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Andrej Karnak ist ein Pfiffikus. Als junger Komponist und Produzent in Kiew hat er mit 200 Dollar angefangen, in eine Nische zu preschen. Als die staatlichen Verlage nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Produktion eingestellt hatten, kam er auf die Idee, Noten für Kinder und pädagogische Literatur herauszugeben. Er hat alles selbst gemacht, die Noten in den Computer eingegeben, den Druck der ersten 500 Exemplare überwacht und ist dann mit jedem Heft persönlich hausieren gegangen. Am Anfang sei es schwer gewesen, sagt er, aber mit der Zeit hätten die Leute gemerkt, daß es in den Geschäften keine Noten zu kaufen gebe und ihm alles abgenommen.
Foto: Schulze
Nachdem das geliehene Startkapital in rund einem Jahr zurückbezahlt war, spielte sich sogar Gewinn ein. Und weil Andrej Karnak auch als Komponist gehört und aufgeführt werden wollte, hat er sein ganzes Geld in ein Festival zeitgenössischer Musik gesteckt und dies auch gleich selbst organisiert. Dazu hat er die Agentur „Meta Art“ gegründet und sucht zunehmend nach Kontakten zu Künstlervermittlungen und Festivalorganisatoren in Deutschland und anderen westlichen Ländern. Mittlerweile ist der Komponistenverband der Ukraine auf ihn aufmerksam geworden, und hat sogar versprochen, „Meta Art“ auf die Liste der zu subventionierenden Projekte zu setzen. Das heiße aber noch lange nicht, daß der Komponistenverband das Geld auch tatsächlich bekomme und wenn, daß er es an „Meta Art“ weitergebe, meint Karnak. Künstlerische Überlegungen rücken nämlich in den Hintergrund, wenn es ums Geld und dessen Verteilung geht. Hatten in den ersten Jahren der Unabhängigkeit der Ukraine Musik-Festivals (allein vier pro Jahr in Kiew) Hochkonjunktur und wurden als Plattform für ukrainische Komponisten und Treffpunkt mit ausländischen Musikern und Komponisten auch weitgehend finanziert, stehen sie heute vor dem Aus. Das internationale Kiew-Musikfest etwa, das 1990 zum ersten Mal stattfand, mußte aus finanziellen Gründen abgesagt werden. Das „Festival der Jungen“ für den Nachwuchs, fand in diesem Jahr schon nicht mehr statt. Auch die „Premieren der Saison“, bisher alljährlich im Sommer, sind betroffen.
Schiffahrt auf dem Dnjepr (Foto: Schulze)
Dennoch scheint der Kampf ums Geld in der Hauptstadt Kiew, verglichen mit der Situation in den Regionen vergleichsweise positiv für Musik und Komponisten auszugehen. Mitunter sind Vertreter der Diplomatie und Geschäftsleute musikalischen Ereignissen gewogen und greifen fördernd ein. Dies führt dazu, daß sich eine neue Form von Zentralismus entwickelt und Kiew genauso zum Nadelöhr wird, wie es früher Moskau war. Und das nicht nur des Geldes wegen. Jetzt nämlich sonnen sich die ehemals zweitrangigen ukrainischen Musikfunktionäre in der Macht, die früher nur den Moskauern vorbehalten war. Noch immer ist der Komponistenverband ein Organ, das auch in der Ukraine entscheidenden Einfluß auf die Karriere eines jungen Künstlers hat, unabhängig davon, wie er komponiert. Außerdem verteilt der Verband einen Teil des für Musik zur Verfügung stehenden Budgets, das sich in der Regel aus Geldern des ukrainischen Kulturministeriums, der Kulturabteilungen der Städte und des Komponistenverbandes zusammensetzt. Staatliche Stellen kapitulieren meist vor Finanzierung für Musik.
Wenngleich die Ukraine nicht so stark wie Rußland von der Wirtschaftskrise betroffen ist, wurde doch die ukrainische Währung Hrywna Mitte letzten Jahres um die Hälfte abgewertet. Sponsoren haben teilweise ihre ursprünglich zugesagte Unterstützung zurückgezogen. Sponsoring wird in der Ukraine nicht durch Steuererleichterungen unterstützt. Das staatliche Budget für Kultur, das nur rund ein Prozent des gesamten ukrainischen Haushalts ausmacht und alle Sparten umfaßt, läßt keine großen Sprünge zu. Das führt dazu, daß bei Einladungen an in- und ausländische Interpreten, Komponisten, Dirigenten häufig der Preis vor dem Niveau rangiert und Leute eingeladen werden, die wenig oder nichts kosten. Wer gar noch Geld aus anderen Töpfen, von Festivals, Behörden, Sponsoren oder aus der eigenen Tasche mitbringt, ist besonders gern gesehen und genießt eine Narrenfreiheit, die das musikalische Resultat absolut in den Hintergrund rücken läßt.
