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Ein Ackerweg durch eine grüne hügelige Wiese mit einem Wald im Horizont.

Quo vadis, Lehramt Musik? Foto: Patrick Ehrich

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Die Rolle der Eignungsprüfungen

Untertitel
Einige kritische Gedanken dazu und zur MULEM-EX Studie
Vorspann / Teaser

Das Thema Aufnahmeprüfung, das einen wichtigen Aspekt der Ergebnisse der MULEM-EX-Studie zur Entscheidung für ein Musiklehramtsstudium darstellt, wird wohl viel Anlass für Kontroverse bieten. Einige provokante Gedanken dazu im Folgenden, ich stütze mich dabei auf meine – gänzlich subjektiven – Erfahrungen als Musiklehrer. Zunächst zwei Zitate aus dem Artikel vorweg:

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

„Die Vorbereitung auf die Eignungsprüfung [erfordert] beträchtliche, über mehrere Jahre andauernde finanzielle Investitionen.“
„Auch musikalisch hoch kompetente Jugendliche nehmen die Eignungsprüfung […] als bedeutende Hürde wahr.“

Beides ist richtig, aber nicht notwendigerweise schlecht!

Inwieweit sich die finanzielle Situation von Bewerber:innen in den letzten Jahrzehnten geändert hat, gibt die Studie nicht her. Zweifellos gibt es zahlreiche Jugendliche, deren Elternhäuser es finanziell nicht ermöglichen können, jahrelangen Instrumental- und Musiktheorieunterricht zu bezahlen und die gerne ein Musikstudium ergreifen würden. Kritisch muss man aber fragen, wie viele Fälle es gibt, in denen die finanzielle Prioritätensetzung das eigentliche Problem ist. Wird es als nötig empfunden, in die musikalische Ausbildung zu investieren, wird letztlich Musik als eine ernstzunehmende Leistung und nicht nur als Hobby betrachtet? Ich erlaube mir deswegen diesen kritischen Blick, weil meine eigene Mutter alleinerziehend war und von der Rente meines verstorbenen Vaters gelebt hat, als ich Kind war. Dennoch hat sie wie selbstverständlich über viele Jahre Klavier, Cello und Theorieunterricht an der Musikschule bezahlt, weil man ihr gesagt hat, dass ich talentiert bin und dies gefördert werden sollte. Das hat sie sehr stolz gemacht und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Die bloße Existenz von finanziellen Investitionen ist also nicht das Problem, und die Absenkung von Eignungsprüfungsstandards erst recht nicht ein sinnvolles Gegenmittel, eher bräuchte es zum Beispiel staatliche Härtefallregelungen für Musikschulbesuche und dergleichen. 

Zum zweiten Aspekt kann ich ebenfalls aus meiner Erfahrung berichten, dass es mich angespornt hat, dass von mir etwas erwartet wurde. Ich hatte großen Respekt vor der Aufnahmeprüfung an der Uni und das war auch richtig so, sage ich auch aus heutiger Perspektive! Ich wollte mich beweisen, und ich empfand es als großes Privileg und Ehre, Musik studieren zu dürfen, weil ich begabt war und weil ich Arbeit investiert habe. Ich war im Nachhinein sogar etwas enttäuscht, als ich gemerkt habe, dass ich wohl mehr konnte, als „nötig“ gewesen wäre. Wie steht es also um den Anspruch von Exzellenz an sich selbst, auch und gerade von zukünftigen Musiklehrer:innen? Wie kann dieser Selbstanspruch bei Jugendlichen geweckt werden? Auch das ist ein zunehmendes Problem aus meiner Praxiserfahrung, wo Schüler, sobald sie das erste vermeintlich eindrucksvolle Stück von Ludovico Einaudi auf dem Klavier spielen können, mit dem Klavierunterricht aufhören, weil sie glauben, alles Nennenswerte erreicht zu haben.

Keine Fähigkeit ist umsonst, kein Musiklehrer kann „zuviel“ wissen. Wer sich wirklich für Musik interessiert, kennt keine Obergrenze für die eigenen Fähigkeiten. Die Abwehr des vermeintlichen „überflüssigen“ Wissens ist nur ein weiteres Symptom des „Zwecklernens“, wenn der Humboldt-Gedanke der Entwicklung der geistigen Kräfte verdrängt wird durch ein „ich mache gerade so viel wie nötig“-Denken. Dagegen halte ich: Jeder Musiklehrer muss Beethoven-Sonaten und Bach-Fugen vom Blatt spielen können, muss eine Mozartsinfonie aus der Partitur spielen können, muss einen Popsong ad hoc transponieren können! Das sind Fähigkeiten, die ich in meinem Musik­unterricht tatsächlich anwende und nicht missen möchte, Fähigkeiten, von denen Schüler profitieren (das heißt auf keinen Fall, dass das die einzigen Fähigkeiten sind, die man braucht). 

