Ingeborg Krause übernahm zu Jahresbeginn 2001 die organisatorische Leitung des ARD-Musikwettbewerbs im Bayerischen Rundfunk. Damit verlässt eine „Institution“ nach 35 Jahren gestaltender Mitarbeit die Bundesgeschäftsstelle “Jugend musiziert“. Welche Gefühle, Erfahrungen und Erwartungen bewegen eine Frau, die mit großem persönlichen Engagement und Treue dazu beigetragen hat, “Jugend musiziert“ zur erfolgreichsten Maßnahme für musikalische Nachwuchsförderung in Deutschland zu machen? Deren Namen von Teilnehmern und Profimusikern gleichermaßen in einem Atemzug mit dem Deutschen Kammermusikkurs genannt wird?
Ingeborg Krause übernahm zu Jahresbeginn 2001 die organisatorische Leitung des ARD-Musikwettbewerbs im Bayerischen Rundfunk. Damit verlässt eine „Institution“ nach 35 Jahren gestaltender Mitarbeit die Bundesgeschäftsstelle “Jugend musiziert“. Welche Gefühle, Erfahrungen und Erwartungen bewegen eine Frau, die mit großem persönlichen Engagement und Treue dazu beigetragen hat, “Jugend musiziert“ zur erfolgreichsten Maßnahme für musikalische Nachwuchsförderung in Deutschland zu machen? Deren Namen von Teilnehmern und Profimusikern gleichermaßen in einem Atemzug mit dem Deutschen Kammermusikkurs genannt wird?Wenige Wochen vor dem beruflichen Neubeginn sind Fragen an Ingeborg Krause nach dem künftigen Kurs ebenso angebracht wie die nach dem Moment, als alles begann in den 60er-Jahren in München.Jugend musiziert: Wie also hat diese lange Beziehung begonnen?
Wie klar war denn in diesem Moment, dass Musik eine immens wichtige Rolle in diesem Büro spielen würde?Ingeborg Krause: Kurz nach Abschluss meiner Ausbildung zur Bürokauffrau in Regensburg entdeckte ich am Faschingswochenende 1966 in der Zeitung eine Stellenanzeige des Gustav Bosse-Verlags für eine Sachbearbeiterin in München. Ich wollte weg aus Regensburg, bewarb mich also, wurde angenommen und stand vier Wochen später bei Eckart Rohlfs im Büro, den ich bis dahin gar nicht kennen gelernt hatte. Mein erster Arbeitgeber war die Jeunesses Musicales Deutschland, erst später ist “Jugend musiziert“ übergegangen auf den Deutschen Musikrat, unter dessen Dach “Jugend musiziert“ sich ja heute befindet.
Der 1. April begann mit einem Schock, als ich in München nach meiner musikalischen Ausbildung gefragt wurde. Ich konnte nur den Musikunterricht in der Schule vorweisen, derlei Qualifikationen waren für das Stellenprofil nicht genannt worden! Ich habe mittlere Reife und eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht. Zuvor war ich fünf Jahre bei der Industrie –und Handelskammer in der Auslandsabteilung. Mit Hilfe einschlägiger Literatur habe ich mir die nötigen Musikbegriffe angeeignet. Als erste Aktion schaute ich mir dann den Landeswettbewerb Bayern in Augsburg an.35 Jahre in einem Projekt, das sich von Jahr zu Jahr veränderte und vergrößerte, zu arbeiten, bedeutet, dass die Vielfalt der Aufgabenstellung wuchs.
Am 2. Juni begann der 3. Bundeswettbewerb in Bremen. Ein wunderschöner sonniger Pfingstsonntagmorgen, die Glocken läuteten – und ich musste ins Büro gehen! So ist das dann 34 Jahre lang geblieben!
Der zweite Schock am 1. April kam, als Rohlfs mir, am Tag vor seiner Abreise nach Paris auftrug, Karteikarten abzutippen. Das waren gewissermaßen die Vorgänger der späteren Bläserliteraturlisten. Die Kopien sollte ich ihm per Zug nach Stuttgart zu einer Tagung bringen. Bis dahin hatte ich Rohlfs nur einen Tag zu Gesicht bekommen und war mir sicher, ihn nicht mehr wiederzuerkennen!
