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Aufbruch ins neue Jahrtausend

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Thesen und Anregungen zu einer zeitgemäßen Musikschule
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Das wird auch so bleiben. Wenn man den Blick nach vorne richtet, ist dieser Teil allerdings zu vernachlässigen, weil in diesem Bereich der Druck zu Neuerungen nicht sehr ausgeprägt ist. Deshalb ist es mein Anliegen, das Augenmerk auf die „restlichen“ 90 Prozent unserer Schüler zu lenken, und zwar nicht unter dem konventionellen Blickwinkel potenzieller Aufstiegskandidaten in die Spitze, sondern mit einer eigenen, neuen Qualität. Dabei ist nicht die Frage, ob diesbezüglich Veränderungen kommen werden, sie sind bereits in vollem Gange.

Das große Ziel der meisten Musikschulen ist, möglichst viele Schülerinnen und Schüler in unserer Leistungspyramide in die obere Spitze zu führen und möglichst hervorragende Interpretationen unserer barock-klassisch-romantischen Literatur zu stimulieren. Das wird auch so bleiben. Wenn man den Blick nach vorne richtet, ist dieser Teil allerdings zu vernachlässigen, weil in diesem Bereich der Druck zu Neuerungen nicht sehr ausgeprägt ist. Deshalb ist es mein Anliegen, das Augenmerk auf die „restlichen“ 90 Prozent unserer Schüler zu lenken, und zwar nicht unter dem konventionellen Blickwinkel potenzieller Aufstiegskandidaten in die Spitze, sondern mit einer eigenen, neuen Qualität. Dabei ist nicht die Frage, ob diesbezüglich Veränderungen kommen werden, sie sind bereits in vollem Gange. Die Gründe für einen Wandel sind vielfältig und eine Generalisierung birgt immer die Gefahr einer Verkürzung in sich. Dennoch kristallisieren sich Schwerpunkte heraus, die wesentliche Kriterien beinhalten. Generell sind wir auf dem Weg, der oft als Übergang von der Bildungs- zur Erlebnisgesellschaft beschrieben wird. Obwohl man mit diesen Begriffen sehr vorsichtig sein muss, ist sicher, dass bei vielen Kindern und Jugendlichen Wissen als ein Teil klassischer Bildung nicht mehr so viel Erlebnisqualität besitzt wie sinnliche Erfahrungen und deshalb auch weniger erstrebenswert ist. (Das bekommen in erster Linie unsere Kolleginnen und Kollegen der allgemeinbildenden Schulen zu spüren, die viel stärker von dieser Auseinandersetzung betroffen sind als wir. Diese Entwicklung bedeutet eher eine Chance für die Musikschule, die traditionell mehr mit sinnlichen Erfahrungen zu tun hat.)

Diese Tendenz zum „aktiven Erleben“ tangiert dagegen alle Parameter unserer Musikpädagogik: die Ausbildung und das Selbstverständnis der Lehrerinnen, die Methodik des Unterrichts, die Auswahl der Literatur und auch unsere Angebote.

Neues Selbstverständnis

Zunächst einmal wird ein neues Selbstverständnis unserer Lehrerinnen und Lehrer gefordert. Sie sind nicht mehr nur Anleiter für das Erlernen instrumentaltechnischer und musikalischer Fähigkeiten, sondern in erster Linie Vermittler musikalischer Erlebnisse, dazu aber auch Freund, Elternersatz, Psychologe. Sie werden in Zukunft daran gemessen, ob sie alle diese Funktionen erfüllen. Das ist sicherlich nicht leicht und bedarf einer anderen Auffassung von Beruf und Studium. Auf der anderen Seite bedeutet das selbstverständlich auch eine ungeheure Aufwertung des Lehrers und sollte ein ganz neues Selbstwertgefühl nach sich ziehen, was nicht mehr nur aus der Anzahl von Oberstufenschülern oder “Jugend-Musiziert“-Preisen gespeist wird.

Wir haben heute im Extremfall Schüler, die zu einem Tag der offenen Tür kommen, sich dabei die ihnen sympathischste Lehrerin aussuchen und dann deren Instrument quasi mit übernehmen. Das heißt, das Instrument ist nur ein nachgeordnetes austauschbares Medium menschlicher und musikalischer Erlebnisse in den unterschiedlichsten Mischungen. Das zeugt von einer Offenheit und einem Vertrauen, was – gepaart mit einer unendlichen Treue dem Lehrer gegenüber – ungeheure Möglichkeiten von Entwicklung in sich birgt.

