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F-Dur oder die Krux mit der Popularmusik

Untertitel
Überlegungen von Walter Thomas Heyn
Publikationsdatum
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Der Weg zur Popularmusik ist kurz, einfach, schmerzhaft und reich an Enttäuschungen. Das Problem dieser Musik ist, dass sie a) den Leuten gefällt, b) leicht zu reproduzieren ist und c) den Musikern in der Regel selbst Spaß macht.

Nein, ich singe nicht dazu“, sage ich seit beinahe 40 Jahren, wenn ich von wohlmeinenden, aber uninformierten Leuten auf mein Instrument, die Gitarre, angesprochen werde. Jeder Gitarrist kennt und hasst das: die Geringschätzung eines Tuns, die von der Geringschätzung des vermeintlichen Unterhaltungsinstrumentes Gitarre ausgeht und auf den Spieler ausstrahlt: bloß ein Gitarrist, wie uninteressant.

Ich bekam zum zehnten Geburtstag eine Gitarre geschenkt, weil ich so hübsch sang; „Heidschi bumbeidschi“ und „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen“  und dergleichen. Außerdem kostete der Gitarrenunterricht sechs Mark und der Klavierunterricht zehn Mark im Monat. Das war viel Geld für meinen Vater. Für die eingesparte Differenz konnte er acht Bier mehr trinken.

Dann kam der Folksong und die Liedermacher und Blödelbarden, im Wes-ten versammelt in der Burg Waldeck und im Osten in der Burg Michaelstein: „Wann wir schreiten Burg gegen Burg und die alten Lieder singen“… Das ist vorbei.

Der Osten setzte gegen die Hutnanni-Bewegung des Westens den Singeklub. Die FDJ bezahlte den Gitarrenunterricht, beschaffte die Instrumente und die ewig nicht aufzutreibenden Saiten. Auch in Markranstädt, einer bedeutungslosen Kleinstadt am Westrand des großen Leipzig, hielt die neue Zeit Einzug und der Schul-Singeklub gründete sich. Ich war der einzige Gitarrenspieler des Ortes, und die acht hübschesten Mädchen der Schule standen auf einmal neben mir und strahlten. Sie strahlten mich an, das war noch nie da. Das Paradies stand offen. Aber der von mir geschätzte Musiklehrer verließ voller Verachtung die erste Probe. Schade, ich mochte auch Bach und Beethoven. Aber ich stand nun für ihn auf der anderen Seite.

Dann kam Biermann. Besser gesagt, er ging. Noch präziser ausgedrückt: Er wurde gegangen. Er war unser Gott. Auch ich gehörte zu seinen Jüngern und schrieb nächtelang etwa 20 Biermann-Texte liebevoll mit der Hand ab. Die Musik hörte ich taktweise vom Tonband runter, so dass in Leipzig danach „ordentliches“ Notenmaterial mit den richtigen Griffen drüber zu haben war. Drei Jahre später erschien eine Sängerin bei meiner Mutter (ich wohnte noch zu Hause) und bewog meine Mutter dazu, ihr die liebevoll abgeschriebenen Biermann-Lieder zu borgen. Alle! Ich bekam sie natürlich nie wieder. In der Akte las ich später, dass sie im Auftrag gehandelt hatte. Genau genommen hat sie mir geholfen: Das Beweismaterial war weg. Ich konnte studieren.

Danach gründete sich die erste Garagenband. Der Chef des Opernchores Leipzig versammelte um seinen Sohn Matthias weitere langhaarige Gammler in seiner Garage. Man musste den Song „House of the Rising Sun“ spielen können. A-Moll, C-Dur, D-Dur, F-Dur. F-Dur war das Problem für die Mitbewerber. Ich konnte den Griff beinahe und war fortan der erste Gitarrist. Die Band ist niemals aufgetreten. Matthias wurde Architekt. Ich studierte Musik.

Heute, nach beinahe 40 Jahren, ist die Vermittlung Populärer Musik immer noch nicht dort angekommen, wo sie nach der Bedeutung dieser Musik im Alltag der Bürger und vor allem der Schüler längst sein müsste.
Man muss den Knackpunkt im Praxistest im Alltag der Ausbildung benennen, wenn man von der Vermittlung Populärer Musik an der Musikschule spricht. Der Knackpunkt ist der Lehrer und sein Grad an Willen und Interesse. Denn es gibt kein akademisch verfestigtes Studium, es gibt wenig abrufbares Wissen, allerdings gibt es sehr viele und gute Weiterbildungen und ausgezeichnetes Material von den Musikverlagen, beides aus dem Grund, weil der Bedarf riesig ist. Wer sich aus Interesse oder Vernunft für ein solches Wagnis entscheidet, steht in der Regel allein da und muss sich erstmal mit allerlei Themen im „Alleinstudium“ beschäftigen. Da der erste gemeinsame zusätzliche Band-Wettbewerb Berlin-Brandenburg bei „Jugend musiziert“ nunmehr Geschichte ist und die Bands fast alle mit hohen Punktierungen und Preisen zurückkamen, nun, nachdem die Presse und der Rundfunk vor der Tür gestanden haben, nun waren immer alle immerzu dafür gewesen. Vor allem die, die vorher mehr oder weniger dagegen waren. Mein Respekt gilt allen, die vor oder hinter der Bühne daran mitgewirkt haben!

Auch für die allerelementarste Schülerband braucht man Voraussetzungen: Vier bis fünf Hauptfachlehrer/-innen müssen zusammenwirken, darunter die Gesangslehrerin, die ihre Schäfchen nur sehr ungern oder gar nicht herausrückt. Die Ensembleproben sind überaus anstrengend, auch für die Schüler. Meist stören sie die Konzeption des Hauptfachunterrichts, denn es geht um andere Themen: Timing, Zusammenspiel, Bühnenpräsenz, Improvisation, Show. Der Bandleader muss natürlich alle Noten und Texte beschaffen, umschreiben und neu arrangieren. Hat er nach Monaten die Songs einstudiert, wechselt die Mode oder ein neuer Superstar erscheint. Oder die Sängerin geht. Oder der Saxophonist hört auf.

Wie ich eingangs oben schon geschrieben habe: Der Weg zur Popularmusik ist kurz, einfach, schmerzhaft und reich an Enttäuschungen, auch für den Lehrer. Aber wenn alles ausnahmsweise mal geklappt hat, wenn die Sängerin nicht heiser ist und der Saxophonist nicht gegangen ist, wenn gute Technik am Ort war und wenn es dem Bürgermeister und dem Publikum gefallen hat, dann macht es sogar dem Lehrer Spaß, wenn er heimlich weiter hinten auf der Bühne „zur Sicherheit“ die Songs in e-Moll, G-Dur, A-Dur, E-Dur mitspielt. Songs mit F-Dur gibt es keine mehr.

Dennoch gibt es gute Gründe, optimistisch nach vorn zu blicken. Denn der eine oder die andere der jungen Talente von heute wird in einigen Jahren auch bei größeren Wettbewerben erfolgreich bestehen können. Dazu gehört ein bisschen Glück, vor allem aber langjährige harte Arbeit. Diese wird offenbar auch auf dem Spezialgebiet der Popularmusik in hoher Qualität geleistet – immer noch und immer wieder. Frau Musica wird’s danken.

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