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Kaija Saariaho. Foto: M. Kytöharju
Kaija Saariaho. Foto: M. Kytöharju
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„Meine Musik reflektiert meine Person“

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Zum 60. Geburtstag der finnischen Komponistin Kaija Saariaho
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Es ist diese besondere Mischung aus Finnlands Urwüchsigkeit und nordischer Kühle, die Kaija Saariaho ausstrahlt, wenn sie den Raum betritt. Die Person scheint sich mit der Aura ihrer Musik zu decken: sehr fragil und doch bestimmt. Werke wie „Graal Théatre“ für Violine und Orchester, „Verblendungen“ oder „Stillleben“ gehören zu ihren berühmtesten. Unter anderem wurden ihr der Kranichsteiner Musikpreis, der Prix Italia und der Musikpreis des Nordischen Rats verliehen. Doch wie ist die 1952 in Helsinki geborene Komponistin, die am 14. Oktober 2012 ihren 60. Geburtstag feiert, überhaupt zur Musik gekommen?

Kaija Saariaho gehört zu den Musikschaffenden, die nicht aus einer Musikerfamilie stammen, sondern den Zugang zur Musik aus eigener Kraft und eigenem Interesse gefunden haben. „Das erste Erlebnis waren einige Schallplatten, die ich in meinem Elternhaus hörte. Aber da in meiner Familie keine Musiker waren, handelte es sich eher um populäre Musik, die ich als erstes wahrnahm.“ Und als sie weiter in ihren Erinnerungen gräbt, hat der Zuhörer schnell wieder die finnischen Wälder vor Augen: „Aber was ich wirklich als erste Erfahrung mit der Musik bezeichnen würde, fand tatsächlich in der Natur statt. Als ich ein Kind war, habe ich viel Zeit im Wald verbracht; ich liebte besonders den Wald nach dem Regen. Er bot ein faszinierendes Hörerlebnis, weil alles so widerhallend und doch still war. Das waren meine ersten prägenden Musikerfahrungen.“ Bei ihrem anschließenden Weg in die klassische Musik bewies die Künstlerin schon früh Zielstrebigkeit. „Ich wurde durch unser Radio auf die klassische Musik aufmerksam, vor allem, indem ich selbst danach gesucht und mich kundig gemacht hatte. Besonders in der Sommerzeit war ich oft im Konzerthaus. Ich bin nie dorthin gebracht worden, als ich alt genug war, habe ich selbst damit angefangen, zu den Konzerten zu gehen. Das ist aber in einem Land wie Finnland sehr jung: mit elf oder zwölf Jahren. Ja, diese Erinnerung an meine Anfänge mit der Musik habe ich“, sagt die Künstlerin und lächelt.  

Bei aller höflich-nordischen Zurückhaltung ist es die Zielstrebigkeit, die ihr überhaupt den Weg in das bis dahin in Finnland von Männern dominierte Feld der Komponisten geebnet hat. Ein Weg, der für sie anfänglich sehr beschwerlich war. Im Alter von elf Jahren erlebte sie bei der Lektüre einer Mozart-Biographie ihre erste Demotivation: „Als ich las, dass Mozart in diesem Alter bereits ein großer Komponist war, war ich ganz deprimiert. Gleichzeitig weckte es in mir dieses übergroße Bedürfnis, als Komponistin meinen eigenen Weg zu gehen.“ Mit ihrer ureigenen Stärke konnte sich Kaija Saariaho bei ihren männlichen Kollegen durchkämpfen und ihren ganz eigenen Weg finden: Ihre zwar von der Avantgarde gespeiste und oft von Bildern und Lyrik inspirierte, hoch reflektierte, dabei einspinnende und geradezu klangmagische Musik entwickelt eine Sogwirkung, die Raum-/Zeitkoordinaten aufzuheben scheint. Ihre Kompositionen „leben“ förmlich aus dem Klanggeschehen heraus. 

Während ihres Kompositionsstudiums bei Paavo Heininen an der Sibelius-Akademie in Helsinki gründete sie mit ihren Studienkollegen die Vereinigung „EarsOpen!“, die nicht nur Konzerte in Kindergärten und Gefängnissen organisierte, sondern auch moderne Werke nach Finnland brachte. „Wir machten wichtige Konzerte, wie ‚Mikrophonie‘ von Stockhausen, das niemals vorher gespielt worden war, und viele andere. Es war wichtig für uns, denn Finnland befand sich musikalisch in einer Phase, in der zwei sehr wichtige Komponisten, Joonas Kokkonen und Aulis Sallinen, die finnische Musikszene so stark beherrschten, dass wir uns unseren eigenen Raum schaffen mussten.“ Und wie wichtig ist für die mittlerweile längst selbst berühmte Künstlerin der große finnische „Übervater“ Jean Sibelius? „Sibelius ist für jeden finnischen Komponisten sehr wichtig. Schon allein deshalb, weil seine Musik so präsent ist, immer und überall. Bereits als Kinder in der Schule haben wir seine Lieder gesungen. Seine Lieder-Zyklen sind so bekannt, jeder kennt sie mit seinem Herzen. Die Sinfonien werden ebenfalls oft gespielt,

deshalb sind sie natürlich wichtig. Aber als ich erwachsen wurde und von Finnland weggezogen bin, hat sich meine Einstellung zu ihm natürlich verändert und ich habe sein Werk unter professionellen Gesichtspunkten gewürdigt und analysiert – all die sieben Sinfonien. Natürlich ist sein Werk immer noch sehr wichtig. Einige Leute meiner Generation und der Generationen vor uns hatten das Gefühl, dass der Einfluss sehr niederdrückend und übermächtig ist. Doch ich spürte eine solche Beklemmung nie wirklich.“ 

Empfindet sich Kaija Saariaho denn selbst als finnische Komponistin? „Auf der einen Seite bin ich mir nicht sicher, ob ich so denken kann. Auf der anderen Seite empfinde ich mich immer noch als eine sehr finnische Person. Selbst wenn ich über die Jahre hinweg immer sehr schüchtern war, hat sich mein öffentliches Auftreten doch stark verändert. Da meine Musik meine Person reflektiert, dürfte auch die Musik in dieser Art und Weise finnisch sein. Ich denke deshalb schon, dass ich eine finnische Komponistin bin. Trotzdem hängt es natürlich von der genaueren Definition ab. Aber der musikalische Ausdruck und der Weg, in die Tiefe zu gehen und große Formen mit langen Zeitspannen zu bilden, das alles ist, denke ich, sehr nordisch.“ So blickt die Komponistin, die ihre Studien in Freiburg und Paris weitergeführt hat, heute weniger asketisch gegen sich selbst in die Zukunft: „Ich erlebte in Frankreich die Bedeutung von Gefühlen und ich spürte, dass diese Erfahrungen sehr bereichernd für mich waren. Die ersten Jahre in Paris lehrten mich, dass so viele Dinge koexistieren und Leute sehr polemisch sind. Und ich lernte, dass von mir nicht erwartet wird, immer allem zuzustimmen. Dies waren sehr wichtige Erkenntnisse für meine eigene Identitätsbildung, weil ich fühlte, dass ich genau so existieren kann, wie ich bin. Gerade das war zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig.“ 

CD-Tipp

  • Kaija Saariaho: Works for Orchestra, ONDINE 1113-2Q (4 CDs im Schuber)

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