Am 7. November 2013 lud der Deutsche Tonkünstlerverband die interessierte Öffentlichkeit zu einem Festakt der ganz besonderen Art in den Musikclub des Konzerthauses Berlin – seit einem halben Jahrhundert gibt es die Konzertreihe „Studio Neue Musik“, die es sich zur verdienstvollen Aufgabe gemacht hat, hauptsächlich den in Berlin lebenden und arbeitenden Komponisten ein Forum zu bieten – ein guter Grund zum Feiern. Wer der Einladung folgte, fand sich in eine Atmosphäre versetzt, die alle Vorzüge eines klassischen Salons, einer geselligen musikalischen Abendunterhaltung bot: An kleinen runden Tischen versammelte sich bei einem Glas Wein - quasi auf „Ohrenhöhe“ - ein bunt gemischtes Publikum. Zuhörer, Komponisten, Interpreten schufen miteinander einen ungezwungenen und dennoch hochkonzentrierten Resonanzraum für die erklingenden Werke – darunter sage und schreibe vier Uraufführungen!
Damit stand der Abend ganz in der Tradition dieser Reihe, wie ihr langjähriger spiritus rector Dr. Gabriel Iranyi in seiner Begrüßungsrede mit berechtigtem Stolz hervorhob - sind doch durch das „Studio Neue Musik“ allein in den letzten zehn Jahren 97 Neukompositionen angeregt und zur Uraufführung gebracht worden. Durch den großzügigen, mit zwei Pausen versehenen Abend führte charmant-nonchalant Dr. Adelheid Krause-Pichler, die offenkundig mit den Komponisten Dietrich Erdmann, Wolfgang Steffen, Rolf Kuhnert, Susanne Stelzenbach, Stefan Lienenkämper, Gabriel Iranyi, Walter Thomas Heyn, Samuel Tramin und den Interpreten Marianne Boettcher und Theodor Flindell (Violine), Yoriko Ikeya und Kensei Yamaguchi (Klavier), ebenso wie mit den in Personalunion als Komponisten und Interpreten auftretenden Thilo Thomas Krigar (Violoncello), Jonas Kämper (Flöte) und Detlef Bensmann (Saxophon) freundschaftlich und kollegial verbunden war beziehungsweise ist und so das Publikum mit interessanten Details und kurzen Interviews zu Stil und Sinn des Dargebotenen bestens zu informieren wusste.
Dem Vorsatz folgend, seine akustischen Eindrücke vorab durch keinerlei theoretische Rechtfertigungen, die über das direkte Wahrnehmen der Präsenz der Komponisten und ihrer gesprächsweisen Andeutungen hinaus gingen, beeinflussen zu lassen, versenkte der Hörende das – wie sich später zeigte – schöne und inhaltsreiche Programmheft in seiner Tasche. Schon die Namen der erklingenden Kammermusikwerke ließen erkennen, wie vielfältig offenbar die Inspirationsquellen und Assoziationswege sind, welche die Tonsetzer zu ihren Klangkunststücken führten oder in welche Gefilde sie ihre Hörer mitnehmen wollen: etwa in Räume abstrakter Strukturen, deren Richtungen und Wandlungen. Introversion für Klavier solo von Wolfgang Steffen, einem der ersten Leiter des Studios, ist eine streng konstruierte und formvollendete Musik – der Flügel scheint in sich selbst hinein zu lauschen; mit Contrasts für Flöte solo hörten wir ein schon preisgekröntes Gesellenstück des erst 15-jährigen Jonas Kämper, der naturgemäß idealer Darsteller einer sein Instrument vielfältig auslotenden Gegensatz-Studie war. Pattern (II) für Altsaxophon und Klavier von Walter Thomas Heyn wurde dagegen bereits vor 20 Jahren geschrieben und macht klar und humorvoll den Kompositionsprozess erlebbar - darin besonders den widerständigen Eigenwillen ohrwurmartiger Kleinstmotive; schließlich beschreibt Metamorphosen für Violoncello solo von Rolf Kuhnert die Entwicklung einer erst vorsichtig deszendierenden Ganztonleiter, die nach hochdramatischen Episoden einen späten Aufschwung wagt.
Nach Ferne dufteten die Überschriften anderer Werke. In glühenden Farben zog die Geige ihre Linien in den Tre Pastelli für Violine und Klavier, komponiert vom Gründer des Studios Dietrich Erdmann. Fasziniert konnten wir gleichsam der Entstehung dreier Klang-Bilder zuhören und den Bewegungen eines Malers lauschen. In derselben Besetzung, von berührend edler Sorgfalt geprägt und technisch sehr raffiniert gesetzt, erklangen die Quatre mouvements von Gabriel Iranyi. Das dem Echo des Klanges in der Stille nachhörende Apertamente für Violoncello solo von Stefan Lienenkämper folgte einem wirkungsbewussten Trio „all is always now“ für Saxophon, Violine und Klavier von Susanne Stelzenbach, in dem die Komponistin Dreh- und Stille-Momente der minimal music mit unterhaltsam kommunizierenden Kombinations- und Glissando-Ereignissen unterschiedlicher Geschwindigkeiten zu verbinden wusste.
Gespannt war man auch auf jene Stücke, die sich in spezifischer Weise mit früheren Komponisten auseinanderzusetzen schienen: so die Jahreszeiten für Violoncello solo von
Thilo Thomas Krigar, dessen zeitgemäße Saison-Vertonungen mit denen Vivaldis jedoch ausschließlich die lautmalerischen und fast folkloristischen Streicherkünste verbinden und der als Interpret seinem Cello fabelhaft Unerwartetes entlockte. Das Werk mit dem Titel „Vom Fremden... und...“ für Klavier solo von Samuel Tramin fantasiert eine Szene um Robert Schumann: klangsüchtiges eine Form Ergreifenwollen wechselt mit improvisatorischem Gestikulieren bis hin zu fast schmerzvollem Innenohr-Geräusch. Das Trio Wo das Licht die Saite kreuzt für Saxophon, Violine und Klavier von Detlef Bensmann, inspiriert von einer unvollendeten Maurischen Rhapsodie für Orchester und Altsaxophon von Claude Debussy, erzählt gekonnt von Wind- und Wellenrauschen, französischen Gamelan-Impressionen und damit von den ersten Anfängen unserer „Neuen Musik“ – ein wunderschöner nostalgischer Abschluss eines gut dreistündigen, äußerst kurzweiligen Abends.
Durch alle Werke wurde das Auditorium aufs Anregendste in seinem Empfinden der Zeit irritiert: diese brachte sich einmal kugelförmig um sich kreisend in Erscheinung, wurde dann wieder zusammengestaucht und dehnte sich nur widerwillig knirschend, dann plötzlich schien die Unterströmung eines formenden Gedankens sie vorwärts zu reißen, Cembalo-Klänge wehten aus dem Flügel, Glitzerndes zerstob gar am Schluss eines Stückes sternförmig in die Höhe des Raumes – und immer waren es die durchweg vorzüglichen Interpreten, die Zeitgestalter und Klangkünstler, die sich mit den immer noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten ihrer Instrumente – diesmal von keinerlei Elektronik ergänzt – den dynamischen Impulsen der Partituren uneingeschränkt, virtuos und voller Neugier aussetzten und es vermochten, den Augenblick des Jetzt ganz zu erfüllen.
Mögen sie es auch in den nächsten 50 Jahren tun – im „Studio Neue Musik“, zur Ehre der Komponisten und zur Verzauberung der Hörenden!