Für die ukrainischen Komponisten, besonders die jungen unter ihnen, ist dies freilich fatal und erschwert ihnen die Orientierung. Zum einen ist der Blick nach Westen aus eben diesen finanziellen Gründen und organisatorischen Schwierigkeiten getrübt. Zum anderen sitzt vielen noch die sozialistische Vergangenheit im Rücken. Alles zusammen prägt ihre Musiksprache. Von der erstaunlichen Menge junger Komponisten in der Ukraine sind die wenigsten als Avantgardisten zu bezeichnen. Bei der Suche nach einem eigenen kompositorischen Weg in der Ukraine mangelt es an Vorbildern aus dem eigenen Land. Allenfalls ein Komponist wie der 1937 geborene Valentin Silwestrow gilt vielen als Idol. Berühmt wurde er durch seine Polystilistik, kann aber als Vertreter der Generation der 60er Jahre aufgrund der politischen Gegebenheiten der Zeit nicht Vertreter einer typisch ukrainischen Schule gelten. Die gibt es einfach nicht. Die massive Russifizierung in den 30er Jahren hat alles ukrainische bereits im Keim abgetötet. Ukrainische Musikwissenschaftler und Historiker machen sich nun zunehmend daran, das Erbe ukrainischer Musik zu erforschen und zu sichten, was davon geblieben ist. Ukrainische Komponisten graben nach den eigenen Wurzeln und verwenden in ihrer Musiksprache häufig Elemente der ukrainischen Volksmusik. Wie überhaupt vieles, was an neuen Stücken bei den Festivals vergangener Jahre präsentiert wurde, in diesen Grenzen folkloristischer Traditionen und Tonalität verweilt, diese bestenfalls einmal ausweitet und rhythmische Extravaganzen wagt.
Das Grundhandwerkszeug wird an den 25 Konservatorien im Land und anderen Ausbildungsstätten der Ukraine zweifellos solide gelehrt. Was aber fehlt, sind neue Impulse. Die könnten durch Teilnahme an Festivals im Ausland oder Besuche ausländischer Komponisten und Interpreten in der Ukraine entstehen. Aber dafür fehlt eben das Geld.
Der 1960 geborene Wolodymyr Runtschak ist da vielleicht eine Ausnahme. Er hat zwischen Einschränkung und neuer Freiheit erstaunlich gut seine persönliche Balance gefunden. Aus seiner Sonate für zwei Klaviere etwa, spricht Mut zur Aussage, die weit über eine reine Techniktreue gleich welcher Schule hinausgeht. Die reinen avantgardistischen Mittel sind für ihn sowieso nur Mittel.
(Foto: Schulze) Wolodymyr Rundschak
„Sie leben einen Sommer und sterben und der nächste wird schon darüber lachen und sagen, das sei keine Avantgarde.“ Runtschak hat frühzeitig die Zeichen der neuen Zeit erkannt, sich um Kontakte mit dem Ausland bemüht und bringt noch dazu die entsprechende Ausdauer mit. Er ist im Komponistenverband aktiv, setzt sich grundsätzlich für seinen Berufsstand und seine Kolleginnen und Kollegen und in erster Linie für die Musik ein. Er wird oft nach Berlin eingeladen und sucht immer wieder neue Aufführungs- und Finanzierungsmöglichkeiten für sich und andere.
