Vor einiger Zeit bekam ich eine Einladung vom Landesmusikrat Brandenburg zu einer Fachtagung über die Zukunft von Amateurensembles. Auf der Tagesordnung stand unter anderem: „Wir möchten Sie dazu aufrufen, sich aktiv für die Rahmenbedingungen der Amateurmusik in Brandenburg einzusetzen. Am Tag der Amateurmusik, der im Jahr 2020 erstmalig vom Landesmusikrat Brandenburg e.V. veranstaltet wird, möchten wir mit Ihnen gemeinsam die Themen Digitalisierung, Nachwuchsförderung, Ehrenamt und Vernetzung der Verbände und Vereine diskutieren, um einen Forderungskatalog zu erstellen, den wir den zuständigen Politiker*innen und Zuwendungsgeber*innen vorlegen. Ziel: Die Fachtagung soll als Netzwerkveranstaltung für die Verbände und Vereine in Brandenburg dienen. Sie soll Landesverbänden und Vereinen die Möglichkeit eröffnen, sich in Arbeitsgruppen über gemeinsame Herausforderungen und Synergiepotentiale auszutauschen. Die Fachtagung dient dazu, die Rahmenbedingungen der Landesverbände und Vereine zu erfassen und zu verbessern.“
Das ist ein guter Ansatz und überfällig noch dazu. Denn jeder, der in diesem Bereich arbeitet, kennt diese Probleme. Warum interessiert sich kaum noch jemand unter dreißig dafür, zusammen mit anderen Musik zu machen und damit auch das eigene Leben zu bereichern? Das Gymnasium, das ich Ende der 70er-Jahre besuchte, hatte einen riesigen klangstarken Chor und ein leistungsfähiges Kammerorchester. Ich durfte mitsingen, aber nicht mitspielen, denn ich war Gitarrist, obwohl ich mich jedes Halbjahr aufs Neue für die Kammermusik-AG bewarb. Zum Trotz gründete ich eine Singegruppe, in der sofort ein halbes Dutzend hübscher Mädchen mitmachten, die dann nicht mehr zum Chor gingen. Das fand der Orchester- und Chorleiter nicht lustig. Ich glaube heute, der Mann hasste diese Gruppe. Aber er hat speziell mir ahnungslosem Gitarrero mit den viel zu langen Haaren etliches beigebracht: wie man Vorspiele gestaltet, wie man Begleitungen variiert, wie man günstige Tonarten aussucht, zweistimmig singt und so weiter. Auch die Musikschule der Heimatstadt hatte ein Riesensinfonieorchester, das komplett besetzt war. Jeder größere Betrieb hatte ein Orchester und einen Chor, es gab Blasorchester an jeder Ecke, große Chöre überall und Zupforchester oder Volksmusikorchester in jedem fünften Dorf.
Liebhaberorchester
Das Wort Amateurorchester verwende ich nicht gerne. Es hat etwas Abwertendes. Besser geeignet ist das Wort Liebhaberorchester, denn da wird auf die Liebe zur Musik verwiesen, und diese Liebe ist ja der Grund, warum es diese Ensembles gibt. Die Liebhaberorchester in der heute noch praktizierten Form entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Die jungen Leute suchten nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Die Mehrzahl der damals jungen Musik-Azubis studierte nicht Musik, blieb aber bei der Sache und bildete seinerseits Nachwuchs aus, der wiederum Nachwuchs ausbildete. Die Besten studierten und übernahmen die Fortführung der Orchester. Liebhaberorchester spielten bis zum zweiten Weltkrieg in riesigen Besetzungen vor Tausenden Menschen in jeder Stadt. Die Verlage stellten sich auf den Bedarf ein, die Komponisten und Bearbeiter auch. Und so entstand in Deutschland die wohl weltweit einmalig reiche Kulturlandschaft der Liebhaberorchester.
Probleme überall gleich
Das alles ist am Wegbrechen und Aussterben, und die Politiker sind ausnahmsweise mal komplett unschuldig. Und auch die Wende kann nicht die Ursache gewesen sein. Denn die Probleme sind überall gleich. Und alle wissen, dass es nur einen Weg gibt, dieses Problem zu lösen, und dieser Weg heißt Nachwuchsgewinnung. Denn jeder Verein hat dieses Problem, jeder Theaterintendant kann es sehen, wenn er abends durch den Vorhang ins Publikum späht; die Ortsgruppen aller Parteien kennen das Problem, jeder Chorleiter hat seine liebe Not damit. Also, was ist da passiert? Warum findet das schönste Hobby der Welt, und das ist das gemeinsame Musizieren, so wenig Interessenten bei jüngeren Menschen?
