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Umkämpft: der Arbeitsmarkt Kultur

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Kongress des Deutschen Kulturrates im Jahr der Geisteswissenschaften ·
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Vom 26. bin 27. September 2007 fand in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin der Kongress des Deutschen Kulturrates „Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler“ statt. Unter den 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern befanden sich erfreulicher Weise besonders viele junge Akademiker und Studierende. Vier thematische Schwerpunkte standen im Zentrum der Veranstaltung: klassische Einsatzfelder der Geisteswissenschaftler, Chancen und Tücken freiberuflicher Arbeit, Erwachsenenbildung und Qualifizierung sowie Berufschancen von Absolventen bestimmter geisteswissenschaftlicher Fächer. Eröffnet wurde der Kongress von der Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die in ihrer Rede den hohen Nutzen der Geisteswissenschaften für die Gesellschaft unterstrich. Geisteswissenschaftler, so Schavan, müssen sich keineswegs hinter Ingenieuren oder Absolventen anderer technischer- oder naturwissenschaftlicher Studiengänge verstecken. Vielmehr sollten sie ihre Stärken, die vor allem im Bereich der sprachlichen und interkulturellen Kompetenz zu finden sind, selbstsicher vortragen.

Im ersten Teil der Tagung wurden die klassischen Beschäftigungsfelder für Geisteswissenschaftler angesprochen. Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, erläuterte am Beispiel der Sanierung des Schlosses Schönhausen, wie komplex diese Arbeit ist. Eine hohe Sozialkompetenz, sprachliches Ausdrucksvermögen, eine abgeschlossene Promotion sowie ausgezeichnete kommunikative Fähigkeiten sind ebenso gefragt wie Konfliktfähigkeit und Lösungs- und Kostenorientierung. Weiterhin problematisierte Dorgerloh, dass befristete Projektförderungen den Wissenstransfer erschweren, da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Abschluss eines Projektes – notgedrungen – anderweitig beschäftigt sind. Ähnliche Maßstäbe an die Kompetenzen der Mitarbeiter legt auch Simone Eick als Direktorin des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven an. Sie illustrierte, vor welchen Herausforderungen, aber auch Chancen Museen in der Provinz stehen. Die Arbeit in einem Museum, das privatwirtschaftlich geführt wird, unterscheidet sich insofern von öffentlich geförderten Institutionen, da hier eine noch stärkere Ziel- und Besucherorientierung vorliegt.

Zu Beginn des zweiten Themenbereichs, dessen Schwerpunkt auf der freiberuflichen Tätigkeit lag, sprach Olaf Zimmermann über den Arbeitsmarkt Kulturwirtschaft. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates veranschaulichte in seiner Rede alle Facetten dieser boomenden Branche. Zwar spiele dort eine Promotion eine eher untergeordnete Rolle, so Zimmermann, jedoch werde den dort Tätigen ein langer Atem und ein nicht unerhebliches Maß an Risikobereitschaft abverlangt. Wie der Alltag von Freiberuflern aussieht, darüber gab die freiberuflich tätige Journalistin Tamara Tischendorf eindrucksvoll Auskunft. So sehen sich in Deutschland etwa 25.000 freie Journalisten mit einer unsicheren Auftragslage und einer oftmals nicht adäquaten Entlohnung konfrontiert. Freiberufliches Arbeiten ist extrem abwechselungsreich, so ihr Fazit, man muss dieser besonderen Art des Broterwerbs jedoch gewachsen sein. Zum Abschluss dieses Themenschwerpunktes beschrieb Beate Schreiber, selbst studierte Historikerin und Germanistin, die Arbeit des von ihr mit gegründeten Historischen Forschungsinstituts Facts & Files Berlin. Sie recherchiert im Auftrag Dritter in Archiven, verfasst wissenschaftliche Gutachten, übernimmt das Drehbuchlektorat geschichtlicher Fernsehbeiträge und vieles mehr. Die Zukunftschancen in diesem Marktsegment sieht Beate Schreiber als sehr positiv an, da durch die immer größer werdende Wissensflut gesichertes Wissen immer attraktiver werde.