Erlebnis: Unterricht

Was müssen wir dafür tun, diese Erlebnisse zu stimulieren? Als erstes muss der Unterricht selbst zum Erlebnis werden. Das betrifft das grundsätzliche Verhältnis des Lehrers zum Schüler als Partner – konkret, dass der Lehrer mit dem Schüler musiziert, was für jeden Schüler ein Erlebnis darstellt und für die künstlerische Entwicklung ganz wichtig ist. Hierbei ist von Bedeutung, dass bei allen Melodieinstrumenten die Lehrer auch ein Begleitpartner am Klavier sein muss, was als ein Teil der unbedingt erforderlichen, breiter angelegten zukünftigen Ausbildung zu berücksichtigen ist. Hierbei ist ferner von Bedeutung, dass der Lehrer jeden Schüler da abholt, wo er steht. Unter diesen Prämissen wird der 1/2-Stunden-Unterricht mit der konventionellen sturen Abfolge von Abhören und Aufgeben zu einer Karikatur degradiert und das Nach-Hause-Schicken einer Schülerin mit der Aufforderung, erst einmal zu üben, geradezu ad absurdum geführt.

Wir machen die Erfahrung, dass Schüler auf Grund von positiven Erlebnissen im Unterricht und generellen Umgang mit Lehrern viel länger in der Musikschule bleiben, unabhängig von ihrem technischen Stand, gerne später wieder musizieren und sich dankbar an die wunderbare Zeit in der Musikschule erinnern. Frustrierte Abbrecher sind nur noch eine absolute Ausnahme.

Literaturauswahl

Ferner ist aber auch die Literaturauswahl wichtig. De facto ist die Trennung von E und U oder sonstiger Musik längst aufgehoben. Dennoch halten wir immer noch an Qualitätskriterien fest, die sich an der Idee des absoluten Kunstwerks entwickelt haben. Für die Schüler heute steht alle Musik aller Zeiten und aller Orte in den Medien zur Verfügung und zunächst einmal qualitätsneutral nebeneinander. Wir erleben eigentlich durchweg, dass die Schüler die Musik, die sie in der Musikschule spielen, und „ihre“ Musik problemlos nebeneinander hören und auch mögen. Es existiert vielfach eine totale Offenheit ohne historisch gewachsene Scheuklappen, und wenn es qualitative Äußerungen gibt, dann immer auf die Funktion bezogen. Das heißt, man beurteilt Musik nach dem Zweck, den sie erfüllen soll. Qualitätskriterium ist, ob sie gut oder schlecht als Musik zum Tanzen, Träumen, Fröhlichmachen, Verlieben, Meditieren, Entspannen, Agitieren oder einfach zum „Gefallen“ ist.

Schließen wir uns dieser Sicht an, bekommt jede für die Schüler wichtige Literatur eine Chance, und niemand zwingt uns, das nicht zu tun. Nur unter einem speziellen Blickwinkel sind die Goldberg-Variationen qualitativ höher einzustufen als die Musik zu einem afrikanischen Initiationsritus.

Jede Art von Musik kennen lernen und „Crossover“ sind die Hauptziele in einer Zeit, in der eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Beurteilungskriterien verloren gegangen sind.

Längst hat sich gezeigt, dass die zeitgenössischen E-Musik-Komponisten trotz vieler guter und fortschrittlicher Ideen allein nicht in der Lage sind, sich selbst aus der gesellschaftlichen Isolation zu befreien und eine Vorreiterposition zu beziehen. Zu lange war die Unverständlichkeit ein Markenzeichen ihrer selbstdefinierten Qualität, als dass sie jetzt einfach davon lassen könnten. Sie können und wollen sich nicht einer Sprache bedienen, die den meisten Kindern und Jugendlichen so attraktiv erscheint, dass sie sich damit auseinander setzen wollen.

Für eine zukunftsweisende Richtung müssen ganz andere Ansätze her. Erst eine völlige Offenheit und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, tragen die prinzipielle Möglichkeit in sich, eine neue gemeinsame Sprache und danach auch neue verbindliche Qualitätskriterien zu finden.

Training und Übung

Das Thema „Üben“ ist bestimmt eines der am häufigsten diskutierten Probleme im Unterricht. Auf der einen Seite steht die Notwendigkeit eines unabdingbaren Trainings, das mit der Ausübung von Musik verbunden ist, und auf der anderen Seite die mangelnde Zeit und der Wunsch der Schüler, musikalische Erlebnisse so unmittelbar und mit so wenig lästigem Aufwand wie möglich zu haben.

