Leipzig (ddp). Wohl kaum ein Musikgenre wurde so häufig belächelt, totgesagt und vergöttert wie der deutsche Schlager. Seit Freitag widmet sich die Ausstellung «Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers» im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig diesem Phänomen. Die Schau bietet ihren Besuchern eine Zeitreise durch die Welt des Schlagers vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute.
Alles begann etwa 1880, als in den Caféhäusern von Berlin und Wien die ersten Lieder gespielt wurden, die später als Schlager bekanntwurden. «Die Zeitungen berichteten am nächsten Tag von einem 'einschlagenden Erfolg'. So entstand der Begriff Schlager», erzählt der Projektleiter der Ausstellung, Hanno Sowade. Die Schau, die zuvor bereits im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen war, bietet den Besuchern einen Blick in ein Fernseh-Aufnahme-Studio kurz vor Beginn einer großen Schlager-Show. Auf verschiedenen Bühnen werden die verschiedenen Zeitabschnitte der Schlagerentwicklung präsentiert.
Die Kulissen der einzelnen Bühnen beleuchten politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte der einzelnen Epochen und zeigen ihre technischen Besonderheiten wie ein Grammophon oder eine alte Schallplattenpresse. Unter den 1500 Exponaten sind viele Unikate, die zumeist Leihgaben von Schlagersängern wie Frank Schöbel, Manuela oder Julia Axen sind. Besondere Hingucker der Schau dürften der gläserne Flügel von Udo Jürgens, Cornelia Froboess' Motorroller sowie das schwarze Glitzerkleid, die Schuhe und die Gitarre vom siegreichen Grand-Prix-Auftritt der Sängerin Nicole im Jahr 1982 sein. Auch Heinz Rudolf Kunzes Markenzeichen - die dunkle Brille - und Frank Zanders Bühnen-Outfit für seinen Auftritt mit dem Gassenhauer «Hier kommt Kurt» sind in Vitrinen ausgestellt.
Wer sich besonders viel Zeit für die Ausstellung nimmt, kann an Plattentischen aus mehr als 1000 Titeln der verschiedenen Schlagerepochen seine Favoriten aussuchen und beim Anhören in Erinnerungen schwelgen. «Der Schlager spiegelt immer Emotionen wider», sagt Sowade, der auch eine genaue Definition für diese Musikrichtung parat hat: Nur deutschsprachige, kommerziell ausgerichtete, populäre Lieder dürften sich Schlager nennen.
Rainer Eckert, der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, ist überzeugt davon, dass Schlager immer auch Spiegel des Wandels von Gesellschaft und Mentalität sind. So hätten beispielsweise die Nazis das Genre instrumentalisiert und den Schlager bewusst genutzt, um in tristen Kriegszeiten Optimismus zu verbreiten. So entstand beispielsweise Zarah Leanders Klassiker: «Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn». Später, zu DDR-Zeiten, war die DDR eifrig bemüht, mit ihren Schlagerstars mit dem Westen gleichzuziehen. Ost-Künstler wie Frank Schöbel, Chris Doerk oder Hans-Jürgen Beyer waren sehr gefragt und ständig im DDR-Fernsehen zu sehen.
Beyer, der am Freitag zu der Ausstellungseröffnung gekommen war, erinnert sich gern an diese Zeiten. «Man war damals sofort über Nacht bekannt», sagt er. An einen Untergang seiner Musikrichtung, wie er schon häufig beschworen wurde, glaubt der Leipziger nicht. «Das ist eine Musik, die der deutschen Mentalität entspricht. Der Schlager ist wandelbar», erklärt Beyer.
Sowade sagt, er wolle mit Blick auf die Schlager-Kritiker in der Ausstellung auch dem Image dieses Genres und seinen Problemen nachgehen. In erster Linie aber ist die Schau eine Hommage an jene einfache, eingängige Musik, die seit Jahrzehnten ihre Anhänger hat. Ex-Schlager-Star Beyer bringt die Sache auf den Punkt: «Es wird immer Menschen geben, die deutsche Musik hören wollen. Ich glaube fest an ein Überleben des Schlagers.»