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Boccherini und die Kraft der Erdstrahlen

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Kammermusikkurs für junge Instrumentalisten in der Musikakademie Schloss Weikersheim
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Streicher, Holzbläser, Hornisten und Pianisten aus ganz Deutschland treffen sich einmal im Jahr in Weikersheim zum „Erlebnis Kammermusik“. Bereits zum 21. Mal hatten vom 6. bis 17. August rund 60 Jugendliche die Möglichkeit, mit Dozenten aus renommierten Orchestern oder von Musikhochschulen kammermusikalische Werke zu erarbeiten.

Für viele Teilnehmer ist der Kurs eine Möglichkeit überhaupt gemeinsam mit anderen Musik zu machen. „Das ist etwas anderes als alleine vor sich hin zu spielen“, sagt die 18-jährige Cellistin Caroline. Gleichzeitig können die jungen Musiker in einer kleinen Gruppe sich selbst sehr viel intensiver wahrnehmen und individueller zur Geltung bringen als in einem Orchester. Die Jugendlichen reisen nicht mit festen Ensembles an, sondern werden erst in Weikersheim in Kammermusikgruppen eingeteilt. Sie musizieren in verschiedenen Formationen und erarbeiten Werke unterschiedlicher Epochen. Für das Kursleiterteam ist dies eine planerische und logistische Herausforderung, denn jeder Teilnehmer spielt in mehreren Ensembles und jedes Ensemble wird von mehreren Lehrern unterrichtet. Lange werden auf dem Planungsboard die Kärtchen hin und her geschoben, bis nachts um eins der Probenplan disponiert ist.

Elf Tage lang dreht sich dann das Musikkarussell im Schloss von Terzett bis Oktett, von Georg Friedrich Telemanns „Tafelmusik“ zu Werken von Boccherini oder Schostakowitsch. In jedem der frisch gegründeten Kammermusikensembles finden Musiker mit ganz unterschiedlichen Temperamenten zusammen, entwickelt sich eine eigene Gruppendynamik. Schüler aller Niveaus musizieren miteinander, ob Anfänger oder Bundespreisträger beim Wettbewerb „Jugend musiziert“. Dies funktioniert, weil sie sich aufeinander einstimmen und beim Musizieren aufmerksam miteinander kommunizieren.

Durch die intensive ganztägige Probenarbeit und Workshops können die Dozenten auf hohem Niveau unterrichten und gleichzeitig individuelle fördernde Hilfestellungen geben.

Die größte Motivation entsteht jedoch unmittelbar in der Gruppe, wenn die Jugendlichen sich von den anderen etwas abschauen und -hören und aus Momenten eines glückenden Zusammenspiels ungeahnten neuen Fleiß entwickeln. Der Dozentin Irene de Marco, Fagottistin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, ist lebhaft ein strahlender Cellist in Erinnerung, der in einer „schwächeren“ Gruppe gelandet war: „Er war wie der Fels in der Brandung für die anderen“, erzählt sie.

In Weikersheim werden Freundschaften geschlossen – durch das gemeinsame Musizieren, auf dem Weg über den Marktplatz zum Schloss oder abends beim Billard im Jeunesses-Keller. Die jungen Musiker genießen es, zwei Wochen lang aus dem Alltag auszusteigen und das zu tun, was ihnen am meisten Freude macht: Musik. Zum Beispiel die 17-jährige Bratschistin Anna-Lena. „Total cool“, findet sie den Kurs und „das Schloss ist eine riesige Kulisse für so was“. Das Statement ihrer Mitspielerin Nina ist ähnlich knapp, aber klar: „Die Dozenten sind alle super!“ Die 17-Jährige spielt Cello und ist in diesem Jahr bereits zum dritten Mal dabei.

Die Dozenten schätzen die intensive Arbeitsatmosphäre des Kammermusikkurses und das Flair der Musikakademie. Danach gefragt, worin genau denn nun das Geheimnis dieses JMD-Kurses liege, geben sie freilich sehr unterschiedliche Antworten: „Es klingt in allen Räumen wunderschön. Das beflügelt“, begeistern sie sich für die Akustik im Schloss. „Besonders harmonisch“, sei er, der Kammermusikkurs der JMD, meint Bratschendozent Dietmar Flosdorf vom Wiener Kammerorchester. Das müsse mit den Erdstrahlen in Weikersheim zu tun haben, mutmaßt er lachend. Sein Kollege Geof­f­rey Wharton, Violinist im Gürzenich Orchester Köln und der Musikakademie seit vielen Jahren als Dozent verbunden, nennt ganz handfeste Gründe. Er schätzt „die Bereitschaft der Mitarbeiter von Jeunesses Musicales, alles leicht und schön für uns zu machen. Und das Weikersheimer Logierhaus hat das beste Essen in Deutschland“.

Ob Service oder gutes Essen – vielleicht sind es einfach die Menschen, die in Weikersheim zusammenkommen und gemeinsam Freude an der Musik haben, die den Kammermusikkurs für viele zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Dass eine besondere Energie in diesem Kurs zu spüren ist, das wissen auch die Weikersheimer. In dem kleinen Städtchen sind die Konzerte der Kammermusikwerkstatt der JMD längst kein Geheimtipp mehr. So gab es auch dieses Jahr beim Dozentenkonzert und den Abschlusskonzerten der Teilnehmer begeisterten Applaus.

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