Reinhard Keiser ist kein Unbekannter in der Operngeschichte. Zwar finden seine Werke nur selten ihren Weg auf die Bühne, aber in den Musikgeschichten hält er einen Stammplatz als Begründer der deutschsprachigen Oper, die in der heroischen Zeit der Hamburger Gänsemarktoper um 1700 ihre ersten Erfolge feierte.
Die deutsche Odysseus-Oper, die Keiser zum Geburtstag König Friedrichs von Dänemark 1722 für den Hof in Kopenhagen komponierte, spiegelt das Herrscherlob auf sehr barocke und etwas gezwungene Weise in die griechische Götter- und Heldenwelt. Jupiter und Neptun persönlich bequemen sich zum Ruhme des Herrschers an den Ostseestrand. Vielleicht muss man die Neugier eines Musikwissenschaftlers und das Temperament eines Musikers wie Antonius Adamske haben, um einem solchen Gelegenheitswerk eine Bedeutung für heute abzugewinnen. Aber schon in der prächtigen Huldigungskantate, die Keiser mit Pauken, Trompeten und Chor um die eigentliche Handlung gelegt hat, verlebendigen das Göttinger Barockorchester und der wendige Chor unter seiner antreibenden Leitung die barocke Szenerie. Auch Ulysses ist kein gänzlich Unbekannter auf der Opernbühne. Monteverdi hatte ihn in seiner Oper „Il ritorno d’Ulisse“ nach Ithaka heimkehren lassen. Keiser hatte vor allem auf der französischen Bühne seine Vorlagen gefunden, neben einigen Orpheus-Versionen eben auch für seine Odysseen. Aber ein wirklicher Opernheld ist dabei nicht aus ihm geworden, obwohl ihm der Bariton Janno Scheller mit großer Gestaltungskraft und tenoraler Höhe auf die Sprünge zu helfen versucht. Vielmehr muss er sich zwischen zwei Frauen behaupten: seiner Gattin Penelope, die ihm bei allen Anfechtungen treu geblieben ist, und der Zauberin Circe, die seine Zurückweisung nicht hinnehmen will und schwarze Magie einsetzt, um doch noch seine Liebe zu erzwingen. Für die barocke Oper kommt da eine ganze Menge genretypische Rache heraus, vom Countertenor Gerald Thompson als Circe furios zugespitzt; der Bass Jürgen Orelly gestaltet den Widerpart dazu in der Figur des Freiers Urilas, der nicht bei Penelope landen kann.
Ulysses wird aus der Perspektive der Daheimgebliebenen erzählt. Er selbst tritt erst auf der zweiten CD in Erscheinung, und er ist umstellt von vielen Nebenfiguren, die die Handlung eher spiegelnd verdoppeln als dass sie sie weiterbringen würden. Dazu gehört der Kniff, Circe als Rivalin an Penelopes Hof zu bringen, um dort Ulysses mit einem künstlichen Paradies zu empfangen, in dem er seine Heimat nicht wiederzuerkennen vermag – allenthalben lässt die barocke Zauberin Armida grüßen: der Zauber wird sich in der barocken Bühnenmechanik manifestiert haben, Keisers Musik entfacht ihn nicht. Dafür wirft der Komponist mit der Figur des frauenfeindlichen und trinkenden Dieners Arpax ein komisches Schlaglicht auf die Geschichte, das im Violoncello und der geradezu mimischen sängerischen Darstellung von Goetz Philip Körner köstliche Kurzweil beschert. Vielleicht sind es tatsächlich die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, die uns die deutschsprachige Barock-Oper verstellen. Man kann die Suche nach dem rechten Ton und der fließenden Bewegung spüren, kann hören, wie der Gesang einerseits ins Liedhafte kippen möchte, andererseits die dramatische Zuspitzung sucht. Wie so oft in diesen Opern ist die Orientierung an den französischen und italienischen Leitkulturen einkomponiert. Penelope singt einige Arien auf italienisch, die zum Teil als Einlage-Arien von fremder Hand identifiziert sind, hier von Giuseppe Maria Orlandini, seinerzeit einem namhaften italienischen Opernkomponisten. Von hohem Wiedererkennungswert und hoher Stimmungsdichte sind dabei Naturbilder und besonders eine typische Nachtigallen-Arie. Wie die
Sopranistin Bogna Bernagiewicz diese verschiedenen Arien-Stimmen gestaltet, gehört zu den Ereignissen dieser Aufnahme und erfüllt so die Versprechungen, die eine Barock-Oper für heute bereithält.