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Helga Pogatschar
Helga Pogatschar
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Meine Neugier ist unersättlich

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Björks vogelwilde Schwester: die Komponistin & Produzentin Helga Pogatschar
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Von wem ist da die Rede? „Er hat Musik zu Pornofilmen gemacht, Schlager und auch Neue Musik. Ein vogelwilder Heini.“ Natürlich von Maestro Ennio Morricone, der am 20. Oktober in der Münchner Philharmonie ein Konzert gab. Und die, die da so nonchalant das musikalische Universum des Meisters beschrieb, war eine Kollegin: die Münchnerin Helga Pogatschar (38), die gerade in den letzten Vorbereitungen steckt zu ihrem neuesten Projekt, dem multimedialen „Traumtext“ – nach einer Vorlage von Heiner Müller. (Premiere in der Muffathalle: 6. November, 21 Uhr; weiterer Termin am 7. November, 20.30 Uhr). Ihren Morricone hat Pogatschar im Übrigen bei ihrem großen Lehrer und Mentor Enjott Schneider kennen gelernt, der gerade in einem Süddeutsche-Interview bekanntgab, sich von der Filmmusik („Schlafes Bruder“) etwas zurückzuziehen. Die Pogatschar hat diesen Schritt schon vor einigen Jahren getan, als sie die Auftragsarbeiten für Industrie und TV – wegen der Phantasielosigkeit der Redakteure – anfingen, anzuöden. Inzwischen ist sie zur „Marke“ geworden, zur begehrten Komponistin für Medienkunst und Musiktheater. Ihre letzte CD „Inanna“ bezeichnete ein Kritiker schlicht als „Soundtrack des Jahres – ohne Film“.

Den vielleicht spektakulärsten Auftrag erhielt sie in diesem Jahr von der Klassik-Redaktion des Bayerischen Rundfunks: „Tims wundersame Sternenreise“, die Vertonung einer Geschichte von Rudolf Herfurtner. Zwölf Stunden lang standen Pogatschars „Sternenbilder“ am 9. Oktober im Mittelpunkt einer Bayern 4 Klassik-Aktion. Zusammen mit dem Verband Bayerischer Sing- und Musikschulen hatte der öffentlich-rechtliche Klassiksender zu einer „Sternenreise“ eingeladen. Schüler von zwölf bayerischen Musikschulen haben Pogatschars zwölf „Sternzeichen“-Kompositionen eingespielt. Bayern 4-Redakteur Leonhard Huber zeigte sich von der Qualität des Ergebnisses beeindruckt: „Die Aufnahmen zeigen, welch tolle Arbeit von den Schulen geleistet wird.“ Im Hörfunk erzählte Pogatschar den Kindern sehr anschaulich, wie sehr sie beim Komponieren assoziativ arbeitet. Zum Beispiel beim Skorpion. Klein und lauernd sei das Tier und gefährlich wie der „Weiße Hai“. Und schon entwickelte sich das bedrohliche „Skorpion“-Thema. Eine klassische Programmmusik ist so entstanden. In der Hörspiel- und Medienkunst-Abteilung des Bayerischen Rundfunks ist Helga Pogatschar inzwischen zu einer Art „Hauskomponistin“ geworden. Produktionen wie Thomas Harlans „Rosa – die Akte Rosa Peham“ oder Raoul Schrotts „Tristan da Cunha“ sind sogar als Hörbucher erschienen. Für letzteres Hörspiel schrieb Pogatschar eine unglaublich melancholische Musik für eine einsame Insel.

