Der 1965 im oberösterreichischen Wels geborene Komponist Thomas Mandel erschafft unter anderem Jazzversionen der Sinfonien Anton Bruckners – und erntet dafür Standing Ovations. Jetzt ist die erste CD unter dem Titel „bruckner V improvised – Thomas Mandel & The Temporary Art Orchestra“ erschienen. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt der Uraufführung, die am 16. August 2007 im Bibliothekskeller des Stiftes St. Florian stattfand. Die nächste CD der Reihe – „bruckner VII translated“ – wird in Kürze veröffentlicht. Die nmz traf den Komponisten in seiner Heimat Zaubertal bei Linz und sprach mit ihm über dessen Bruckner-Projekt.
Thomas Mandel ist unüberhörbar ein waschechter Österreicher. Und was seine künstlerische Sozialisation betrifft, könnte auch diese österreichischer kaum sein. Als Bub war er einzelgängerisch, las am liebsten Adalbert Stifter und verehrte Anton Bruckner. Das tut er auch heute noch, aber anders als früher. Ein musikalisches Initiationserlebnis warf ihn mit einem Schlag aus der hermetischen Sphäre der Klassik hinaus und katapultierte ihn in die moderne Welt des Jazz: Anfang der 80er Jahre hört er Garry Raffertys Hit „Bakerstreet“, der nicht zuletzt durch das Saxophon-Solo Kultstatus errang. „Seitdem interessierte mich nichts so sehr wie diese neuen Akkorde, die musikgeschichtlich natürlich nichts Neues waren, mich aber durch die Art und Weise ihrer Voicings – welch magisches Wort! – in den Bann schlugen. Mit Miles Davis ‚Kind of Blue‘ versank die vergangene Musik für mich dann tatsächlich in der Vergangenheit.“ Ab diesem Zeitpunkt galt seine Liebe der Improvisation, „genauer gesagt: der melodischen Improvisation“, wie Mandel ergänzt. „Nicht die Rhythmen des Jazz waren neu für mich, das kannte ich schon aus der Klassik, sondern die Melodien und deren Rhythmik waren unerhört. Charlie Parkers rasende Linien hatten ähnlich wie bei Schönberg alle zwölf chromatischen Töne in einer Phrase, aber sie klangen nicht spröde, sondern inspiriert.“
In den folgenden Jahren beschäftigt sich Mandel fast ausschließlich mit Jazz: „Immer lief der Plattenspieler, unterwegs hatte ich den Walkman auf, es gab keinen Augenblick, in dem ich mich nicht in die Welt dieser Musik einlebte.“ Er entwickelt ein grundlegendes Verständnis vom Jazz, glaubt irgendwann zu wissen, worum es dabei wirklich geht: „Mir war es jedenfalls klar, und das unterschied sich substanziell vom ‚jazzeln‘ all derer, die sich nur oberflächlich mit der Jazzmusik auseinandergesetzt hatten“, sagt Mandel selbstbewusst, doch ohne Arroganz. Überhaupt versteht er bei diesem Thema keinen Spaß: „Ich ‚verjazze‘ Bruckner nicht, sondern komponiere Jazzversionen seiner Sinfonien, das ist ein riesiger Unterschied.“ Es gehe darum, das einst bestürzend Neue in Bruckners Musik mit zeitgemäßen Mitteln für uns Heutige überhaupt wieder erfahrbar zu machen. „Vergebliche Mühe ist es, Werke aus der Vergangenheit aufzuführen und zu hoffen, dass die alten Zeichen auch die alten Bedeutungen und Empfindungen hervorrufen. Nur eine Transformation der Zeichen selbst eröffnet zumindest die Möglichkeit der Annäherung an die Werke von damals.“
Die zwei Wege zur Transformation sind für Mandel Improvisation und Übersetzung. „Die Richtung der Übersetzung fragt: Wie würde eine Bruckner-Sinfonie heute umgesetzt? Die Werktreue fragt hingegen: Wie hat sie damals wirklich geklungen?“ Die Improvisation ist für Mandel das adäquate Mittel, den formalen Aufbau und die Melodik von Bruckners 5. Sinfonie neu zu inszenieren, „quasi ein Remake davon zu machen mit den Bildern und Assoziationen der aktuellen Musikstile“, wie Mandel sagt. Seiner Ansicht nach war Bruckner ohnehin der Miles Davis des 19. Jahrhunderts, der immer, wenn irgendwo eine neue Orgel eingeweiht wurde, eingeladen war, zu improvisieren. „Bei diesen Konzerten testete er immer wieder Neues, das er dann in seinen Sinfonien umsetzte.“
Dass seine eigenen Übersetzungen der Sinfonien Bruckners von den Prämissen der Genauigkeit, der Sensibilität und dem Wissen um die historischen Bezüge geleitet werden, versteht sich für Mandel von selbst. Genau so selbstverständlich ist es für ihn, dass seine Jazz-Transformationen an Interpreten und Zuhörer die gleich hohen Anforderungen stellen wie die Aufführung einer „richtigen“ Bruckner-Sinfonie. Sowohl „bruckner V improvised“ als auch „bruckner VII translated“ dauern länger als die Originale. Dass sie dabei kurzweiliger sind und – ja – auch Spaß machen, ist kein Einwand, im Gegenteil. Denn: „Jetzt groovt er, der Bruckner.“
Hinweis
Die CDs können bezogen werden unter: www.thomasmandel.at