Am 16. Februar 2021 wurde die erste CD des vielfach ausgezeichneten Musikprojekts Bridges veröffentlicht. Die künstlerische Leiterin von Bridges, Flötistin und FTKB-Mitglied Johanna-Leonore Dahlhoff, ist von Beginn Teil dieses außergewöhnlichen Ensembles.
neue musikzeitung: Liebe Johanna, mit der Gründung von Bridges ist eins der interessantesten Ensembles Deutschlands entstanden. Was war Auslöser für die Idee, Musiker aus Deutschland mit Musikern aus Nahost, Fernost und Lateinamerika mit ihren traditionellen Instrumenten zusammen zu bringen?
Johanna-Leonore Dahlhoff: Die Idee zu Bridges entstand im Sommer 2015: Musiker*innen mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund sollten gemeinsam ein stilistisch vielfältiges Konzert spielen. Der Hessische Rundfunk unterstützte die Idee und bot den Sendesaal in Frankfurt als Konzertort an – bevor der erste Musiker gefunden war. Die Proben starteten im Januar 2016, das Konzert im April war ein voller Erfolg, Bridges-Musiker*innen wurden für Folgeauftritte gebucht. Schnell war klar: Was als einmalige Konzertidee anfing, konnte bei der großen Resonanz nicht einfach wieder aufhören. Also haben wir weiter gemacht. Die Motivation vieler Kolleg*innen war: gegenseitig voneinander lernen, neue Musikstile kennenlernen, sich weiterentwickeln, neue Menschen/Kulturen kennenlernen. Für unsere Mitglieder mit Migrationshintergrund war es ein Anliegen, ihre jeweiligen Heimatkulturen in Deutschland zu präsentieren, sich mit den eigenen Stärken zu zeigen, die Kultur und Gesellschaft mitzuprägen – also „Teilgabe“ statt „Teilnahme“.
nmz: Bridges ist ja nach der Gründung richtig durchgestartet. Erzählst du uns von den wichtigsten Stufen der bisherigen Entwicklung?
Dahlhoff: Dadurch, dass unser erstes Konzert im hr-Sendesaal stattfand, hatten wir eine große mediale Aufmerksamkeit. Das hat uns sehr dabei geholfen, von Anfang an richtig durchzustarten. Unsere Ensembles haben mit großer Motivation und Kreativität sehr individuelle Konzertprogramme entwickelt, je nachdem, welche Instrumente und musikalischen Hintergründe und Vorlieben im Ensemble vertreten waren. So gibt es bei Bridges Ensembles mit dem Schwerpunkt afghanisch-iranische Folklore, arabische Musik, Flamenco, Südamerikanische Tanzmusik, Musik aus dem Mittelmeerraum, sowie Ensembles, die alles mischen. Kein Ensemble ist traditionell besetzt. Es spielen immer Instrumente mit, die normalerweise in dem Musikstil nicht vertreten sind. Wir haben seit 2016 etwa 300 Auftritte gespielt – vor Beginn der Corona-Pandemie im Schnitt 1,5 Konzerte pro Woche. Mit dabei waren neben den Konzerten, die wir selbst veranstalten, deutschlandweite Auftritte unter anderem in Flüchtlingsunterkünften, Seniorenheimen, für Amnesty International und Pro Asyl, bei Gedenktagen und Festakten der Stadt Frankfurt und der Bundesregierung, bei Festivals, in Kooperation mit der Kronberg Academy, dem Ensemble Modern und vielen anderen tollen Partner*innen. Außerdem sind wir sehr stolz darauf, dass wir mit der HfMDK Frankfurt bereits dreimal das Seminar „Bridges im Klassenzimmer“ durchführen konnten: Hier erarbeiten Bridges-Musiker*innen gemeinsam mit Lehramtsstudierenden Unterrichtseinheiten zu außereuropäischer Musik für Schulklassen.
Zu Bridges gehören aktuell um die 60 Instrumentalist*innen und zirka 30 Solo- und Chorsänger*innen. Wir haben Angebote sowohl für fortgeschrittene Laien als auch für Profis. Bei vielen Projekten mischen sich beide Gruppen, was sehr bereichernd von allen Beteiligten erlebt wird.
Bereits Ende 2016 ist der Wunsch entstanden, ein Kammerorchester zu gründen. Diesen Wunsch konnten wir im Oktober 2019 mit der ersten Kammerorchestertournee im Rhein-Main-Gebiet realisieren. Das Orchester hat direkt nach seiner Gründung mit „The Power of the Arts“ einen der höchstdotierten Kulturförderpreise Deutschlands gewonnen – eine tolle Bestätigung für unsere Arbeit und eine wichtige finanzielle Unterstützung!
nmz: Es steckt hinter einem derartigen Projekt auch ein enormer Finanzierungsaufwand. Wie konntet ihr Mittel generieren und jetzt aktuell eure CD finanzieren?