Es gibt heute bei der Konzentration von Klausuren auf bestimmte Zeiten und dem Aufwand, der mit dem Kurzzeitgedächtnis getrieben wird, objektiv kaum regelmäßig Zeit zum Üben. Ferner stehen insgesamt weniger Zeit-Ressourcen zur Verfügung, weil viele Schülerinnen mehrere Hobbies, die eine bestimmte Zeit am Nachmittag in Anspruch nehmen, gleichzeitig durchziehen. Wenn aber viele Angebote mit einer hohen Erlebnisqualität vorhanden sind, gestaltet sich das Üben als Vorbereitung zu einem Erlebnis natürlich sehr schwierig. Es ist einer Schülerin heute kaum ein Lustverzicht in Form von Üben als Voraussetzung für einen späteren Lustgewinn auf höherer Ebene verständlich zu machen.

Freundschaftliche Erlebnisse

Einfacher ist es, das Üben selbst zu einem Erlebnis zu machen. Daran arbeitet, was die Musik betrifft, mittlerweile ein ganzer Industriezweig von Noten- und Medien-Verlagen. Das beginnt mit der Gestaltung der Noten für die Kleinen, geht über die Musikalisierung des Übematerials bis hin zur Herstellung unterschiedlichster Tonträger zur Einbettung des einzelnen Instruments in größere harmonische und klangliche Zusammenhänge. Was hier in den letzten Jahren – häufig aus der Not geboren – in Zusammenarbeit mit unseren Kollegien entstanden ist, zeugt von einer großen kreativen Energie und ist eine wunderbare Hilfe für den Unterricht.

Eine weitere Chance, üben zu stimulieren, besteht in der Provozierung freundschaftlicher Erlebnisse durch die Bildung von Gruppen, vom Duo bis zu Orchestern und Chören.

Die Fächer der Musikschule

Was die Angebote der Musikschule betrifft, müssen auf jeden Fall die Fächer mit einer unmittelbaren und umfassenden sinnlichen Erfahrung verstärkt werden: Singen, Tanzen, Theaterspielen.

Das Singen hat an Bedeutung in der letzten Zeit unglaublich zugenommen. Da mag hineinspielen, dass ein Chor billiger ist als der Instrumentalunterricht und somit für viele Eltern in sozial schwachen Familien die einzige Möglichkeit, ihren Kindern musikalische Erlebnisse zu ermöglichen. Da aber auf der anderen Seite noch nie so viele Eltern bereit waren, den Kindern Einzelunterricht im Fach Gesang zu finanzieren, müssen wesentlich andere Faktoren hineinspielen.

Der Hauptgrund ist sicherlich das Streben der Kinder und Jugendlichen nach einer Unmittelbarkeit im Ausdruck ohne das dazwischen geschaltete Medium Instrument. Ausdruck und zugleich Motor zur Nachahmung sind fast alle Musiksendungen im Fernsehen, bei denen die Sänger absolut im Vordergrund stehen und Musiker oft gar nicht mehr zu sehen sind, weil die Musik entweder Playback läuft oder nur noch mit Maschinen produziert worden ist.

Darüber hinaus spüren wir sehr stark den Wunsch fast aller Kinder nach dem Theaterspielen, was ein Ausdruck des Wunsches nach einer Ganzheitlichkeit darstellt, bei der alle Ausdrucksmöglichkeiten und Sinne miteinbezogen werden: singen, tanzen, sich bewegen, sprechen, schauspielern, in Rollen schlüpfen, sich schminken, sich verkleiden und so weiter.

Fächerübergreifendes Theater

Beim Musiktheater treten nach unseren Erfahrungen fast alle Probleme, die wir erörtert haben, vollkommen in den Hintergrund. Theaterspielen und Singen bedeuten ein umfassendes und unmittelbares musikalisches und menschliches Erlebnis, für das die Kinder bereit sind, sehr viel Zeit aufzubringen. Die Frage nach Leistung und Qualität stellt sich dabei kaum. Mehrere Unterrichtsstunden in der Woche, viele Wochenenden mit ganztägigen Proben und schließlich die Aufführungen selbst gehören einfach dazu. Die Kinder freuen sich darauf.

Vieles von dem, was ich erwähnt habe, ist eigentlich nicht neu und bereits auf dem Wege. Wir benötigen nur eine andere Sicht.

Nachdem wir uns jahrelang gezwungenermaßen in Rückzugsgefechten üben mussten, was die Finanzen betrifft, habe ich das Gefühl, dass wir uns jetzt wieder in Rückzugsgefechten befinden – dieses Mal interner Art. Hier ist ein Neuanfang gefordert.

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