Hauptbild
Ein Mann in prunkvolle weiß-schwarz-goldenen Kirche an einem Rednerpult. Im Hintergrund ein Chor und ein kleines Ensemble.

Uraufführung „Leipziger Legende“ von Andreas Reimann (Text) und Thomas Heyn (Musik) in der Leipziger Nikolaikirche 2009. Am Mikrofon Pfarrer Christian Führer, einer der Mitinitiatoren der Montagsgebete. Foto: privat

Banner Full-Size

Heimliche Nationalhymne, Skandal par excellence

Untertitel
Nachdenken über Wolf Biermann · Von Walter Thomas Heyn
Vorspann / Teaser

Wie die neue musikzeitung in der März­ausgabe berichtet hat, wurde der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann für sein Lebenswerk von der GEMA geehrt. In der Begründung hieß es, Biermann verbinde „poetische Sprache, musikalische Tiefe und politischen Protest auf einzigartige Weise“. Auf die Auszeichnung reagiert der Hamburger gewohnt humorvoll: „Ich werde lieber gelobt als geschmäht und freue mich, dass mir die GEMA diesen Preis überreicht“, merkte er laut Pressemitteilung an. Die GEMA beschäftige sich „mit den beiden Musen Text und Musik, die sich küssen müssen, um ein gutes Kunstwerk zu schaffen“. 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Der im Osten legendäre, weil verbotene Politbarde Biermann mit dem schönen Vornamen Wolf, später der „Drachentöter wider Willen“ genannt, war die zentrale Bezugsperson für uns damals junge, langmähnige und dank Oma Westjeans tragende, gitarrenspielende und singende Menschen. Er war das große Vorbild im Kampf gegen Ideologien, Kriegstrei­berei, Personenkult und politische Dummheit.

Der Kämpfer gegen das Stasi-System war aber auch Mittelpunkt und Opfer der zentralen kulturpolitischen Todsünde der DDR-Bonzen. Mittlerweile ist er 88 Jahre alt geworden. Dass er einen Preis bekommt, ist natürlich vollkommen verdient. Ich gönne ihm in nie erloschener Bewunderung alle Preise dieser Welt auf einmal. Dass er ihn aber von der GEMA bekommt, die gerade dabei ist, ohne Not die Existenzgrundlage tausender ihrer Mitglieder zu beschneiden, wenn nicht gar zu ruinieren, hat allerdings einen bitteren Beigeschmack. Denn vor allem betroffen sein werden die jungen, die noch nicht bekannten, die unangepassten Kolleginnen und Kollegen.

Dabei hatte die GEMA zur Nachwendezeit Gutes getan. Eine leitende Mitarbeiterin in Berlin sagte zu mir damals, die GEMA „versuche, jeden Pfenning zusammenzukratzen, um den Ossis was auszahlen zu können.“ Und das stimmte. Auch Mitgliedsjahre wurden großzügig angepasst und auf Wunsch Vorauszahlungen gewährt. Das ging gut, bis bei der nächsten Mitgliederversammlung ein uralter Komponist aus Baden-Württemberg den Antrag stellte, die Ossis mögen gefälligst mit 40 Mark anfangen wie er es nach dem Krieg tun musste. Der Antrag scheiterte.

Zurück zu unserem Preisträger. Wieder mal konnte man den seit Jahrzehnten umstrittenen kleinen großen Biermann in der Glotze bewundern: altersweise, altersmüde, listig und angriffslustig wie eh und je, aber auch zusammengesunken, rundlich. Wolf Biermanns Ausbürgerung nach zunächst zwölfjährigem Auftrittsverbot und dann nach seinem großen Konzert in Köln 1976 ist nächstes Jahr 50 Jahre her. „Das Ausbürgern möge sich nicht einbürgern“, riet damals Stefan Heim der Regierung in einem offenen Brief. Es ist alles anders gekommen.

Lange Kamerafahrten zeigen den Dichter redend. Zu bewundernd ist der funkelnde Witz, die geballte Kunst der Dialektik, jeden Satz sofort zu relativieren, Alternativen anzudeuten, scheinbar unverrückbare „Wahrheiten“ mit einem Lächeln, einer Andeutung anzuzweifeln. Vor 50 Jahren gehörte ich zu seinen Jüngern. Das war die Zeit der Singeclubs, der Texterbuden und Liedermacher. 

Eine gar nicht so dumpfrote Zeit, wie man heute glaubt, eher offen, eher liberal, jedenfalls in der Jugendkultur. Einige hatten auch immer Lieder von Biermann dabei oder Tonbänder, die auf Jupiter- oder Tesla-Geräten spät­abends abgespielt wurden. Keiner kann heute mehr im Zeitalter der ununterbrochenen Verfügbarkeit jeder Art von Musik und Literatur die Bedeutung dieser Lieder für uns junge Leute nachvollziehen, Die Schallplatten mussten von der Oma aus dem Westen eingeschmuggelt werden, dann brauchte man zwei Tonbandgeräte, Tonbänder und die richtigen Kabel. Und dann wurden alle diese Lieder wieder und wieder kopiert, bis fast nur noch ein Rauschen zu hören war, vermischt mit verzerrten Wortfetzen und Tonsignalen wie aus dem All bei der ersten Mondlandung. Und diese Signale kamen ja auch aus einer anderen Welt, aus dem Kopf eines andersdenkenden, singenden Menschen. Die Wirkung dieser Lieder auf uns war unbeschreiblich, es war wie eine kollektive Trance, eine Offenbarung, ein Orakel, eine Möglichkeit, eine Hoffnung. 

