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„Montag“ minus Schlagzeug: vorne Julian Friedrich, hinten Dominik Pobot. Foto: Ulrich Lindenthal
„Montag“ minus Schlagzeug: vorne Julian Friedrich, hinten Dominik Pobot. Foto: Ulrich Lindenthal
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Ihr müsst mehr auf euer Scheitern achten – das dritte Album der Hamburger Band „Montag“

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Man fühlt sich ertappt. Dann, wenn „Montag“, das gleichnamige Album von Julian Friedrich (Gesang, Piano, Bass), Dominik Pobot (Gitarre) und Schlagzeuger Robin Fuhrmann den ersten Hörgang vollendet hat. Selbstvorwürfe ziehen auf. Warum nur jubelt man ständig die angloamerikanische Musik hoch, wenn doch diese Band aus Hamburg zum einen bereits zwei glänzende Alben mit Popmusik veröffentlicht hat und zum anderen am 30. Januar 2009 dieses erhellende und selbst betitelte Album zum Verkauf anbietet?

Warum nur? „Na ja“, erklärt Julian Friedrich abgeklärt, „die englischen oder amerikanischen Bands, die bei uns aufschlagen, haben natürlich andere Vermarktungswege. Die haben Tourneen hinter sich, einen anderen Background und spielen alles in Grund und Boden.“ Doch allein am Geld kann es wohl nicht liegen.

Denn man kann Montag keinen Vorwurf machen, dass der große Durchbruch – sofern erwünscht – noch nicht stattgefunden hat. Die Musik stimmt, das Songwriting ist gesund und nicht verharzt. Dazu gibt es literarische Begleitung. Statt der Texte finden sich im Booklet der aktuellen CD „Montag“ (Tapete Records) Gedichte von Julian Friedrich. Das ist mutig. Wenn englischsprachige Künstler das veranstalten, beginnen die Feuilletonisten zu speicheln. Und hier? Bei uns? „Das hat in Deutschland gleich einen pseudo-poetischen Anstrich“, berichtet Julian Friedrich. „Da werden viele Leute plötzlich streng, wenn man so etwas macht. Da heißt es dann, ‚da sind aber viele Worte nicht richtig geschrieben, und was soll das denn bedeuten‘. Aber dass eine derartige Idee angenommen wird, konnte ich bisher nicht feststellen. Es geht darum, eine Platte mit diesen Gedichten mal in eine andere Richtung zu schubsen. Und vielleicht kaufen dadurch ein paar Menschen mehr die Platte.“

Dabei sind Friedrichs Texte keine verklausulierten Postulate. Ziemlich offen lässt er seine Seele schaukeln. Spricht Einladungen aus. Zu sinnieren. Höhen und Tiefen zu reflektieren. Manchmal sehr offen. Zu freizügig eventuell, für den Deutschen und sein Problem, mit Emotionen umzugehen. Die man ihm frecherweise in Form von Musiktexten entgegen schleudert. Meint auch Julian Friedrich: „Ich denke, dass es in deutschen Texten zu konkret wird. Beim englischen Text versteht man nur Bruchteile und spinnt daran seine Phantasie weiter. Das mit deutschen Texten zu machen, ist man nicht gewöhnt. Wobei die englischen Texte nicht viel unterschiedlicher sind.“

Eben. Denn ein Schwerpunkt des Albums ist das – den englischsprachigen Künstlern nicht fremde – Thema „Scheitern“. Musste Julian Friedrich scheitern, um künstlerisch zu leben? „Ja“, lautet die Antwort. „Wobei das nur ein Aspekt von vielen ist, mit denen man in bestimmten Lebenslagen konfrontiert ist. Ich begreife das als Erkenntnisbögen, die man erst hinterher versteht. Scheitern sollte kein Prinzip sein. Ich könnte nicht sagen, dass ‚Scheitern das Allerwichtigste ist‘, oder ‚ihr müsst mehr auf euer Scheitern achten‘. Scheitern ist etwas Natürliches. Das sollte man als Chance nutzen. Und diesen Momenten habe ich mich auf dem Album gewidmet. So erklärt sich die Bemerkung, ,dass das Album eine Ode an die Schönheit des Scheiterns ist‘.“

Und nebenbei noch als Prozess der musikalischen Selbstversöhnung für Friedrich fungierte. Was bleibt von diesem Vorgang? „Es bleibt, dass das Leben keine Sicherheit bietet. Dass es erstrebenswert ist, mit Provisorien zu leben und keinen geraden Lebenslauf zu haben. Dass das zudem nicht als Makel definiert wird. Für mich ist das der bessere Weg zum Ziel. Die Gesellschaft bietet uns bestimmte Wege. Die nicht auf jeden passen. Aber wenn man am Rand entlang tänzelt, bewegt man sich viel zielstrebiger, als verbissen den Normen zu folgen, und damit würde ich mich unwohl fühlen. Das nehme ich aus der Selbstversöhnung mit.“

Julian Friedrich transportiert diese Erkenntnisse glaubhaft und unegoistisch. Stellt sich die Frage, ob ein solcher Desinfizierungs-Prozess nur als Indie-Band möglich ist. Kann man sich als Star so seinen Gedanken hingeben? „Ich glaube nein“, erwidert Friedrich. „Man muss dafür eine Gleichzeitigkeit haben. Auf der einen Seite im Innersten das Gefühl haben, dass es so okay und man vielleicht mittelmäßig ist. Und gleichzeitig muss man in sich drin haben: ‚Du kannst die Welt verändern, du kannst alles erreichen.‘ Ich finde, das ist keine Schizophrenie, sondern eine Kunst, das zu vereinigen.“

Ein wunderbares Schlusswort. Wäre da nicht der erste Song des Albums, „Part 1“, der Friedrichs Schlusswort überstrahlt. Weil er einer der schönsten Songs einer deutschen Band ist, den man in den letzten Jahren hören durfte. Zumal der Refrain mit seinen endlos weinenden Streichern einem die Tränen in die Augen treibt. Und Julian Friedrich singt: „Plötzlich ist der Kopf klar, Ich fahr jetzt los, Halt deine Briefe aus dem Fenster, Und ich lass sie los.“ Bereits da hat man ihn verstanden.

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