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Zum vierten Mal vergab das Deutsche Kinderhilfswerk Anfang Oktober den Deutschen Kinderkulturpreis. Die Sonderpreisverleihung durch Bundesjugendministerin Dr. Christine Bergmann fand im Berliner Friedrichstadtpalast vor zahlreich erschienenen kleinen und größeren Gästen statt. Der Preis ist der wichtigste seiner Art in Deutschland und mit insgesamt 60.000 Mark dotiert. Er wird für he-rausragende Leistungen in der Arbeit mit Kindern und für Kinder verliehen, um die Bedeutung von Kinderkulturprojekten in Deutschland hervorzuheben.
Als einzige Jugendmusikorganisation unter den insgesamt sechs Preisträgern erhielt die Jeunesses Musicales Deutschland eine Auszeichnung für das internationale Kinder- und Jugendkulturprojekt Brundibár. Zu Wiederaufführungen jener Kinderoper Brundibár von Hans Krása, die 1943/44 über fünfzig Mal im Konzentrationslager Theresienstadt von dort inhaftierten Kindern und Jugendlichen gespielt und gesungen wurde, hatte Jeunesses Musicales Deutschland gezielt aufgerufen und ausführliches Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt. So kam es in den letzten Jahren an Schulen, Musikschulen und Jugendkultureinrichtungen zu über 300 Aufführungen im gesamten Bundesgebiet.
Durch das Projekt wurde auf neue Art die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit eingeleitet. Gespräche mit Zeitzeugen, begleitende Rahmenprogramme sowie Ausstellungs- und Projekttage ergänzten die Aufführungen der Oper. 100.000 Kindern und Jugendlichen wurde so ein persönlicher Zugang zur deutschen Geschichte ermöglicht. Neben den Aufführungen im innerdeutschen Raum bildet auch der deutsch-tschechische und deutsch-polnische Jugendaustausch einen wichtigen Schwerpunkt des Projektes.
Durch Brundibár-Inszenierungen mit Polen und Tschechen wird die Geschichte gemeinsam thematisiert, Vorurteile werden abgebaut und Freundschaften entstehen. Erst jüngst hat die Robert-Bosch-Stiftung 180.000 Mark zur Verfügung gestellt, um weitere deutsch-polnische und deutsch-tschechische Projekte zu ermöglichen. Interessenten können sich bei der Jeunesses Musicales Deutschland (Marktplatz 12, 97990 Weikersheim) um eine Unterstützung ihres Vorhabens bewerben.
Zur Präsentation des Projektes im Berliner Friedrichstadtpalast, zu der die Musikschule Weissensee aus Berlin einen Einblick in ihre Inszenierung bot, war auch der Zeitzeuge Paul Aron Sandfort aus Dänemark angereist, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Als 13-jähriger Junge hatte er beim Brundibár in Theresienstadt die Trompete gespielt und als Einziger aus seinem Zimmer im Jugendheim L 410 überlebt. Leider blieb im eng gestrickten Programm der Veranstalter kaum Zeit, sein Auftreten angemessen zu würdigen.
Das Brundibár-Projekt der Jeunesses Musicales Deutschland ist inzwischen längst zu einem Selbstläufer geworden. Es steht beispielhaft für einen neuen Weg in der Erinnerungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, die fächerübergreifende Zusammenarbeit an Schulen und für die weitgreifende Vernetzung und Kooperation mit unterschiedlichsten Partnern. Wer sich einmal mit Brundibár beschäftigt hat, den lässt das Thema nicht mehr los. Inzwischen arbeitet auch die internationale Zentrale der Jeunesses Musicales in Brüssel daran, das Projekt in anderen Ländern bekannt zu machen. Norwegen, Holland, Dänemark und die USA sind als Partner für ein globales Projekt, für die Fortführung dieses lebendigen Mahnmals, bereits mit im Boot. Auf dem Weg in das nächste Jahrtausend wird Brundibár weiter eine Rolle spielen – als ein Zeichen der Völkerverständigung, der aktiven Auseinandersetzung und der Erinnerung.