„Alternativ“ lautet das Zauberwort, das immer wieder auftaucht, wenn die Rede aufs Geld kommt. Was dies allerdings meint, ist auch mit Zusatzerklärungen in den wenigsten Fällen eindeutig verständlich. Irgendwelche Strukturen, die irgendwo mit irgendwem Geschäfte machen und das Geld, so wird auch beim „Fond zur Unterstützung und Entwicklung von Kultur“ in Kiew betont, aus legalen Finanzoperationen erwirtschaftet haben. Dessen Leiter Ihor Werba erklärt auf die Frage woher das Geld stamme, er verstehe zwar nicht viel davon, aber man könne bestimmte Summen verteilen, weil dieses Kapital Zinsen abwerfe. Alles laufe im Rahmen von Recht und Gesetz ab, betont er, „sonst säßen wir alle im Gefängnis.“
Dieser Kulturfond, der 1994 auf Erlaß des Präsidenten der Ukraine, Leonid Kutschma gegründet wurde und unter dem Schutz des Ministerkabinetts und der Leitung von Minister Anatolyj Tolstouchow steht, bemüht sich da einzuspringen, wo es nicht reicht. Und dies ist nahezu überall der Fall. Die Projekte aber werden gezielt ausgewählt. Ob da nicht Vetternwirtschaft mit im Spiel ist und zeitgenössische Musik zugunsten repräsentativer Musikereignisse in den Hintergrund tritt, läßt sich schwer nachprüfen. Ihor Werba jedenfalls beruft sich auf künstlerische Kriterien bei der Förderung von Kultur schlechthin. Ein Gastspiel der Kiewer Philharmonie vergangenes Jahr in München wurde beispielsweise mit 10.000 ukrainischen Hrywna mitfinanziert. Zum Zeitpunkt des Konzerts waren sie durch die Inflation im Sog der russischen Wirtschaftskrise allerdings nur noch die Hälfte wert. An diesem Gastspiel hat sich die deutsche Botschaft in Kiew beteiligt und kostenfreie Visa ausgegeben. Bei rund 80 Musikern auch ein stolzer Posten. Die Gage für die Musiker ist mit umgerechnet rund 200 Mark ohnehin nicht hoch. Und Reisekosten kann sich das Orchester nicht leisten. Das sieht im Jahr 2000 vielleicht schon anders aus, wenn es in 14 deutsche Städte und in die Schweiz gehen soll. Denn dann repräsentiert das Orchester die Ukraine, was möglicherweise auch die Finanzierung seiner Tournee erleichtert.
Reserven mobilisiert
Die Gründung des noch vergleichsweise jungen Klangkörpers ist mit der, Anfang 1997 nach bald achtjähriger Renovierungsphase wiedereröffneten, Philharmonie verbunden. Kulturminister Dmytro Ostapenko, ehemals Leiter der Kiewer Philharmonie, hat sich persönlich eingesetzt und trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage finanzielle Reserven mobilisiert, um die Gründung des Orchesters zu ermöglichen. Freilich mag sich darin auch ein Hang zu Repräsentationskultur ausdrücken, zumal es in Kiew bereits eine Reihe niveauvoller Orchester gibt.
Andererseits kann die reformierte Organisationsstruktur durchaus Vorbild auch für andere sein. Die überwiegend jungen Musiker des Orchesters, Absolventen des Kiewer Konservatoriums oder anderer hochrangiger Ausbildungsstätten der Ukraine, wurden in einem dreitägigen Wettbewerb nach Art des deutschen Probespiels von einer künstlerischen Kommission ausgewählt und nicht wie früher per staatlichem Beschluß berufen. Dirigent Nikolaj Djadura hatte dies zur Bedingung gemacht, bevor er einwilligte, das Orchester als Chefdirigent zu leiten. Schluß ist auch mit dem staatlichen Einheitsgehalt. Die Musiker müssen sich qualifizieren. Wer besser spielt und sich musikalisch weiterentwickelt, steigt in die nächst höhere Kategorie auf und bekommt auch mehr Geld. Das System soll zu exzellenter Arbeit stimulieren. Außerdem sei das Wichtigste, daß man sechs bis sieben Mal pro Monat Konzerte in der traditionsreichen Philharmonie spiele, deren „Wände einfach verpflichten“, erklärt Nikolaj Djadura. Zudem ist man stolz auf das steigende Interesse, das die Stadt, der Staat und vor allem das Publikum an dem Orchester zeigen.
Dirigent Nikolaj Djadura (Foto: Schulze) Dirigent Nikolaj Djadura
Die anfängliche Opposition von Seiten anderer Orchester, die das neue Philharmonische Orchester in Kiew als Konkurrenz fürchteten, sind mittlerweile ausgeräumt. Die Antwort auf Kritik ist ein kontinuierlich wachsendes Niveau des Orchesters. Außerdem, je mehr Konkurrenz es gebe, desto mehr erklinge Musik und das könne der Kultur im Lande nur nützen, glaubt Nikolaj Djadura. „In erster Linie sind wir der Musik verpflichtet. Wir streiten nicht, wir spielen nur und versuchen, immer besser zu werden.“ Dieser Einsatz, der zum großen Teil vom Dirigenten geprägt ist, wird belohnt. Die Zahl der Musiker wurde sogar von 79 auf 84 aufgestockt. Der Staat hilft bei Reparaturen von Instrumenten und unterstützt Neuanschaffungen. Die Philharmonie selbst, architektonisches und akustisches Vorzeigeobjekt in Kiew, in dem häufig auch Staatsempfänge abgehalten werden, wirtschaftet klug mit. Sie soll wieder werden, was sie einst war, damals, Ende des 19. Jahrhunderts, als die Polizei zu Pferde Eingang und Fenster der Philharmonie vor dem Publikumsandrang schützte. Die Plätze zu Konzertveranstaltungen waren begehrt. Aus allen Städten der (heute ehemaligen) Sowjetunion und aus Westeuropa kamen hochrangige Musiker angereist, um im Säulensaal, der seiner guten Akustik wegen berühmt war, zu spielen. Der Pianist Swjatoslaw Richter erklärte ihn später sogar zu seinem Lieblingssaal. Dabei war das Gebäude ursprünglich überhaupt nicht als Konzerthaus geplant. Eine Gruppe von Kaufleuten hatte 1882 nämlich beschlossen, sich ein Haus für Versammlungen aller Art zu bauen.
