Auch in diesem Jahr drehte sich alles um das Thema „Instrumentalunterricht für Erwachsene“. Schülerinnen und Schüler (im Alter zwischen 62 und 75 Jahren) von Gabriele Paqué präsentierten sich in einem Konzert mit Werken von russischen und amerikanischen Komponisten. Dies ist auch das Thema des Künstlers Otto von Kotzebue aus München, der in seiner Ausstellung mit dem Titel „OST – WEST“, dessen Ölbilder im leicht impressionistischen, aber auch expressionistischen Stil sehr typische russische und amerikanische Motive aus den Städten und Landschaften zeigen. So wurde der Einklang von Kunst und Musik ein besonderer Genuss.
Die Schülerinnen und Schüler spielten Werke u.a. von Peter Tschaikowsy, Dimitry Kabalewskij und Martha Mier. Dies solistisch, aber auch vierhändig zusammen mit ihrer Lehrerin. Man verspürte den Spaß und die Spielfreude während des Konzertes, und trotz leichter Aufgeregtheiten konnten alle Spieler ihre Qualitäten in musikalischer, klanglicher und technischer Hinsicht auf einem erstaunlich hohen Niveau präsentieren. Das Publikum belohnte dies auch immer wieder mit reichlich Beifall.
Im Anschluss daran folgte ein Vortrag „Es ist nie zu spät. Musizieren im Alter“ von Prof. Dr. Theo Hartogh von der Universität Vechta. Er lehrt dort Musikpädagogik und gilt als ein ausgewiesener Fachmann im Feld der Musikgeragogik. Nach dem Vortrag stand Herr Prof. Hartogh noch für einige Fragen zur Verfügung.
neue musikzeitung: Auf was muss man heute beim Unterrichten älterer Menschen achten?
Theo Hartogh: Zunächst einmal ist festzuhalten, dass ältere Menschen aufgrund der Plastizität des Gehirns prinzipiell genauso lernfähig sind wie Jüngere. Gegenüber jüngeren Menschen gestaltet sich das Lernen jedoch anders. In der Regel ist die Lerngeschwindigkeit Älterer langsamer und es bedarf mehr Wiederholungen, dies wird aber kompensiert von der gegenüber Jüngeren größeren Lebens- und Welterfahrung, die zum Beispiel bei der Interpretation von Musikwerken zum Tragen kommt.
Für Jung und- Alt gilt, dass sich das Gehirn gebrauchsabhängig entwickelt. Es muss ständig genutzt werden, genauso wie beim Sport nur regelmäßiges Training den Körper fit hält. Mit dem Alter steigt die Varianz der Lernfähigkeit: Während Jüngere vergleichsweise homogen im Lernverhalten sind, zeigt sich bei Älteren eine größere Leistungsspanne. Diese Varianz bedeutet, dass es eine ganze Reihe von 60-Jährigen gibt, die bei der Lerngeschwindigkeit mit Jüngeren mithalten können. Und dies belegen auch Erfahrungen aus dem Instrumentalunterricht. Wenn Frau Paqué anmerkt, sie könne keine Klavierschule für Erwachsene schreiben, dann resultiert diese Aussage sicherlich aus der großen Heterogenität, die sich hinsichtlich Auffassungsgabe und Lernverhalten zeigt, aber natürlich auf der anderen Seite auch aus der notwendigen biografischen Orientierung im Unterricht mit Älteren. Ältere Instrumentalschüler bringen vor dem Hintergrund ihrer lebenslangen Musikerfahrungen konkrete Wünsche und Vorstellungen in den Unterricht mit und haben kein Interesse an verschultem und standardisiertem Lernen. Sie erwarten individuellen Unterricht, der auf ihre Erwartungen sowie ihre persönliche Lebenslage und Bedürfnisse sowie Stärken und Schwächen eingeht. So spielt es für das Übepensum und die Lernmotivation eine große Rolle, ob ein Schüler berufstätig ist oder nicht, wie der familiäre Hintergrund aussieht, ob eventuell gesundheitliche oder motorische Beeinträchtigungen vorliegen und welchen Stellenwert der Unterricht in seinem Leben hat.
nmz: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollte ich als Lehrer mitbringen, um Erwachsene adäquat zu unterrichten?
Hartogh: Der Lehrer sollte neben seinen musikalischen Kompetenzen das Wissen um die besonderen Lernbedingungen älterer Schüler mitbringen. Am wichtigsten ist eine offene Haltung gegenüber den Bedürfnissen und Wünschen älterer Schüler, die individuelle Wege im Hinblick auf Repertoire und Unterrichtsmethodik erfordern. Hier ist Kreativität gefordert und die Bereitschaft, Unterricht im Dialog mit dem Schüler auszuhandeln.
nmz: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung in den kommenden 20 Jahren für den Instrumentalunterricht?
Hartogh: Die Gruppe der über 60-Jährigen ist seit 20 Jahren die am stärksten wachsende Schülerkohorte an Musikschulen. Studien belegen, dass Bildungseinrichtungen wie Musikschulen, trotz sinkender Zahlen jüngerer Schüler ausgelastet sind, wenn sie auf den demografischen Wandel mit attraktiven Angeboten für ältere Kulturinteressierte reagieren. Ein weiteres wichtiges Thema sind intergenerative Angebote wie Instrumentalunterricht für (Groß-) Eltern und Enkel oder Ensembles und Chöre für alle Lebensalter; viele Musikschulen haben hier vorbildliche Formate entwickelt.
nmz: Sie sagten, dass dementiell veränderte Menschen von Instrumentalunterricht profitieren können. Inwieweit verhindert Musik die Entwicklung der Demenz?
Hartogh: Dies ist eigentlich die falsche Fragestellung. Gesangs- und Instrumentalpädagogen sollten demenziell veränderte Schüler nicht als Demenzkranke, sondern als Personen mit Demenz ansehen, die trotz der kognitiven Einschränkungen noch Kompetenzen und Ressourcen für musikalisches Lernen haben, wie es Studien zeigen. Also nicht medizinisch denken – mit Musik lässt sich Demenz nicht heilen –, sondern pädagogisch! Die zentrale Frage ist also nicht, wie Musik heilen könnte, sondern wie der Unterricht gestaltet sein muss, damit ein dementiell veränderter Mensch, der sich für das Singen oder Instrumentalspiel interessiert, das Musizieren genießen kann und auch noch Neues lernen kann. Hier sind Einfühlungsvermögen, Fantasie und Kreativität des Lehrers gefragt.