Vier Antworten sind naheliegend: Kulturpessimisten würden sagen: „Der Gemeinsinn schwindet, die Menschen vereinzeln und sind nicht mehr bereit und fähig, für gemeinsame Aufgabenstellungen Anstrengungen zu unternehmen.“ Das kann sein, das kann aber auch nicht sein. Der Soziologe würde vielleicht so argumentieren: „Das Überangebot an digitalen Medien entwertet die Anziehungskraft handgemachter Musik, weil Musik aller Arten jederzeit auf allen Kanälen verfügbar ist.“ Da ist viel dran: Menschen und ihre digitalen Spielzeuge, das ist schon ein weites Feld. Ich muss gleich mal in der WhatsApp-Gruppe nachsehen, ob ein Schüler abgesagt hat, der Putzfrau simsen und ein neues Foto vom Klassenvorspiel auf Instagram hochladen. Ach und da: der Musikschuldirektor hat die Probenzeiten gemailt. Das muss ich gleich elektronisch abgleichen und so weiter. Dieses Problem der Informationsverdichtung hat leider jeder, und ein Ausweg ist nicht in Sicht.
Doch weiter im Text: Der Bildungskritiker vertritt die Meinung, dass die Belastung durch die Schule nach dem Pisa-Schock die Freizeit der Kinder und Jugendlichen zu sehr beschneidet. Das stimmt in jedem Fall. All diese Tests à la Vera 8 und wie dieser ganze Krimskrams heißt, sind wenig sinnvoll, belasten aber die Kapazität der Schülerhirne und rauben ihnen die Muße und die Freizeit. „Da muss ich eine halbe Stunde früher aufstehen“, war die Antwort einer 16-jährigen Schülerin, als ich sie fragte, ob sie nächstes Jahr bei „Jugend musiziert“ mitspielen will. Wir haben uns auf länger schlafen geeinigt. Sie will sowie Staatsanwältin und leider nicht Musikschullehrerin werden. Und das ist Antwort vier: Niemand will mehr Musikschullehrer oder Musiker werden. Der Beruf ist out in den Augen junger Leute, und sie ziehen eine solche berufliche Entscheidung gar nicht in Erwägung. 23.000 Musiklehrer fehlen in Deutschland, in Brandenburg circa 600. Besserung ist nicht in Sicht. Aber leider gilt: Gibt es keine guten Lehrer, können Schüler nicht an die Ensembles herangeführt werden, und die Schulensembles sterben aus; gibt es dann nur noch überalterte Ensembles und Orchester und Chöre Ü50 und Ü60, werden sie für Schüler unattraktiv. „Da“ spielt und singt man einfach nicht mit, das ist eher peinlich. Ich verstehe das sogar. Und ich selbst als Lehrer habe es auch nicht hingekriegt: Keiner meiner Schüler wollte Musiker oder Musiklehrer und Musikschullehrer werden, und es waren ein Dutzend Jugend-musiziert-Preisträger dabei und viele geeignete Kandidaten über die Jahre hinweg. Das Ergebnis bei der persönlichen „Nachwuchsgewinnung“ ist null, und das ist auch ein bisschen bitter.
Doch zurück zum Thema Ensemble. Vor circa drei Jahren kamen erwachsene Schüler der Musikwerkstatt EDEN zu mir und wollten andere Musik spielen als Klassik im eher sinfonisch orientierten Musikschulorchester. Ich war sofort angetan. Dirigenten wollen ja immer viele Musiker vor sich sitzen sehen, und ich beschloss, das Orchester für jeden Instrumentalisten zu öffnen, der sein Instrument einigermaßen beherrscht und ein bisschen Noten lesen kann. Es entstand ein abenteuerliches Gemenge aus Waldhorn, Geige, Flöte, Gitarren, Akkordeon, Klarinette, Keyboard, Saxophon und so weiter. Als Ensemble-Name wurde „Ooohrwürmer“ kreiert; die drei Ohs stehen für „Offenes Orchester Oranienburg. Das offene Orchester, das ist eine Kategorie, die es gar nicht gibt, ein Widerspruch in sich.