So entstand das Gebäude, das eine Bibliothek, ein Buffet, Räume zum Kartenspielen, einen Billard-Saal und Studierzimmer beherbergte. Und weil der Architekt Wolodymyr Nikolajew auch Musikliebhaber war und die Gesetze der Akustik kannte, hat er gleich weitergedacht und einen Saal geplant, der für Musikaufführungen geeignet war. Damals war von Philharmonie noch keine Rede. Es wurden Maskenbälle dort gegeben, der Saal für Familienfeierlichkeiten vermietet, Wohltätigkeitslotterien durchgeführt, aber auch schon kammermusikalische Matineekonzerte veranstaltet, organisiert von der Kiewer Musikalischen Gesellschaft.
Mühevolle Kleinarbeit
Erst 1923 begann die Blüte des Gebäudes als Konzerthaus unter der Regie der Staatlichen Philharmonischen Gesellschaft der Ukraine. Im Zweiten Weltkrieg von Zerstörung weitgehend verschont, hinterließ 1990 ein Erdrutsch weitreichende Schäden an der Bausubstanz. Sieben Jahre lang wurden daraufhin Konzertveranstaltungen in andere Säle Kiews ausgelagert.
Ein langwieriger Bauprozeß an der Philharmonie begann. In mühevoller Kleinarbeit wurde sie bis ins Detail nahezu originalgetreu rekonstruiert. Dazu gehören auch die pastellfarbenen Stuckblüten auf den hell getünchten Wänden. Holz ist der Hauptbaustoff. Der Parkettboden ist auf den Laufgängen mit roten Teppichen ausgelegt. Aus Holz ist auch die Bühne.
Das besondere an diesem Saal sind die 64 Säulen, die die musikalischen Schwingungen im Saal verbreiten sollen. Ihr Innenleben besteht ebenfalls aus Holz, das mit Roßhaar umwickelt und mit künstlichem Marmor ummantelt ist. Der Akustik wegen wurde auch die originale Bestuhlung aus Holz beibehalten und restauriert: 600 weiße Armsessel, an den Sitzflächen und der Rückenlehne mit rotem Samt bezogen.
Große Künstler haben die Atmosphäre des Säulensaals geprägt wie die Geiger Emil Gilels, David Oistrach, der Dirigent Kirill Kondraschin, Anton Rubinstein, der berühmte Sänger Schaljapin, der Dirigent Roschdestwenski, der Cellist Rostropowitsch und viele andere. Dieses Ambiente scheint noch heute in den Mauern zu schwingen.
Neu an dem Saal ist die Orgel eines Schweizer Orgelbaumeister. Zukünftig sollen auch Oratorien, Messen und Kantaten aufgeführt werden. Außerdem soll die Philharmonie sozusagen in Zweitfunktion Spielstätte für Kammeropern werden. Man wünscht sich langfristig ein eigenes Ensemble und einen Chor, um Werke von Gluck, Purcell oder Webers „Oberon“ aufzuführen. Wenn die Bühne für die szenische Handlung gebraucht wird, werden die beiden vordersten Stuhlreihen abmontiert und das Orchester dort plaziert. Schöpferische Unruhe hat alle erfaßt, weil es heute Perspektiven gibt, die an die ruhmvolle Vergangenheit anknüpfen. Und besonders freut man sich über die Unabhängigkeit von Moskau und darüber, daß man sich nicht mehr wie früher dem russischen staatlichen Konzertbetrieb unterordnen müsse, der bestimmt hat, welche Musiker wo spielen sollten. Jetzt kann man selbst Gäste einladen, wie den Pianisten Eschenbach. Große Orchester wie die Wiener Philharmoniker sollen nach Kiew kommen.
