Seit über einem Jahrzehnt werden Grabreden auf die Klassik gehalten: Dass das Publikum immer älter wird, dass im Zeitalter der Informationshäppchen kaum noch jemand die Konzentration aufbringen kann, Musikstücken mit einer Länge über fünf Minuten zu folgen und dass deshalb diese Musikform aussterben wird.
Am 24. Januar fand ein Konzert in der Münchner Philharmonie statt, das diese düsteren Prophezeiungen widerlegte. Die Münchner Musikhochschule lud zur Aufführung von Gustav Mahlers zweiter Symphonie ein. Das große Hochschulorchester und die Hochschulchöre bewältigten dieses Werk nicht nur mit erstaunlicher technischer Perfektion, sondern auch mit einer musikalischen Intensität, die den Hörer mitriss. Dass diese Symphonie bei ihrer Uraufführung als revolutionär empfunden wurde, konnte man in dieser Aufführung hören: Die komponierten Einbrüche und Zusammenbrüche, die Aufschreie im dissonanten Fortissimo-Klang – das hatte eine explosive Präsenz, die einen jungen Mann neben mir, eigentlich ein Metalfan, sagen ließ: „Das ist härter als ein Rockkonzert.“ Doch die jungen Musiker spielten und sangen ebenso berührend die kammermusikalisch leisen Passagen. Unter der umsichtigen und klugen Leitung von Ulrich Nicolai waren sie beflügelt, Mahlers Musik frei von jeder Routine in einer Frische, Natürlichkeit und mit jugendlichem Temperament so aufzuführen, dass sie wieder ganz jung wurde. Übrigens dominierten in der fast ausverkauften Philharmonie mit über 2.000 Menschen nicht meine grauhaarigen Altersgenossen – es waren vielmehr viele jüngere Menschen da.
Der Münchner Musikhochschule gelang so eine Demonstration, wie faszinierend, bewegend und erschütternd klassische Musik auch für junge Menschen unserer Zeit sein kann. Wenn so viele junge Musiker so engagiert spielen und singen, dann muss es einem nicht bange um die Zukunft der Klassik sein. Allerdings wäre es wichtig gewesen, dass auch die Öffentlichkeit davon Kenntnis nimmt. Doch weder die Süddeutsche Zeitung noch der Bayerische Rundfunk haben dieses Konzert wahrgenommen, vielleicht da dies nicht in das gängige Bild einer überalterten Klassik passt, ein Bild, das schon – wie bereits erwähnt – seit über einem Jahrzehnt gepflegt wird: „Postfaktische“ Meinungsmanipulation gab es nämlich schon vor 2016!