Bei dieser Tagung dann knüpfte ich erste Kontakte. So lernte ich das Ehepaar Wucher kennen, er hatte damals den Vorsitz im Verband Deutscher Musikschulen übernommen. Auch mein jahrelanger Kontakt zu Eberhard Schmidt, dem Gründer der Kammermusikkurse, oder zu Hans-Joachim Vetter, der über Jahre die Literaturlisten “Jugend musiziert“ betreut hat, ist bei dieser Tagung entstanden.
Ich war damals die einzige Bürokraft bei “Jugend musiziert“, machte also buchstäblich alles allein.Wann wurde der Kammermusikkurs gegründet? Gehörte die Betreuung dieser Anschlussfördermaßnahme auch zu den Aufgaben der Sachbearbeiterin Ingeborg Krause?
Nicht von Anfang an. Eberhard Schmidt hat vom 1. Wettbewerbsjahr “Jugend musiziert“ an den KMK als begleitende Maßnahme eingeführt. Ab 1969 hat er die Geschäftsstelle um Mithilfe gebeten. Mit ersten kleinen Aufgaben beginnend, habe ich dann in späteren Jahren immer selbstständiger in diesem Thema gearbeitet.Im Blick zurück auf 35 Jahre “Jugend musiziert“, welche persönlichen Highlights hat es gegeben?
Dazu gehörte beispielsweise, dass wir ab 1967 die ersten Kontakte zu den europäischen Nachbarwettbewerben knüpften, das war der Kern der EMCY, die dann 1970 offiziell gegründet wurde. Eine Zeit lang hatten wir ein deutsch-französisches Jugendaustauschprogramm, einen deutsch-französischen Kammermusikkurs. 1968 machten wir mit Preisträgern eine Konzertreise von Köln über Ostende nach Paris. Ein Streichquartett und eine Kontrabassistin hatten wir dabei, das war unser erstes europäisches Konzert! Für mich war das die erste große Dienstreise ins Ausland. Später führten mich Reisen mit “Jugend musiziert“-Preisträgern dann bis Zentralasien und Japan.Wenn man die Lebenswege so vieler Musikerinnen und Musiker begleitet, ergeben sich bestimmt viele Kontakte?
In den ersten Wettbewerbsjahren hatte ich praktisch mit allen Preisträgern Kontakt. Dadurch, dass der Wettbewerb immer umfangreicher wurde, war das nicht mehr so leicht möglich. Über den Kammermusikkurs traf ich dann die Preisträger wieder. Dort zum Beispiel hatte ich intensiv Kontakt zum Cherubini-Quartett oder zu den Geschwistern Meyer. Und natürlich habe ich eifrig die Münchner Konzertszene verfolgt und immer wieder festgestellt, dass ehemalige “Jugend musiziert“-Preisträger dort auftauchten. Wir waren stolz, dass diese erfolgreichen Künstler Mal aus unserem Stall kamen!Damit war die Musik aber endgültig in das Stellenprofil eingezogen!
Ja, und ich kann sagen, dass ich die Musik zu meinem Lebensthema gemacht habe. Ich habe die entscheidenden Impulse für mich sicherlich beim Kammermusikkurs bekommen und durch den Kontakt mit den Musikerinnen und Musikern eine sehr hohe Sensibilität kennen gelernt. Dadurch hat sich mir auch die Frage gestellt: Was kann ich persönlich tun, damit sich die Musiker wohl fühlen? Durch ein angeborenes Organisationstalent habe ich vielleicht auch gute Voraussetzungen dafür mitgebracht.Dieser Platz war ja ein gestalteter Platz, welche Kontur haben Sie ihm gegeben?
Ich habe mir natürlich oft gewünscht, selbst ein Instrument spielen zu können. Dann aber habe ich für mich festgestellt, es ist ebenso wichtig, dass es aufmerksame und sachverständige Zuhörer gibt und habe das Gefühl von Mangel verloren. Ich habe einfach gespürt, dass mich die jungen Leute und die Profis, die die Kurse geleitet haben oder in der Jury saßen, um meinetwillen schätzten. So habe ich im Lauf der Jahre meinen Platz gefunden, in dieser Welt die durchaus meine Welt geworden ist.
