Zum zweiten Mal fand im Oktober 2022 das Festival „Kammermusik!“ im Bürgerbräu in Würzburg statt. Auf besondere Weise wird hier Kammermusik als ein niederschwelliges, aber anspruchsvolles, buntes, aber doch ernstes Vergnügen zelebriert. Der funktionale Charme der alten Maschinenhalle der ehemaligen Brauerei, die durch atmosphärisches Licht und in einem Nachtkonzert zusätzlich durch akustische Elemente verdichtet wurde, trug maßgeblich zum Zauber der Unternehmung bei. Die Programme der vier Konzerte waren von einer überraschenden Vielfalt bestimmt, die durch den Raum und die in unterschiedlichen Kombinationen auftretenden Musiker zu jeweils überzeugender Einheit gebunden wurde. Statt eines Sammelsuriums unterschiedlicher Stücke entstand ein musikalischer Raum, in dessen Zwischenräumen die hörende Einbildungskraft ein vibrierendes Netz von Querbeziehungen spann.
Das Ensemble um die beiden Initiatorinnen Theresa Romes (Sopran) und Marie-Thérèse Zahnlecker (Klavier) war dieses Mal vom fabelhaften Quartett Berlin-Tokyo als zentraler Klangkörper bestimmt, zu dem in wechselnden Besetzungen Flöte, Gitarre und gleichsam als Zitat aus dem letzten Jahr Akkordeon hinzutraten. Im Eröffnungskonzert unter dem Motto „The End“ wurde der Klangkörper in der „Chanson perpétuelle“ von Ernest Chausson vorgestellt und dann auf wechselnde Weise ausdifferenziert, bevor eine packend zugespitzte Aufführung von Franz Schuberts atemberaubenden Streichquartett d-moll „Der Tod und das Mädchen“ im zweiten Teil des Konzerts eine musikerfüllte Aus(nahme)zeit stiftete.
Im zweiten Konzert entfalteten sich Traumwelten, die von einem Klaviertrio von Joseph Haydn bis zu „Somewhere over the Rainbow“ reichten. Im Herzen des Konzerts stand der Traumklassiker schlechthin: Ausschnitte aus Felix Mendelssohn Bartholdys Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“, reduziert für Klavier vierhändig. Aber anstatt die gewohnten, zauberhaften Orchesterfarben vermissen zu lassen, wuchsen der klanglichen Eigenfantasie Flügel in ihrer sensiblen, agilen Interpretation. Zum Abschluss des Konzerts entführte Theresa Romes Richard Wagners „Wesendonck-Lieder“, bearbeitet für Streichquartett und Klavier, aus der solistischen Szene ins kammermusikalische Ambiente, das von der großen Geste bis an die Grenze des traumverlorenen Verstummens reichte.
Dem stand das Abschlusskonzert mit seiner musikalischen Inszenierung des Tanzens gegenüber. Tanz erschien zunächst buchstäblich als Gerippe der Musik und darauf in einer fast tanzenden Imagination der Geschichte des Tango von Astor Piazzolla in der bewegenden Interpretation von Verena Beatrix Schulte (Flöte) und Josef Mücksch (Gitarre).
Zum Gesicht des Festivals gehört es, wie jeweils eine Spur von zeitgenössischer Musik durch die altehrwürdige Idee von Kammermusik gezogen wird. Höhepunkte waren dieses Mal unzweifelhaft zwei Werke des amerikanischen Komponisten George Crumb: Apparition, von Theresa Romes und Jonas Gleim am Klavier eindrucksvoll gestaltet, und Vox balaenae (Stimme des Wals): Die Erfahrung des Gesangs von Buckelwalen wurde im Nachtkonzert von drei maskierten Musiker*innen in eine audiovisuelle Traumszene verwandelt. Das Nachtkonzert wurde passend zu den Kompositionen von Crumb, wo die Flötistin ohnehin den Musikbegriff durch Singen in die Flöte und Pfeifen auszuweiten hatte, und die Evokation der lettischen Landschaft in Plainscapes von Peteris Vasks in ein akustisches Ambiente getaucht. Auch dieses Mal gab sich das Festival mit einer Auftragskomposition die Ehre: In „Lass mich!“ gestaltet die Komponistin Aneta Rydzewska, wohl durchaus autobiografisch motiviert, den starken Willen und den Zwang zum Musikmachen. Die Sängerin Theresa Romes muss dabei nicht nur den sich ständig wiederholenden Text in verschiedenen Facetten gestalten, sondern auch in gestischer Sprache und mechanisch-puppenhafter Weise darstellen. Außerdem hatte das Festival dieses Mal einen Kompositionswettbewerb ausgelobt: Ausgewählt wurde das Trio „Jenseits der Schatten“ von Romeo Wecks, das in verdichteter Interaktion zwischen Flöte, Violine und Gitarre ins Zwischenreich der kammermusikalischen Traumwelten führte.
Die einzelnen Konzertfäden wurden zusätzlich zu einem Festival-Bündel geschnürt durch das bunte anregende Programmbuch, das unter Beteiligung von Student*innen der Musikwissenschaft gestaltet wurde, sowie den sehr persönlichen Einsatz bei der Bewirtung. So wird man vom Kunden einer Veranstaltung zum Gast der Musik. Und wie dann zum Abschluss Antonín Dvoráks beliebtes Klavierquintett erklang, gespielt vom Quartett Berlin-Tokyo und dem wach und fein interagierenden Pianisten Jonas Gleim, das bestätigte aufs Schönste, was das Festival versprach: Kammermusik als geglückte Gemeinschaft von spielenden und hörenden Menschen hier und jetzt – das ist dann wahrlich ein Fest.