„Du machst ...was? Staunende Gesichter begegnen mir öfters, wenn ich beim Plausch mit Musikkollegen meine Tätigkeit als Musikgeragogin erwähne. Die Musikgeragogik ist eine noch vergleichsweise junge Disziplin. Sie richtet sich an alle, die Musik und mit ihr verbundene kulturelle Erlebnisse für Menschen im dritten und vierten Lebensabschnitt erfahrbar machen wollen. Die musikalische Arbeit mit alten und hochalten Menschen erfordert eine andere Herangehensweise als die in der Arbeit mit jungen Heranwachsenden und oft auch andere Örtlichkeiten, um ein Projekt für alle Interessierten zu ermöglichen. Hierbei sind die persönlichen Fähigkeiten, eventuelle körperliche oder geistige Beeinträchtigungen dem musikalischen Geschehen anzupassen.

Nadja Salameh. Foto: Privat
Gedanken zur Musikgeragogik…
Als frischgebackene Musikgeragogin, Mezzosopran und Pädagogin plante ich 2016 mein erstes Konzept und schlug dieses begeistert einigen Einrichtungen vor. Bewaffnet mit einem großen Reisekoffer mit Orff-Instrumenten, einer Gitarre auf dem Rücken und einem transportablen E-Piano machte ich mich auf dem Weg, um etwa eine Schulstunde lang in einer Pflegeeinrichtung mit Musik zu begeistern und neugierig zu machen. Ich gestaltete eine musikalische VIP Stunde, in der der Geburtstag einer berühmten Persönlichkeit (Komponist, Forscher, Sportler, Modechefin, Dichter, Maler und Filmschaffende etc.) in dazu passenden Musikstücken musikalisch gefeiert werden sollte. Das Datum der Singstunde war auch das Datum der berühmten Persönlichkeit. Meine Mischung aus Singen und Musizieren mit dem Orff-Instrumentarium fand großen Anklang. Das Einsingen fehlte ebenso wenig wie die persönliche Begrüßung, in der ich die Hände jedes Teilnehmers singend umfasste und seinen Namen hören ließ. Zwischendurch blieb genug Zeit, um von den Erlebnissen und Erfahrungen der Bewohner zu hören.
Die Anregung der eigenen Erinnerung der Mitmachenden ist ein wichtiges Ziel der Musikgeragogik. Vorbereitete Textblätter in übergroßer Schrift wurden ausgeteilt und mancher Teilnehmer schnappte sich schon zu Beginn der besonderen Singstunde sein Lieblingsinstrument. Andere hatten ihre Lesebrille vergessen oder konnten das Textblatt nicht festhalten, kannten aber den Text auswendig und gaben das Blatt weiter. Und wieder andere nahmen einfach nur still am Geschehen teil. Ich erlebte solche Stunden als bereichernd und erfüllend, da es viele positive Rückmeldungen gab. Da schüttelte der Herr im Rollstuhl voller Elan die große Kürbisrassel, eine Dame schwenkte lächelnd den Schellenkranz und eine rüstige Altstimme korrigierte einen Textfehler. Es ging temperamentvoll her und am Ende hieß es: „Sie haben uns den Nachmittag verschönert“.
Die Musikgeragogik bietet für Musikschaffende aller Genres ein vielfältiges Einsatzgebiet. Den Ideen und Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. So gibt es Seniorenchöre, Tanzchöre 60+, Instrumentalunterricht für Senioren, die jetzt endlich mal ihr Lieblingsinstrument spielen wollen. Es wurden neue Instrumente entwickelt, die Beeinträchtigungen im Alter berücksichtigen. Beispiele hierfür sind das Saxonett und auch die wunderbare Veeh-Harfe darf nicht fehlen. Mit 66 Jahren, da ist man noch in Schuss, ja, in Pop- und Rock Angeboten für Senioren kann man es ordentlich krachen lassen, aber auch Seniorenorchester, Tanzgruppen, generationenübergreifende Projekte begeistern und machen Lust am Leben. Viele Popgrößen denken nicht daran, in Rente zu gehen, sondern stehen mit 75 und mehr Lebensjahren in den großen Stadien der Welt auf der Bühne und zeigen, dass auch das Musizieren im Alter Freude und Lebensqualität liefern kann.
Und abschließend ein Hinweis in eigener Sache: Wenn erst die starken 60er- Jahrgänge der Babyboomer-Jahre in Rente gehen, kommen auf die Pflegeeinrichtungen et cetera ganz neue Herausforderungen zu. Wir Musikgeragogen sind bereit. Wer neugierig geworden ist, kann sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik (www.dg-musikgeragogik.de) weiter inspirieren lassen.
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