Zu einem bemerkenswerten Konzert kam es am 4. März in Ober-Olm – nahe Mainz. Der Deutsche Tonkünstlerverband war Veranstalter und hat dankenswerterweise den 70. Geburtstag des Komponisten Gerhard Fischer-Münster in einem musikalischen Porträt gewürdigt.
In einer gut besuchten Kirche erklangen sieben kleine Kostbarkeiten des Komponisten und eine Uraufführung „Der Zauberlehrling“ für Sopran und Klavier von Julian Mörth, einem Schüler von ihm. Sehr abwechslungsreich kamen u. a. naturbezogene Themen in teils außergewöhnlicher Besetzung zu Gehör.
Sehr gut harmonierten Susanne Gimm (Flöte) und Dorothea Herrmann (Klarinette) zusammen mit dem souveränen Pianisten Wolfgang Nieß, sie präsentierten „Promenadengespräch“ und „Chanson de deux“. Hier wird farbenreich musiziert, vergleichbar mit dem „Pas de deux“ im künstlerischen Tanz. Anklänge an Jean Francaix sind nicht zu überhören. Nieß kommentiert: „Die Anforderungen im reizvollen Klavierpart sind anspruchsvoll, aber immer gut spielbar und niemals sperrig ‚gegen die Hand‘ komponiert, Fischer-Münster ist eben ein ausgezeichneter Pianist!“
Zwei Gesangsbeiträge ergänzten das Programm: „Zum Gletscher und Gespenster-Nebel“ mit Annick (Sopran) und Julian Mörth (Klavier), ausdrucksstark, rezitierend mit angenehmer Stimme und als zweites Werk „Fügung“ (von 1973). Gerhard Fischer-Münster erzählte, es sei eine Uraufführung, er habe das Werk noch gefunden. Hier waren Nadja Salameh (Alt) mit großer ausgeglichener Stimme und wunderbarer Tiefe sowie guter Textverständlichkeit und Cécile Peralta zuverlässig am Klavier zu hören. Aus dem gleichen Entstehungsjahr gab der Komponist seine Sonatine zum Besten – klassisch gehalten, ein bisschen Haydn und etwas Jazz. Bemerkenswert oft seine Satzabschlüsse, witzig ironisch gedacht: einmal wird die Tonika wie „leicht weggeworfen“, oder wie im letzten Satz kommt sie erst nach einer „Schrecksekunde“ verspätet und im Pianissimo.
Zwei Beiträge in außergewöhnlicher Besetzung fanden ebenfalls großen Anklang, zum einen spielten Heike Büchler (Saxophon), Xavier Antolinez (Violine) und Cécile Peralta (Klavier) „Triversazione“, sicher, spritzig und mit anregender Konversation. Zum anderen ließen Elisabeth Müller (Flöte) und der Vorsitzende des DTKV Andreas Kubitzki „Gletscher“ als ein wahres Naturschauspiel erklingen – herrliche Effekte: klirrende Kälte durch Vibrato und ein wimmerndes Tremolo, auch ein „Wasserfall“ war zu vernehmen.
Gerhard Fischer-Münster entstammt einem musikalischen Elternhaus (Vater Theo Komponist, Großvater Theodor Musiklehrer/Orchesterleiter), alle waren vielseitig tätig – „das ganze Haus war von Musik und allen weiteren Künsten geprägt.“ Wie früher üblich und sinnreich für einen Komponisten hat auch Gerhard mehrere Instrumente gelernt (Klarinette, Violine, Viola, Klavier, Dirigieren). Das Talent zum Komponieren wurde im Alter von 4 Jahren entdeckt: „ich sah Großvater und Vater schreibend, also wollte ich auch meine Klänge festhalten. Von da an war Komponieren für mich etwas Selbstverständliches.“ Borodin und Dvorák gehörten zu den ersten Einflüssen, Strawinsky folgte bald.