Warum kulturelle Bildung als Schlüsselkompetenz der Kulturgesellschaft angesehen werden muss, erläuterte Karl Ermert zu Beginn des zweiten Themenschwerpunktes. Der Direktor der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel stellte den Anwesenden die Fülle der Möglichkeiten der Arbeitsplatzsuche im Bereich der kulturellen Bildung vor. Einen speziellen Ausbildungsweg, um in diesem Bereich tätig zu werden, gäbe es jedoch nicht. Anschließend sprach Peter Reifenberg, Direktor des Erbacher Hofes, über die Aufgabe und das Selbstverständnis der katholischen Akademien. Sie begreifen sich als lebendige Kulturstationen, als Orte der dialogischen Präsenz und der offenen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, in denen Geisteswissenschaftler in hoher Zahl vertreten sind. Die dort tätigen Wissenschaftler zeichne aus, dass sie sich ständig weiterbilden und in der Lage sind, sowohl auf hohem fachlichem Niveau Texte zu schreiben, als auch ihre Anliegen für jedermann verständlich in Worte und in Sprache zu kleiden.

Welche Anforderungen und Erwartungen an Stellen in der Kulturwirtschaft gestellt werden, erläuterte Karin Drda-Kühn zu Beginn des zweiten Konferenztages. Über das von ihr betreute Serviceportal www.vertikult.de können unter anderem Jobangebote und -gesuche im Kulturbereich abgerufen werden. Einen Stellenzuwachs gebe es in den Bereichen Kulturtourismus, Wissenschaftsmanagement und Medien.

Zu beobachten sei allerdings, dass die Anforderungen bei Bedarf und Nachfrage stark auseinanderdriften. Aufbauend auf den allgemeiner gehaltenen Thesen über die Berufschancen der Geisteswissenschaftler ging Roland Kanz, Lehrstuhlinhaber am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Bonn, auf die Chancen und Probleme der Kunsthistoriker ein. Verdrängungswettbewerbe auf dem Markt sowie die drohende Pauperisierung der Akademiker sieht er als drängende Themen unserer Zeit. Nicht zuletzt der Bologna-Prozess habe durch einen damit verbundenen ungeheuren bürokratischen Aufwand zur Folge, dass die Lehre und die Ausbildung dahinter zurückstehen. Als Vertreter des größten geisteswissenschaftlichen Faches der Germanistik sprach Ingo H. Warnke von der Universität Bayreuth über den in den letzten Jahrzehnten von statten gegangenen Prestigeverlust des Faches bei gleich bleibender fachlicher Qualifikation. Germanisten seien, so Warnke, in erster Linie Spezialisten. Als solche bringen sie Textkompetenz, Variationskompetenz, Analytische Kompetenz, Strukturbewusstsein, Befähigungen komplexer Informationserschließung sowie ein historisches Bewusstsein mit. Ihre Karrieren verlaufen über verschlungene Wege, enden zum Teil – und das kann ein wenig beruhigen – auch in Führungspositionen, wie Studien belegen.
Einblicke in ein sehr begehrtes, aber nicht minder hart umkämpftes Berufsfeld gab der Hörfunkdirektor des WDR Wolfgang Schmitz. Auch hier sprechen die Zahlen für sich: Auf zehn ausgeschriebene Rundfunkvolontariate kommen 700 Bewerbungen. 85% der Programmvolontäre der letzten fünf Jahre haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert. Germanisten, Historiker, Kulturwissenschaftler prägen folglich das Programm des Westdeutschen Rundfunks. Ohne eine studienbegleitend gesammelte Praxiserfahrung im Bereich der Medien seien Volontariate jedoch längst nicht mehr zu bekommen.

Abschließend fasste Stephan Schaede, Theologischer Referent und Arbeitsbereichsleiter „Religion und Kultur“ an der FEST Heidelberg, die Veranstaltung in äußerst brillanter und pointierter Art und Weise zusammen. Er entließ die Teilnehmer mit dem eindringlichen Appell, sich zusammenzuschließen und Bündnisse einzugehen. Es liege nun an den kommenden Generationen politische Unterstützung einzufordern.

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