Die Philharmonie werde sich wirtschaftlich schon rechnen, nur könne man momentan keine großen Honorare bezahlen für die Gäste aus Westeuropa. Man hofft deshalb auf etwas guten Willen und das ein oder andere Gratis-Konzert. Vorläufig wird das Programm mit eigenen Kräften gestaltet. Denn die ukrainischen Künstler spielen auch für eine symbolische Gage aus Überzeugung.
All dies kommt den künstlerischen Ambitionen von Nikolaj Djadura entgegen, der Dirigieren bei Roman Kofman am Kiewer Konservatorium studiert hat und 1987 in Japan und 1988 in Budapest mit Preisen ausgezeichnet wurde. Vier Jahre lang hat er in Südkorea verschiedene Orchester dirigiert bis er nach Kiew zurückkehrte. Man müsse sich irgendwann einmal entscheiden wo man arbeiten wolle, meint er. „Kiew ist meine Stadt. Ich habe hier alle Möglichkeiten, mich künstlerisch zu realisieren.“
Außer in der Philharmonie dirigiert er an der Nationaloper der Ukraine und ist ständig an Weiterentwicklung interessiert. „Für uns ist das sehr wichtig. Wir wollen auf das internationale Niveau kommen. Wir wollen uns zeigen und auch kritisiert werden.“ Er schätzt die konstruktive Musikkritik, so wie sie in Deutschland betrieben wird und wünscht sich, sie würde auch in der Ukraine Einzug halten.
Djadjura träumt davon, vielleicht in der nächsten Saison einen Club der Freunde des Orchesters zu gründen, in dem sich Musikliebhaber, Kritiker, Mäzene und Sponsoren treffen können. Es geht weniger ums Geld, als vielmehr um die Atmosphäre. „Die Leute in diesem Club sollen darüber sprechen, wie wir spielen und ihre Wünsche äußern. Es wird uns zu noch höheren Leistungen stimulieren, wenn wir umgeben sind von einer bestimmten Atmosphäre, einer Art musikalischer Aura.“
Djadura, der als „Verdienter Künstler der Ukraine“ ausgezeichnet ist, nimmt seine Sache ernst und ist stolz auf das Orchester. Materiell nütze ihm diese Auszeichnung zwar überhaupt nichts, aber im allgemeinen, „wenn ich als Musiker spreche, so wirst du dadurch weder besser noch schlechter. Aber die Anerkennung deines Landes tut einfach wohl und verpflichtet dich dazu, noch besser zu werden als du schon bist. Es ist eine Sache der Ehre und zwar eine sehr grundlegende.“
Kultureller Trost
Mit dieser Grundlage läßt sich freilich leben, wenn sie finanziert wird. Nicht alle Orchester haben es so gut. Andere, wie das Radio-Sinfonieorchester in Kiew oder das einzige staatliche Jazzorchester, werden endgültig oder vorübergehend aufgelöst, ohne auf den Protest der Musiker zu achten. Die wissen oft nicht, wie es weitergehen soll, was sie machen und wovon sie leben sollen. Nicht selten steigen solche professionellen Leute von der Bühne oder dem Konzertpodium zum Straßenmusiker ab, weil das, was ihnen die Passanten in westlichen Ländern für ihre Musik spenden, ihr Gehalt in der Ukraine (wenn es überhaupt gezahlt wird) um ein Vielfaches übersteigt. Wer musikalisch Spitzenklasse ist, verläßt das Land gleich, sobald sich eine Möglichkeit dazu bietet. Ein Beispiel ist die Sopranistin Viktoria Loukjanetz. Sie ging eigentlich nur, um sich Geld zu verdienen und ihre Wohnung in Kiew bezahlen zu können. Daraus wurde ein Jahresvertrag bei der Wiener Staatsoper, ein erfolgreiches Debüt als Violeta-Einspringerin bei den Salzburger Festspielen, ein Gastspiel mit Luciano Pavarotti an der New Yorker Metropolitan Opera. Heute wird sie als Primadonna gefeiert und wird an internationale große Opernhäuser eingeladen. Solche Beispiele spornen wohl immer noch genügend junge Leute an, trotz der enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten an einem der 25 Konservatorien der Ukraine das Musikstudium aufzunehmen.
Vielleicht liegt es aber auch daran, daß Musik etwas mit humanistischer Bildung zu tun hat und auch in schwierigen Zeiten wenigstens kulturellen Trost verspricht. Es liege einfach in der Musik selbst, begründet eine Klavierstudentin am Kiewer Konservatorium ihre Berufswahl. „Das ist das einzige, was hilft zu leben. Wenn Du spielst, vergißt du alles.“