Vielleicht Zuverlässigkeit in der Arbeit. Die anderen konnten sich verlassen, dass das, was ich mache, in Ordnung geht. Vielleicht habe ich dem Wettbewerb keine Richtung nach draußen gegeben, aber ich denke, wenn man seine Persönlichkeit entwickelt, hat man dadurch auch eine Qualität, die man in die Waagschale werfen kann. Zunächst bin ich in diese Welt hineingeraten, aber so konnte ich eine Seite in mir entwickeln, die nicht nur mir, sondern auch der ganzen Sache gut getan hat. Und so habe ich mich voll reingeschmissen. Auf diese Art und Weise habe ich vielleicht auch keine eigene Familie gegründet, ich hatte ja eine große Familie!Gab es Zeiten, in denen der Gedanke an einen beruflichen Wechsel laut wurde?
Ja, oft hatte ich Krisenzeiten, wenn der Druck zu groß war oder das Pensum zu riesig. Nur war dann die Frage, wohin, denn dass ich diese Welt nicht verlassen wollte, war mir längst klar. Wo also war der Bereich, in den ich meine Erfahrungen einbringen konnte?Die Idee, zum ARD-Musikwettbewerb zu wechseln, ist auch durch einen frühen “Jugend musiziert“-Kontakt zu Christoph Poppen, einem Teilnehmer am Kammermusikkurs in den 60er Jahren entstanden.
Vor Jahresfrist war er an mich herangetreten, um mich zu fragen, ob ich zusammen mit ihm, dem neuen künstlerischen Leiter, den Musikwettbewerb der ARD machen wolle. Meine Bedenken und Argumente hat er ziemlich schnell aus dem Weg gefegt, und dann begann es mich zu reizen, vor allem, da ich ja über Jahre den ARD-Wettbewerb als großes Vorbild vor mir gesehen habe! Ich war bei fast allen Abschlusskonzerten, traf dort immer wieder auf ehemalige “Jugend musiziert“-Preisträger. Bis heute sind sie nicht nur unter den Teilnehmern, sondern auch unter den Preisträgern.Der ARD-Musikwettbewerb ist ein anderes Kaliber. Es geht um Geld, um Plattenverträge. Die mitwirkenden Künstler sind Profis. Welche Ihrer Eigenschaften sind solch einem Wettbewerb nützlich?
Erstens kann ich mein Organisationstalent einbringen, zweitens bin ich überzeugt, dass auch die Profis, die an diesem Wettbewerb teilnehmen, jemanden brauchen, der „mütterlich“ für sie sorgt, im Hintergrund ebenso wie im Vordergrund.Ist der Abschied von “Jugend musiziert“ und dem Kammermusikkurs ein trauriger Abschied?
Am schwersten fällt mir der Abschied vom Kammermusikkurs, weil er doch zu meinem „Kind“ geworden ist. Und weil ich hier kreativ am stärksten eingreifen konnte, was draus zu machen, so dass es für die Jugendlichen eine schöne Erfahrung wird, zum Kammermusikkurs zu gehen. Im Laufe der Jahre sind auch wunderbare Freundschaften gewachsen, auch davon Abschied zu nehmen, fällt mir nicht leicht. Aber es wird ja nicht alles gekappt, was sich in 35 Jahren entwickelt hat. Und persönliche Freundschaften bleiben ohnehin bestehen!Vom Abschiednehmen abgesehen, gibt es ja doch andererseits den freudigen Aspekt.
Ja, ich freue mich natürlich auf die neue Herausforderung, ich merke, wie viel ich drüber nachdenke. Der ARD-Musikwettbewerb lebt in seinem 50. Jahr, seine Form ist eingespielt, seine Organisation hat sich als sehr tragfähig herausgestellt.Liebe Frau Krause, haben Sie denn für die Weggefährten dieser Jahre noch eine Nachricht auf dem Herzen?
Ich möchte mich bei all den Menschen bedanken, die mir geholfen haben dorthin zu kommen, wo ich jetzt und heute stehe.