Das Orchester ist die Krönung der abendländischen Musikentwicklung, es steht wie ein Fels in allen möglichen Brandungen des Geschmackes, der Moden und so weiter. Ein Orchester ist pure Hochkultur und für Musiker, Dirigenten und Komponisten das Ziel aller Träume und Wünsche. Bei dem Wort Orchester sieht und hört man vor den inneren Augen und Ohren die Berliner oder die Münchner Philharmoniker. Oder man denkt an das Orchester des eigenen Stadttheaters, an die pfiffigen und fitten Musikerkollegen, die heute Oper, morgen Musical, übermorgen Neue Musik und in vier Tagen Filmmusik mit wenigen Proben mehr oder weniger virtuos vom Blatt spielen. Ein Orchester kann aus tausenden wunderbaren Werken auswählen und wird sein Publikum immer finden.
Offenes Orchester
Die Bezeichnung „offenes“ Orchester hingegen beinhaltet sofort und für jeden verstehbar das Eingeständnis, kein „richtiges“ beziehungsweise kein „komplettes“ Orchester zu sein. Entweder sind es Schul- und Institutionsorchester nach dem Modell: „Jeder, der früher mal ein Instrument gespielt hat, kann mitmachen. Immer donnerstags im Speisesaal. Vorkenntnisse keine. Der Physiklehrer wird die Leitung übernehmen. Nur Mut!“. Oder es sind lang bestehende Spielkreise in Kirchen oder spontane Zusammenfindungen zur Belustigung bei Musikfreizeiten. Ich persönlich glaube, dass das Liebhaberorchester, das Schul- und Freizeitorchester nur als offenes Orchester eine Zukunft hat.
Ooohrwürmer
Die „Ooohrwürmer“ sind mittlerweile so gut, dass es erste Mitspielangebote durch das örtliche Blasorchester für einzelne Blechbläser gibt. Aber das Sinfonieorchester der Musikwerkstatt ist mittlerweile so dünn besetzt, dass es nicht mehr alleine auftreten kann und ein erstes gemeinsames Konzert stattfinden wird. Beide Orchester zusammen ergeben eine Art Mini-Bigband mit ein paar Streichern und fünf Flöten. Ich bin sehr gespannt auf die erste Probe, denn es treffen zwei Arten von Musikgeschmack, zwei verschiedene Spielkulturen und zwei Dirigenten aufeinander. Falls uns der Corona-Virus nicht alles kaputtmacht, ist am 16. Mai Premiere. Vielleicht wollen die beiden Orchester die Konzerttätigkeit fortsetzen. Das freut vor allem den Dirigenten, der aus dem Vollen schöpfen kann, und es wird dem Publikum gefallen, denn der größere Klangkörper ist immer der interessantere Klangkörper.
Deutliche Sprache
Leider spricht die Liste der Instrumente, die an den Musikschulen gelehrt werden, eine deutliche und niederschmetternde Sprache. Die Hitliste lautet: Klavier (Keyboard), Flöte (Blockflöte), Gitarre, Klarinette (Altsaxophon), Violine, Cello. Den kleinen Rest an verwendungsfähigen Streichern und Bläsern teilen sich das Orchester des Gymnasiums, das Orchester der Musikschule(n), die Kirchenspielkreise und die Blas- und Streichorchester des Ortes. Denn wir wollen uns nichts vormachen: In fünf Jahren ist kaum noch ein Orchester so spielfähig, dass es eine Beethoven-Sinfonie in einem mittleren Saal wird spielen können. Aus Orchestern werden dann Spielgruppen, aus Gruppen Grüppchen. Dann beginnen die Fusionen, dann beginnt das große Sterben. Ich weiß, das klingt gruselig, aber es wird exakt so kommen.Die erwähnte Liste der Instrumente ist der Grund, warum ich so sicher bin, dass das offene Orchester die Rettung und ein möglicher Ausweg ist. „Offen“ steht hier für ohne Scheuklappen sein und ohne Berührungsängste: Wer keine Bläser mehr hat, muss sich nach anderen Instrumenten umsehen. Vielleicht gibt es ein Kammermusikensemble in der Nähe, einen kleinen Chor, Reste eines Sinfonieorchesters oder einen pensionierten Bratscher. Wer Flötenschüler kennt, sollte über Flöten nachdenken, oder über Blockflöten. Das klingt viel besser als man denkt. Wer kein Fagott mehr hat, aber einen brauchbaren Akkordeonspieler in der Nachbarschaft, der muss eben diesen Musiker einbeziehen. Das senkt vermutlich den Altersdurchschnitt und bringt zehn neue Hörer. Nur Mut! Es geht hier um unsere eigene musikalische Zukunft.