesaufgaben zu passen, die ich suchte. Ich habe diese Sinfonie dann zuerst gespielt,­ als ich 27 war. Aber seit damals habe ich mich verändert, und was mich jetzt dazu treibt, ist die Botschaft, die sie hat. Und die Botschaft, die sie hat, ist eine gnostische Angelegenheit, Gott finden, wenn man so will. Das Bedürfnis, das eigene und das Bewusstsein anderer zu erweitern, das Bestreben, etwas zu sagen, was nicht gesagt werden kann.“

Immerhin zwei Paar Orgelschuhe hat Bowyer im Laufe der Jahre bei der Arbeit an der 2. Sinfonie durchgespielt. Doch trotz der langen Beschäftigung mit Sorabji bleiben stets Zweifel. „Ich denke, dass die Musik so kompliziert ist, dass man nie mit ihr fertig wird.“ Nach all den Jahren habe er Sorabjis Musik durchaus verstanden, so Bowyer, aber er werde nie ihr Meister sein. „Als ich 1987 die 1. Symphonie spielte, verbrachte ich viel Zeit damit und fand heraus, dass ich sie nach etwa 18 Monaten spielen konnte wie jedes andere Stück Orgelmusik. Es hatte sich eine Art Muskel-Gedächtnis entwickelt und der Körper konnte es spielen wie jedes andere Musikstück auch.“ Mit der 2. Sinfonie sei das nahezu unmöglich. „Zwischen der 1. und der 2. Symphonie gibt es eine Linie der Unmöglichkeit, die ich nicht überschreiten kann. Ich glaube nicht, dass ich das jemals tun werde.“

Sorabjis dritte Sinfonie will Bow­yer nicht mehr anpacken. „Die ist für jemand anderen, die ist noch härter. Im Manuskript ist sie etwas kürzer, aber die Handschrift ist noch kleiner als bei der 2. Sinfonie und noch schwieriger zu lesen. Sie ist zudem sehr dicht geschrieben, besonders der erste Satz, der etwa 80 Minuten lang ist. Und die rhythmische Komplexität, die man in der 2. Sinfonie hört, hat sich in der 3. verdoppelt.“ Allein die siebenstimmige und im Manuskript auf sieben Systemen notierte Schlussfuge zu spielen, sei physisch unmöglich. „In meiner Edition habe ich die Anzahl der Systeme reduziert, aber um das überhaupt spielen zu können, müsste man vier Stimmen vorab aufnehmen und die anderen drei live zur Aufnahme spielen.“

Nach der Aufführung der 2. Sinfonie plant Bowyer nun erst mal in etwas kleineren Dimensionen. Als Universitätsorganist im schottischen Glasgow spielt er dort regelmäßig Konzerte und viele Hochzeiten. Als nächstes steht dort eine Reihe mit zeitgenössischer amerikanischer Orgelmusik auf dem Programm. Das verlangt nach einem gewissen Durchhaltevermögen, das ihm auch bei der Arbeit an der 2. Sinfonie geholfen hat. „Ich bin stur. Der Grund, warum ich diese Musik überhaupt in Angriff nehmen konnte, ist, dass ich diesen hartnäckigen Wesenszug habe. Bei der Aufführung der 2. Sinfonie wurde ich im zweiten Satz sehr, sehr müde und dachte, ich müsste aufhören. Aber meine Hartnäckigkeit ließ mich unerbittlich bis zum Ende durchhalten. So ist es und es ist gerade diese Sturheit, die mich durch alles trägt. So einfach ist das.“

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