In der Neuen Musik hat Helga Pogatschar ihr Biotop gefunden. Sie scheint den Ruhelosen tatsächlich eine Art von musikalischer Heimat zu bieten, jenseits des großen Trubels. Während die einen lauthals nach einer „Elite“ und nach einer „University of Munich“ schreien, zieht sich die Pogatschar lieber zurück in ihr Heimstudio und arbeitet an ihren Projekten. Blinder Aktionismus und Selbstdarstellung sind dem pragmatischen Dickschädel zuwider. Ähnlich wie Björk ist die Pogatschar ein verspieltes „Kind der Freiheit“, mit einer unersättlichen Neugier nach (musikalischen) Grenzerfahrungen. Durch und durch ein Geschöpf des 21. Jahrhunderts – mit Wurzeln in der Romantik! – ist sie nicht ganz von dieser Welt und jener Welt. Wie Björk ist sie ein moderner Zwitter, verbunden gleichermaßen mit Natur und Technik. Eine freie Künstlerin, manche mögen sie als „vogelfrei“ sehen, die keine Verbote kennt. Und das scheint wohl der tiefere Grund zu sein, warum sie ihren Platz in der – noch geschützten! – Neuen Musik fand, deren „Pluralität“ sie so schätzt, und nicht in der Pop-Musik, die sie im Übrigen sehr liebt, die sich aber letztlich doch an der Anzahl der verkauften Einheiten orientiert. Trip Hop, Ambient oder Techno verwendet sie deshalb genauso gern wie Obertongesang in ihren „Hörkino“-Stücken.

Der Drive und die Energie des Workaholics ist nach wie vor bewundernswert. Ende der Neunziger erregte etwa ein schmales schwarzes Büchlein von Klaus Theweleit die Aufmerksamkeit von Helga Pogatschar. „Heiner Müller. Traumtext“ stand da in roten Lettern auf dem Umschlag zu lesen. Ihr fiel dazu spontan eine Sentenz aus Müllers „Germania 3“ ein: „Die Gespenster schlafen nicht. Ihre bevorzugte Nahrung sind unsere Träume.“ Müllers (allerletzter) herzzerreißender „Traumtext“ zog sie in seinen Bann: „Ich gehe, meine Tochter, sie ist zwei Jahre alt, in einem aus Bambus geflochtenen Korb auf dem Rand eines riesigen Wasserbeckens entlang, rechts oder links von mir, je nach der Richtung meines Rundgangs, (die einzige Wahl, die ich habe), eine unersteigbar hohe Wand, die ebenfalls aus Beton besteht.“ Klaus Theweleit, der große „Leser“ unserer Zeit („Buch der Könige“), hat dieses Prosagedicht des wichtigsten DDR-Autors kenntnisreich kommentiert: „Über den zwei getippten Seiten steht ‚TRAUMTEXT (1995)‘, – nicht einfach ,Traum‘. Das lässt die Frage offen, ob es sich bei diesem ‚Text von einer Verabschiedung‘ um einen tatsächlich so geträumten Traum handelt, geträumt in einer einzigen Nacht…“

Auf ihrer ewigen Suche nach „Stoff“ hatte Pogatschar intuitiv das ideale Material gefunden, denn „Traum ist Text“, schreibt Theweleit. „Traum heißt das, existiert nicht außerhalb und nicht unabhängig von Kunstformen oder von Medienkonstellationen. Traum ist Kunst, Traum ist technisch, oder er ist nicht. Müllers Titel Traumtext scheint das Wissen davon auszudrücken.“ Auch die Pogatschar, die schon 1995 dem Kriegsgott „Mars“ ein merkwürdig melancholisches Requiem widmete, musikalisch den großen Mythen „Lilith“ oder „Titus Andronicus“ (in der Bearbeitung von Heiner Müller und Albert Ostermaier) nachspürte, weiß davon. Zuletzt verwandelte sie das sumerische Epos „Inanna“ – mit streng wissenschaftlicher Unterstützung! – in einen babylonischen Singsang, einen „Ohrwurm“ (SZ) des 21. Jahrhunderts. Eine „Tanzoper“ nennt Helga Pogatschar nun ihre Adaption von Heiner Müllers „Traumtext“. Sie will darin musikalisch – mit 50 Musikern und dem katalanischen Tänzer und Choreographen Cesc Gelabert – und multimedial „jenem inneren Kampf zwischen Wissen, Ahnen und Verdrängen“ vielschichtig nachspüren. Eine Oper für Doktor Freud also? „Vielleicht auch, aber vor allem ein Geschenk an Heiner Müller“.

www.helga-pogatschar.de

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