Nach seiner umfänglichen Studienzeit in Mainz gab es Begegnungen vor allem mit Jean Francaix. Fischer-Münster sprach mit ihm über Ironie und die Nuancen von Heiterkeit in der anspruchsvollen Musik. „Francaix riet mir, meine ‚bevorzugten‘ stilistischen Klangeigenschaften unbeirrt beizubehalten, im anderen Falle würden die Kompositionen ihre Ehrlichkeit verlieren. Man sollte sich nicht durch musikalische Modeerscheinungen beeinflussen lassen.“ Auch beantwortet Fischer-Münster die Frage, ob ihn die französische postimpressionistische Musik beeinflusste wie folgt: „Als ich zum ersten Mal anfangs der 1970er Jahre Milhaud und Poulenc bewusst hörte, fand ich meine musikalischen Gedanken bestätigt. Also war es nicht primär Beeinflussung, sondern Zugehörigkeitsgefühl. Das gilt auch für Francaix.“
Weiteren Gedankenaustausch gab es mit Gottfried von Einem, Franz Grothe und Kurt Hessenberg. Zu ihm ging er 1981 mit der Bitte um stilfestigenden Kompositionsunterricht: „Ich bin im Zweifel, ob ich Ihnen noch viel beibringen kann, unsere Musikanschauungen differieren ziemlich stark.“
Im Studium musste Gerhard Fischer-Münster auch zwölftontechnisch arbeiten, dies hat ihn nicht zufriedengestellt, so hat er auch nie geschrieben. Hans-Melchior Brugk schrieb ihm 1984 dazu: „Die Herren 12-Töner kommen mir vor, wie wenn jemand einen organisch gewachsenen Baum zersägt und zerschneidet und ihn nach eigenen Regeln wieder zusammenzusetzen versucht.“
Gerhard Fischer-Münsters eigenwilliger Kompositionsstil ist geprägt von tonal bezogener Harmonik, polytonalen Mischklängen, Polyrhythmik, Romantismen sowie schroffen Kontrasten, teils satirisch-ironisch, teils meditativ-philosophisch mit humanistischen Inhalten. Inspirationen bekommt er vor allem durch die Natur, insbesondere aus der Bergwelt Südtirols, speziell dem Vinschgau, Regionen, mit denen er seit seiner Kindheit verwachsen ist.
Er komponiert ‚auf Knopfdruck‘: „Erst wenn ich gesagt bekomme, für wann und welche Besetzung ich schreiben soll, dann laufen die Räder (Inhalte werden gesammelt, Formen und Emotionen abgerufen) und Stücke entstehen wie ‚fertig‘ als abstraktes Ganzes in der Phantasie, ‚von der ich dann nur noch abschreiben muss‘. Der Prozess dauert in der Regel nie lange, weil ich schnell das Geschriebene sehen will. (Durch die Digitalisierung ist inzwischen auch noch real akustisch hörbar, was man im Grafikprogramm notiert; eine gute Kontrolle bei eventuellen Schreibfehlern. ABER MITKOMPONIEREN des Computers kommt nicht in Frage.)“
Was denkt der Komponist Fischer-Münster über „KI“ (Künstliche Intelligenz) in der Musik? „Die Fähigkeit, Sinneseindrücke wahrzunehmen und darauf zu reagieren ist für Menschen auch eine Antriebskraft zu komponieren, zu malen, zu dichten..., primäre Antriebskraft fehlt jedoch bei ‚KI‘ und wird durch sie umgeleitet. Zugegeben, es ist erstaunlich, was auf ‚künstlichem‘ Wege auch in der ‚Kunst‘ entstehen kann, aber es ist Täuschung. Täuschung ist verwerflich, wenn sie zur ‚Vortäuschung falscher Tatsachen‘ benutzt wird, wie es zum Beispiel in den Medien passiert. In der Musik darf man sich getrost auf die künstlerische Intelligenz verlassen (die geht auch ohne Strom)“.
Fischer-Münsters Schaffenswerk, das wegen seiner Komplexität zur „Zeitgenössischen Musik“ gezählt wird, ist äußerst umfangreich: Sinfonien, oratorische Werke, Ballett- und Schauspielmusik, Kammer- und Klaviermusik, Lieder und Loquisone (eigenes, selbstentwickeltes Genre). Sie sind international bei Konzerten, in Rundfunk, Fernsehen, bei Audio-/Video-Tonträgern und im Internet zu hören. Zu erwähnen ist seine 4. Sinfonie „Im Anfang war das Wort“ für Sinfonisches Orchester und Sprecher (mit eigenem Text), übersetzt in mehrere Sprachen und bis hin nach USA und Japan aufgeführt. In der Presse liest man z. B. „ungewöhnlicher Umgang mit der Stilistik, nicht den Strömungen folgend, er scheut nicht vor neuen Klängen, verlangt vom Publikum Verständnis“.
Gerhard Fischer-Münster war von 1975 bis 2017 Dozent für Klarinette, Improvisation, Komposition, Kammermusik am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz, Gründer und Leiter des Sinfonischen Blasorchesters und des Bläserensembles. Er förderte zahlreiche erfolgreiche Kompositions-SchülerInnen durch Herausgabe der Verlagsreihe „Komponisten-Atelier“ im Musikverlag Loosmann.Schon früh hat sich Fischer-Münster mit dem Malen (Landschaftsmotive) beschäftigt, diese Tätigkeit will er in Zukunft wieder aufnehmen („im Malen finde ich Ruhe, Selbstbesinnung“). Desweiteren will er weitere physikalisch- philosophisch- musikwissenschaftliche Gedankengänge fixieren – komponieren sowieso!