Am 7. November 2013 fand im Anschluss an die Mitgliederversammlung des Landesverbandes Sachsen-Anhalt des DTKV der 2. Tonkünstlerstammtisch statt. Die vor allem im 19. Jahrhundert verbreitete Tradition möchte der Landesverband Sachsen-Anhalt des DTKV gerne wieder aufleben lassen und lud bereits im Juni die Mitglieder, aber auch die Magdeburger Öffentlichkeit ins Forum Gestaltung zu einem ersten Tonkünstler-Stammtisch ein. Prominenter Gast und Gesprächspartner dieses Tonkünstler-Stammtisches war der Präsident des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt, Staatssekretär a.D. Winfried Willems. Zu Gast war dieses Mal der neue künstlerische Leiter und Chefdirigent der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie, Gerard Oskamp. Er ist seit September 2013 als Nachfolger von GMD Christian Simonis im Amt.
Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie und den DTKV Landesverband Sachsen-Anhalt verbindet seit vielen Jahren eine enge und konstruktive Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Neuen Musik: Zahlreiche Uraufführungen sachsen-anhaltischer Komponisten wurden durch das Orchester realisiert und auch zu den Tonkünstlerfesten musizieren die Musiker regelmäßig.
Gerard Oskamp – neuer künstlerischer Leiter
Die Vorsitzende des DTKV-Landesverbandes, Dr. Sigrid Hansen, stellte den neuen Chefdirigenten zunächst vor und erläuterte biografische Eckdaten seines Werdeganges. Als Cellist spielte der 1950 geborene Holländer drei Jahre im Philharmonischen Orchester von Rotterdam. Zugleich studierte er bei Edo de Waart, Hans Swarowsky und Ferdinand Leitner Dirigieren. Seine Laufbahn als Dirigent begann 1976 mit dem Ersten Preis beim John Player-Wettbewerb in Bournemouth, England. Hieraus ergab sich eine enge Zusammenarbeit mit dem Bournemouth Symphony Orchestra sowie mit anderen Orchestern in Großbritannien. Gerard Oskamp gewann 1980 den ersten Preis beim Internationalen Dirigenten-Wettbewerb des Ungarischen Fernsehens. Ein Jahr später gab er an der Budapester Staatsoper mit „La Traviata“ sein Operndebüt. Sein Weg führte ihn für fünfzehn Jahre nach Nordeuropa, wo er als gefragter Gast bei zahlreichen Orchestern in allen skandinavischen Ländern arbeitete. 1986 wurde Gerard Oskamp Chefdirigent des Stavanger Symphonie Orchesters und blieb außerdem bis 1998 künstlerischer Leiter des Norwegischen Bläserensembles. Von 1994 an war Gerard Oskamp drei Jahre lang Operndirektor am Volkstheater Rostock und von 2002 bis 2007 Generalmusikdirektor am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg. In den 1990er Jahren arbeitete er regelmäßig am Grazer Opernhaus und bei der Philharmonia Hungarica.
Umgang mit Neuer Musik im Konzert
Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Orchester war der Tonkünstlerverband eine der ersten Anlaufstellen bei Vorbereitung der neuen Konzertsaison. Die neue Musik ist ihm wichtig und sie soll einen eigenen Platz in seinem Konzertprogramm bekommen und nicht als Alibi zwischen Werke früherer Jahrhunderte geschoben werden, so der neue Chefdirigent. Und so war eine seiner ersten Ideen, einen Marathon der neuen Musik mit neun Uraufführungen aus Sachsen-Anhalt anzubieten – als Anrechtskonzert in Schönebeck und im Rahmen des 22. Tonkünstlerfestes in Magdeburg. Alle neun Komponisten sind übrigens Mitglied im Tonkünstlerverband. Als Problem sieht Oskamp die große Kluft, die zwischen der sogenannten zeitgenössischen Musik und der Unterhaltungsmusik herrscht. Sie sei in keinem Jahrhundert so extrem gewesen, wie im Moment. Aber seine Devise ist, dass er lieber ein kleines aber interessiertes Publikum für ein Konzert mit ausschließlich neuer Musik in Kauf nimmt, als dass er ein Publikum hat, das auf das Ende der neuen Werke wartet. Außerdem ist er ein großer Freund von Cross-Over-Veranstaltungen.
Neues aufbauen und an Traditionen anknüpfen
Auf die Frage, was er alles im Orchester ändern möchte, gab es verschiedene Antworten. Zum einen hat er die Aufstellung des Orchesters in Anlehnung an die alte Wiener Tradition geändert. Das heißt die zweiten Geigen haben ihre Plätze mit den Violoncelli getauscht und können sich so eigenständiger entfalten. Auch die Blechbläser bekommen neue Aufmerksamkeit. Es gibt mehr Konzerte mit weniger Proben, was Hausarbeit für die Musiker bedeutet, da nicht alle Kleinigkeiten gemeinsam geprobt werden. Und es gibt erstmals sieben Praktikanten im Orchester, um eine kontinuierlichere Arbeit zu ermöglichen und nicht so häufig auf wechselnde Aushilfen zurückgreifen zu müssen. Der Stolz des Landkreises Schönebeck auf das Orchester ist spürbar, aber wohin die Entwicklung in den kommenden Jahren gehen wird, ist auf Grund schwindender finanzieller Mittel noch ungewiss. Oskamp freut sich, mit dem Orchester seine Ideen verwirklichen zu können, Neues aufzubauen und an Traditionen anzuknüpfen. So geht er auch wieder in die Schulen, wo er unter anderem ein Musikmärchen nach Hans Christian Andersens Nachtigall anbietet, das vom holländischen Komponisten Theo Loevendie vertont wurde. So bringt er unter anderem Impulse aus seiner Heimat nach Sachsen-Anhalt. Es war ein sehr informative und lockere Gesprächsatmosphäre, die auf weitere gute und innovative Zusammenarbeit der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie unter ihrem neuen Chefdirigenten mit dem DTKV Landesverband Sachsen-Anhalt hoffen lässt.