Banner Full-Size

Neuartiges Verlagsmodell für zeitgenössische Noten

Untertitel
Scodo – ein Angebot für Komponist*innen der Universal Edition
Publikationsdatum
Body

Im Februar 2021, mitten in der für die Kulturwelt so bedrückenden Corona-Zeit, ging der Wiener Traditionsverlag Universal Edition (UE) mit einer radikalen Neuerung an die Öffentlichkeit. Das Prinzip nennt sich „Scodo“ und eröffnet professionellen Komponist*innen ein grundlegend neuartiges Vertriebsmodell für Noten.

Die Veränderungen in der Musikwelt und die umfassende Digitalisierung gehen an den notenproduzierenden Verlagen nicht spurlos vorbei. Aktuelle Musik ist leider nicht so recht in der Breite des klassischen Musiklebens repräsentiert, die Aufführungspraxis tendiert hier zum „einmaligen Uraufführungs-Event“, was die Möglichkeiten der anschließenden Noten-Auswertung für die Verlage schmälert. Das traditionelle Modell des Musikverlags scheint technisch und lebenspraktisch überholt zu sein. Heute sind fast alle Komponisten selbst in der Lage, druckfähige Vorlagen ihrer Noten herzustellen, Noten können jederzeit und schnell „on demand“ gefertigt und noch schneller digital versendet werden. Die Lage am Klassik-Markt und die veränderten Reproduktions- und Verbreitungsmöglichkeiten setzen für Komponisten und Verlage zunehmend ein Fragezeichen hinter die Sinnhaftigkeit einer „klassischen Inverlagnahme“ aktueller Musik.

Mit Scodo nun schlägt die Universal Edition eine neue Seite auf, bei der die Idee des Notenverlags an die Verhältnisse der Zeit angepasst wird – aus Sicht des Autors (der das Angebot der UE als Komponist inzwischen auch selbst nutzt) nichts weniger als eine kleine Revolution, die folgerichtig ist und Sinn macht. Wie funktioniert es?

Zunächst können sich Komponisten bei der Universal Edition bewerben. Eine künstlerische Jury prüft, ob sie die Bewerbungen als professionell und interessant einstuft – auch die grafische Qualität der eingereichten Noten wird akribisch unter die Lupe genommen.

Bei positivem Bescheid können die Bewerber Teil der UE werden und pflegen fortan selbsttätig ihre Partituren in das Publishing-System ein. Die erscheinen dann regulär im Katalog und in den weltweiten Vertriebssystemen. Jedes hochgeladene Werk wird, genau wie die sonstigen Noten der UE, gleichberechtigt als gedruckte oder digitale Notenausgabe erhältlich sein.

Entscheidend ist, dass über Scodo keine reguläre Verlagsbindung entsteht. Das Ganze funktioniert auf Grundlage eines Abos: Für bis zu 5 Werke sind es monatlich 12 Euro, für beliebig viele Werke zuzüglich einer Oper 25 Euro, bei unbegrenzten Werken plus beliebig vielen Opern 50 Euro. Werden Noten verkauft (oder als Leihmaterial vertrieben) erhält der Komponist 70 Prozent des Verkaufspreises, wobei zweimal jährlich abgerechnet wird. Den Preis der Noten legt das System auf Basis von Erfahrungswerten der UE fest.

Der Gedanke, dass ein Komponist für die Verbreitung seiner Noten ein Abo bezahlen soll, mag gewöhnungsbedürftig sein. Doch auch die Präsentation auf der eigenen Website würde ähnliche Kosten nach sich ziehen. Hier gibt es ein „Gütesiegel“ der traditionsreichen Universal Edition sowie ein Team, das sich aktiv um Vermarktung kümmert. Natürlich sind keine Wunder zu erwarten, aber die PR-Bemühungen des Scodo-Teams sind ernst zu nehmen – gerade online gibt es hier eine gute Sichtbarkeit.

Für viele Komponist*innen dürfte es auch eine wichtige Rolle spielen, dass sie die Kontrolle über ihre veröffentlich­ten Werke behalten – etwa in Hinblick auf Verfügbarkeit der Noten, aktuelle Versionen und Weiteres. Jedes Werk kann jederzeit einzeln wieder herausgenommen, das Abo insgesamt beendet werden, es gibt also kein Risiko. Die UE bekommt keinen Verlags-Anteil an den Tantiemen, kümmert sich aber auch nicht um die Abrechnung mit den Verwertungsgesellschaften, wie klassische Verlage das meist tun. Auch andere „klassische“ Verlagstätigkeiten wie etwa die Bemusterung von Bibliotheken bleiben am Urheber selbst hängen. Wäre letzteres vielleicht eine Idee für zukünftige Scodo-Features?

Scodo scheint erfolgreich zu sein. Bislang ist laut Auskunft der Universal Edition damit eine kleine dreistellige Anzahl von neuen Komponisten zum Verlag hinzugekommen. Die Ausstrahlung ist international und die Komponisten kommen aus allen Kontinenten. Gerade jüngere und weibliche Komponierende sind gut repräsentiert.

Laut Auskunft der UE ist das Modell auf Dauer angelegt und keineswegs als „Experiment“ zu sehen, das nach einigen Jahren wieder eingestellt werden könnte. Somit erschließt die traditionsreiche Universal Edition, die schon im 20. Jahrhundert wichtiger Teil musikalischer Aufbrüche war, heute neue musikalische Welten – und gibt damit auch verlagspolitisch einen wichtigen Impuls für das Digitalzeitalter.

Print-Rubriken
Unterrubrik