Dass Lehramtsstudenten von „richtigen“ Musikstudenten gerne etwas herablassend betrachtet werden, hat mich immer gewurmt. Leider ist es manchmal auch selbstverschuldet: wenn man an sich selbst keinen Anspruch hat, wird es auch niemand anders haben. Zumindest aus – völlig nichtrepräsentativen – Erfahrungsberichten einer nahegelegenen Uni habe ich die Klagen darüber mitbekommen, dass die Bewerber für die Eignungsprüfung im Lehramt immer schlechter werden.

Aber auch meiner Erfahrung nach sind leider einige junge Musiklehrer erschreckend schlecht qualifiziert, wenn sie die Uni verlassen. Nicht nur in der Musikpraxis (z.B. Klavierspiel), sondern auch wenig belesen. Es ist eine Illusion zu denken, alles Nötige lerne man in den paar Seminaren und Vorlesungen an der Uni. Die sind doch bloß Stichwortgeber, um sich in seiner Freizeit selbst intensiv in alle Richtungen weiter zu belesen, zu forschen, zu experimentieren. Jeder Musiklehrer sollte auch komponieren, sollte öffentliche Konzerte geben, sollte Bücher über Musiktheorie lesen und so weiter, all das am besten sogar schon vor Antritt des Studiums. Dann erst besteht die Chance, dass das Studium tatsächlich eine tiefgehende Persönlichkeit formt, die im besten Sinne eine Autorität auf ihrem Gebiet ist und auch von Schülern so wahrgenommen wird. Wir brauchen also besser qualifizierte Musiklehrer, wir brauchen Musiker, die nicht am Ende nur Songs mit Garageband zusammenbasteln. Wenn das die Vorstellung davon ist, was in der Aufnahmeprüfung künftig abgefragt werden sollte, wird das nur zur Abschaffung des Musikunterrichts führen, denn auf diesem Niveau kann jede KI schon bessere Musik machen. Wir brauchen Komponisten mit künstlerischem und intellektuellem Anspruch, mithin Profimusiker!

Schließlich: Welche Inhalte sollen also in der Aufnahmeprüfung erfasst werden? Was sind die Konsequenzen, wenn die Eignungsprüfung am musikalischen Schwerpunkt der Bewerber ausgerichtet wird? Das führt zum Kernproblem:

Können völlig unterschiedlich sozialisierte Musiklehrerpersönlichkeiten nebeneinander existieren, die wenig gemeinsame Schnittmenge in ihrer Qualifikation haben? Und wäre es akzeptabel, wenn der Typus des an klassischer Musik geschulten Musiklehrers künftig eine marginale Minderheit darstellt? Welche Basiskompetenzen sind unverzichtbar für die Ausbildung eines Musiklehrers? Die Formulierung, „dass die Interessen der potenziellen Studierenden breiter gestreut sind“ ist ein Euphemismus dafür, dass klassische Musik vielen nicht mehr so wichtig ist. Wer aber traut sich ein Bekenntnis dafür abzugeben, dass klassische europäische Musik nicht nur eine wichtige Säule, sondern vielleicht sogar die wichtigste Säule (nicht aber die einzige!) des Musikunterrichts sein sollte, gerade weil es die Musiktradition unseres Kulturraums ist? Und – bei aller nach außen demonstrierter Brüderlichkeit der verschiedenen Musikstile – auch an der Diskussion um die qualitative Gleichwertigkeit oder Unterschiedlichkeit von Kompetenzen aus den gerne umschifften Begriffen E- und U-Musik führt leider kein Weg vorbei!

Der Elefant im Raum ist also die Frage nach der Normativität! Was SOLL denn eigentlich im Musikunterricht stattfinden? Und wenn sich die gesellschaftliche Realität verändert, muss man das akzeptieren oder hat man eine Zielvorstellung, wie die gesellschaftliche Realität der Zukunft aussehen sollte? Fakt ist: Musikalische Sozialisierung findet immer statt. Wenn nicht durch die Schule, dann durch andere Akteure. Was sich Musikpädagogen fragen müssen, ist also, welche Player denn die musikalische Sozialisation dominieren und mit welchen Interessen möglicherweise? Und was hat Schule dem entgegenzusetzen? Keinesfalls sollte sich Schule oder Universität darauf zurückziehen, nur zu reagieren auf das, was kommt, sondern sie muss einen eigenen inhaltlichen Standpunkt vertreten.

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