Dahlhoff: Ja, Bridges und insbesondere das Kammerorchester brauchen (wie alle Kulturprojekte) viel Mut und Kreativität bei den Finanzierungsstrategien. Das Kammerorchester ist unser kostenintensivstes Projekt und wird u.a. aus Fördergeldern vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, dem Kulturfonds Rhein-Main sowie privaten Spender*innen finanziert.
Zur Finanzierung der CD
Mit hr2-kultur im Boot waren die entscheidenden Themen jeder CD-Produktion – technische Ausstattung, ein erfahrenes Produktionsteam sowie Mixing und Mastering – in sehr guten Händen. Auch das Corona-Kulturpaket vom Land Hessen hat uns sehr weitergeholfen. Zusätzlich haben wir auf Crowdfunding gesetzt. Besonders hilfreich war dabei, dass „kulturMut“ die Crowdfunding-Einnahmen aufgestockt hat. Wir sind begeistert, dass wir dadurch viele CDs bereits vor ihrer Erscheinung verkauft haben.
Am Ende wäre die kostspielige CD-Produktion aber nicht ohne weitere Unterstützung eines Mäzens und weiterer Privatpersonen möglich gewesen, wofür wir sehr dankbar sind. Und wenn wir die CD weiterhin erfolgreich verkaufen, haben wir hoffentlich Ende 2021 alle Produktionskosten wieder drin.
nmz: Für eure CD habt ihr 9 Titel aufgenommen, darunter 5 Eigenkompositionen. Die Komponisten dieser Werke stammen aus verschiedenen Kulturen. Welche Besonderheiten der traditionellen Musik aus den Herkunftsländern der Komponisten begegnen uns in ihrer Musik?
Dahlhoff: Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive man hört: Für europäisch-klassisch geprägte Ohren am ungewöhnlichsten sind vermutlich die vier Titel, die in Vierteltonskalen geschrieben sind und von unserem syrischen Konzertmeister Walid Khatba, unserem syrischen Bratschisten Rabie Azar sowie unserem iranischen Tar-Spieler Pejman Jamilpanah komponiert bzw. arrangiert wurden. Für orientalisch geprägte Ohren sind die Jazz-Harmonien im Titelgebenden Stück „Identigration“ des Frankfurter Saxophonisten Peter Klohmann sowie in „La Suite“ unseres kolumbianischen Tiple-Spielers und Gitarristen Andrés Rosales vermutlich etwas Besonderes. Und für beide Hörergruppen kann der traditionelle mongolische Untertongesang eine neue Klangerfahrung sein.
Wenn man eine CD produziert, dann finde ich es wichtig, dass man sich darüber Gedanken macht, was man warum und in welcher Reihenfolge auf dem Album veröffentlicht. Die Original-Kompositionen unserer Orchestermitglieder hatten deswegen oberste Priorität. Wir haben zuerst diese Stücke ausgewählt und dann eigene Arrangements dazu genommen.
Seit Beginn sind gegenseitiges voneinander Lernen und gemeinsames Experimentieren die Grundlagen dafür, wie bei Bridges Musik entsteht. Gemeinsam entwickeln wir Ideen für Musikstücke, die Mehrfachidentitäten hörbar machen und zeigen, wie die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen zusammenwachsen kann, ohne dass die oder der Einzelne ihre oder seine Identität aufgeben muss.
Jeder Titel auf unserer Debüt-CD steht im Zeichen des Albumtitels „Identigration“: für das Wechselspiel von Identität und Integration. Deswegen haben wir uns für „Silk Road“ von Pejman Jamilpanah als Eröffnungsstück entschieden. Gleich der dritte Ton klingt für klassisch-europäisch sozialisierte Ohren ungewöhnlich, denn der Viertelton liegt genau zwischen einer weißen und schwarzen Klaviertaste. Im weiteren Verlauf schreibt Jamilpanah Akkorde, die weder zum Tongeschlecht Dur noch Moll gehören, sondern genau dazwischen liegen, weil durch den Viertelton die Quinte in zwei gleich große Hälften geteilt ist. Das ist nicht nur für europäische Ohren ungewöhnlich, sondern auch in der traditionellen persischen Musik schreibt man solche Akkorde nicht. Damit steht Pejman Jamilpanahs Stück ganz besonders für Aufbruch, „Identigration“ und gemeinsam Neues schaffen, also genau das, worum es uns geht.
Interview: Ute-Gabriela Schneppat
Die CD „Identigration“ ist zum Preis von 22 Euro zzgl. Versandkosten bestellbar unter bestellung@
bridgesmusikverbindet.de
Termine FTKB Piano Adventures Online Workshops
Sa, 13.03.2021, 14 Uhr: Arbeiten mit Begleit-Tracks?
So, 14.03.2021, 11 Uhr: Improvisation im Unterricht
Informationen: Veranstaltungen | Piano Adventures Deutschland
Anmeldung an: fortbildung [at] pianoadventures.de (fortbildung[at]pianoadventures[dot]de)