„Ich verabschiede mich“ hieß es nach drei intensiven Tagen des mu:v-Camps in der Musikakademie Schloss Weikersheim. Drei Tage, an denen über 50 Teilnehmer*innen zwischen 16 und 28 Jahre aus ganz Deutschland zusammenkamen, um sich auszuprobieren, Eindrücke zu sammeln und vor allem: ein besonderes Gemeinschaftsgefühl zu erleben mit Leuten, die sehr verschieden sind und doch alle ein bisschen ähnlich ticken, wie man selbst.
Vamos vida, yo ya me voy,
con mi cajita de cuero,
te digo adiós
Komm schon, Leben, Ich werde jetzt gehen, mit meiner kleinen Lederbox, Ich verabschiede mich.
Das mu:v-Camp ist ein partizipatives, von einem jungen Team weitgehend in Eigenregie konzipiertes und organisiertes Format, bei dem sich Teilnehmer*innen und Dozierende auf Augenhöhe begegnen sollen. Junge Menschen lernen von jungen Menschen, peer to peer.
An den heißen Tagen Ende Juli begegnen einem im Schloss und Schlosspark Weikersheim wundersame Situationen: Eine Orange wird vor einem Mikrophon ausgequetscht, eine Gruppe sitzt im Kreis und gibt kehlige Geräusche von sich, auf der Schlossbrücke fegen Menschen mit Besen rhythmisch-choreographiert den Boden. Andere Szenen sind dagegen eher vertraut, wie eine Lied-Analyse am Whiteboard, eine Musical-Probe, aus der man einen Ohrwurm von ABBA mitnimmt oder zwei Gitarristen, die im Schlosspark unter einem Walnussbaum sitzen und gemeinsam ihren eigenen Song schreiben.
Konzentriert und ausgelassen
All das sind Einblicke in das konzentrierte und zugleich ausgelassene Arbeiten im mu:v-Camp, bei dem die Teilnehmer*innen über drei Tage vormittags einen Kurs ihrer Wahl besuchen und zu einem bestimmten Thema Input bekommen. An den Nachmittagen können sie dann jeweils in verschiedene Workshops schnuppern und Unterschiedliches ausprobieren. „Sound Design & Foleys“ etwa heißt der Workshop, bei dem Lebensmittel dafür verwendet werden, um Geräusche aufzunehmen, die dann für einen Film oder ein Hörspiel verwendet werden können. Der gerade produzierte Orangensound könnte beispielsweise in einen Alien-Film passen, so Workshopleiter Bjarne Taurnier. Mit einer Aufnahme, wie jemand in einen saftigen Apfel beißt, ließe sich eine Essensszene akustisch unterfüttern.
Geräusch oder Musik?
Beatboxing ist eine Technik, die jeder lernen kann, vorausgesetzt man ist bereit zu üben und auszuprobieren, was für die Stimme oder die Lippen zunächst sehr ungewohnt ist. Tiefes brummen oder röhren, fast schon unmenschliche Laute – die Geräusche, mit denen die Teilnehmer*innen gerade experimentieren, klingen so gar nicht nach Beatboxing oder „Musik“. Doch als Workshop-Leiter Joshua Jüdes das Mikrophon in die Hand nimmt und mit nichts als seiner Stimme und seinen Lippen verschiedenste Beats und Patterns erzeugt, wird sofort klar, wozu die Übungen dienen. Um Rhythmus geht es auch beim Stomp-Workshop. Hier studiert Dominik Schad mit der Gruppe einen kanonartigen Rhythmus ein, für den die Gruppe mit ihren Besen entweder im Takt auf den Asphalt klopfen oder diesen fegen.
In den Vormittags-Kursen geht es zwischendurch auch mal etwas theoretischer zu. Harmonielehre soll dabei helfen, einen eigenen Song zu schreiben, eine PowerPoint-Präsentation den ersten Input für die Konzeption außergewöhnlicher Konzertformate liefern. Im Kurs von Stephanie Kobori und Manu Rosales dagegen werden über die drei Tage südamerikanische Lieder einstudiert – und das ganz ohne Notentext, ohne Verstärker oder Computer. Nur übers Hören und Spielen auf dem Instrument. Ein Prinzip, das Steph auch durch das ETHNO-Programm der Jeunesses Musicales International kennt, bei dem auf Basis von traditioneller Musik, frei nach Gehör, miteinander musiziert wird. Fürs mu:v-Camp haben sich Steph und Manu entschieden, einige Stücke populäre Musik aus den Anden, aus Argentinien und Brasilien mit den Kursteilnehmer zu erarbeiten. Die Liedzeilen am Anfang des Artikels stammen aus einem anonymen, melancholisch klingenden Lied aus den Anden.
Kurse, feiern und tanzen
Die Teilnahme an den Kursen und Workshops sind die eine schöne Sache beim mu:v-Camp – feiern und tanzen die andere: So fand am Samstagabend ein Konzert mit dem „Orchester im Treppenhaus“ direkt nebenan in der TauberPhilharmonie statt. Mit seinem Programm „Disco“, live gespielt, bewegte sich das Ensemble an der Schnittstelle zwischen analogem Techno und neuer Musik. Und auch das Publikum war eingeladen, sich zu bewegen! Karo, eine Teilnehmerin des mu:v-Camps war begeistert. „Ich fand’s richtig gut. Musik, zu der man richtig gut tanzen konnte.“ Sie selbst könnte sich vorstellen, noch einmal ein Konzert des Orchesters im Treppenhaus zu besuchen, weil sie auch sonst gerne zu Musik in Richtung Techno feiern geht und sie das dafür ungewöhnliche live-Format überzeugt hat. Im Jeunesse-Keller im Schloss ließen die Camp-Teilnehmer*innen die ausgefüllten Tage gemütlich zusammen ausklingen, oder es wurde bis spät in die Nacht weitergefeiert.
Höhepunkt und Abschluss des mu:v-Camps war ein Wandelkonzert, bei dem alle Kurs- und und Workshop-Ensembles stolz ihre Ergebnisse präsentierten: Selbst geschriebene Songs, Musik aus Lateinamerika, geistliche Chormusik, eine Musical-Performance und vieles mehr. Das Konzert war ebenso abwechslungsreich, überraschend und inspirierend wie das gesamte mu:v-Camp, an dessen Ende es hieß, sich zu verabschieden – bis zum nächsten Camp in zwei Jahren, oder schon im Oktober für das nächste Treffen der jungen Initiative der JMD mu:v – Musik verbindet.