Überall gab es sie, die politisch engagierten Liedermacher, im Westen neben vielen anderen Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader und Reinhard Mey, im Osten Bettina Wegner, Barbara Thalheim und Kurt Demmler, in Russ­land etwa Bulat Okudschawa. Manche fanden in der politischen Auseinandersetzung den Tod wie Victor Jara in Chile, oder sie stießen eine kleine Revolution an wie José Afonso mit seinem Lied „Grandola, vila Morena“, mit dem er die Nelkenrevolution begleitete. „In Portugal gab es seit Ende der 60er Jahre ähnlich wie in Südamerika, Spanien, aber auch in USA und Deutschland eine Bewegung von volksnahen engagierten und meist politisch linksstehenden Künstlern, die durch das Medium ‚Lied‘ einen Beitrag zum Aufbau eines politischen Bewusstseins in ihren jeweiligen Ländern beitragen wollten.“ [Wolf Lustig, https://www.staff.uni-mainz.de]
Biermann war einer der herausragenden Vertreter dieser Protestsongbewegung. Ich schrieb nächtelang etwa 20 seiner Texte liebevoll mit der Hand ab. Die Musik hörte ich taktweise vom Tonband runter, so dass in Leipzig danach „ordentliches“ Notenmaterial mit den richtigen Griffen drüber zu haben war. 1974 wurden wir jungen Leute aus den Leipziger Singeclubs von der Bezirksleitung der FDJ gefragt, wie wir denn dächten, wie sie mit diesem Biermann umzugehen hätten. Unsere Flötistin, die nebenher in einem Verlag arbeitete, schlug vor, alles in kleiner Auflage zu drucken, dann wäre der Dichter zufrieden, die Künstlerkollegen würden das kaufen, und die Arbeiter täte sowieso nicht interessieren. Wir anderen waren der Meinung, Biermann ins westliche Ausland auf Tournee zu schicken, denn einen besseren Botschafter fürs Ländle konnten wir uns nicht vorstellen. Wir wurden seltsam angesehen und heimgeschickt.

Für die DDR war Wolf Biermann laut Stefan Wolle ein „Skandal par excellence“. Obwohl er staatlichen Repressionen ausgesetzt war, gingen viele Zeilen seiner Gedichte als geflügelte Worte in den Sprachgebrauch ein, etwa die Redensart vom „sozialistischen Gang“. Sein gesungenes Gedicht Ermutigung entwickelte sich „fast zum Volkslied“ und zur „heimlichen Nationalhymne der DDR“. [Stefan Wolle: Lanzelot und der Drache. Skandal und Öffentlichkeit in der geschlossenen Gesellschaft der DDR am Beispiel der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Wallstein, Göttingen 2004]. Es wurde bei Kirchentagen gesungen und in kirchliche Liederbücher aufgenommen.

Meine Lippen blieben damals geschlossen. Für mich war das ein Spiel: Katze-Maus-David-Goliath-König-Hofnarr. Antizyklisch hatte eben mal der Hofnarr gewonnen, ich fand es eher lus­tig. Drei Tage später erschien die Sängerin bei meiner Mutter und bewog sie dazu, ihr die liebevoll abgeschriebenen Biermann-Lieder zu borgen. Alle! Ich bekam sie natürlich nie wieder. In der Akte las ich später, dass sie im Auftrag gehandelt hatte. Genau genommen hat sie mir geholfen: Das Beweismaterial war weg. Ich konnte studieren.

Das ist nun 35 Jahre her. Und wieder mal ist kein Geld für die Kunst da. 250 Mitarbeiter des RBB stehen schon auf der Straße und auch das eine oder andere Orchester wird es noch erwischen. Die freie Szene in Berlin blutet aus. Auch die kleinen Kindertheaterbühnen, die Jazzclubs, die unabhängigen Galerien werden an den Rand gedrückt oder gleich ganz totgespart. Es geht ja bloß um Kunst, und die kann weg. Was wird Biermann dazu sagen? Und vor allem: was wird er dazu singen? Mein Vorschlag: „Du, lass dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit / die allzu hart sind, brechen / die allzu spitz sind, stechen / und brechen ab sogleich.“ Der Text trägt den Titel „Ermutigung“. Und das sollten alle jeden Tag versuchen: sich selbst zu ermutigen, weitermachen, nachdenken, lieben, leben, immer weiter weitermachen. Frau Musica wird’s danken.

Print-Rubriken
Unterrubrik