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Fachbereichsleiter Herbert Fiedler. Foto: Akademie der Kulturellen Bildung
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Aufstehen, loslegen, Gehör finden

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An der Akademie der Kulturellen Bildung: Solmisierend zu einem intensiven Musikverständnis
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Seit Jahren ist sie in aller Munde, wird gleichermaßen aber zu wenig angewendet: Die Relative Solmisation als ganzheitlicher und direkter Weg für das Singen und Musikzieren ohne Noten. Sie entwickelt die innere Tonvorstellung und trainiert Gehör und Stimme. In der Schule, im Kindergarten, Chor und in der Instrumentalpädagogik lässt sie sich hervorragend nutzen. Vorausgesetzt, man hat sie verinnerlicht - und das braucht Zeit. Diese Zeit nimmt sich die Akademie der Kulturellen Bildung und macht mit dem Lehrgang „Unterricht mit Relativer Solmisation“ fit für einen unkomplizierten Zugang zur Musik. Fachbereichsleiter Herbert Fiedler über die Stärken der Relativen Solmisation.

neue musikzeitung: Welches Potential bietet die Relative Solmisation?

Herbert Fiedler: Ich erlebe es immer wieder in meinen Kursen: Sobald ich mit den Leuten eine Stunde solmisiert habe, merken sie, dass sie anders hören und Musik viel tiefer und intensiver wahrnehmen. Wenn ich dann nur noch die Solmisationszeichen mit der Hand zeige, erleben sie, wie sie die Melodie in sich hören und sie sofort singen können.

nmz: Ist die Relative Solmisation besser für den allgemeinen Musik- oder den Instrumentalunterricht geeignet?

Fiedler: Bei der Solmisation steht das innere Hören im Vordergrund. Sie kann tatsächlich in all diesen Feldern zuhause sein. Ich sehe sie im Chor, das heißt im gemeinsamen Singen ebenso wie im Instrumentalunterricht. Sie bietet auch tolle Möglichkeiten in der elementaren Musikpädagogik. Sei es in der klassischen Früherziehung seitens der Musikschulen oder in der Kitaarbeit. Gerade im schulischen Bereich hilft sie, Musik durch das Erleben zu verstehen - und nicht durch einen Zugang über Theorie.

nmz: Baut Relative Solmisation musikalische Erfahrung auf?

Fiedler: Ja, absolut. Durch Lehrsysteme auf Basis der Relativen Solmisation erlebt man sofort, dass zwei Töne Musik sein können, und man erkennt, wie sie miteinander in Verbindung stehen. Dass diese Verbindung sogar eine kleine musikalische Dramaturgie entwickelt. Wenn ich die Töne solmisiere, kann ich von Anfang an die Intervallspannungen und Melodieverläufe erleben.
nmz: Warum wird die Relative Solmisation in der pädagogischen Arbeit vernachlässigt?
Fiedler: Es gab immer wieder Wellen, in denen sie im Unterricht aufblitzte und im Fokus stand. Man begegnet mit ihr im ersten Moment sehr schnell der Musik, aber es braucht Zeit in der eigenen Auseinandersetzung mit der Relativen Solmisation. Man muss sich die Selbstsicherheit erobern, damit man sie weitergeben kann. Es gibt viele Tagesseminare, die die Begeisterung wecken, aber in die Hilflosigkeit der Umsetzung entlassen. An dieser Stelle setzt unser mehrphasiger Lehrgang „Unterricht mit Relativer Solmisation“ an der Akademie der Kulturellen Bildung an.

nmz: Welche Ziele verfolgt der Lehrgang?

Fiedler: Mit Constanze Heller, Heike Trimpert und Malte Heygster stehen mir drei weitere Expert*innen zur Seite. Die Teilnehmer*innen setzen sich über vier Zeitfenster intensiv mit der Relativen Solmisation auseinander. Wir führen sie an das innere Hören heran und helfen ihnen, die Relative Solmisation in pädagogischen Kontexten zu reflektieren. Je nachdem, mit welcher Zielgruppe sie arbeiten. Die Spannbreite geht vom Einsatz in der Kita und Schule oder Chorarbeit bis zur Frage: wie muss ich mich ihr in der Arbeit mit Jugendlichen nähern oder in welcher Verpackung kommt sie am besten im Popbereich an?

nmz: Wo sehen Sie die größten Hürden bei der Vermittlung im Instrumentalunterricht?

Fiedler: Viele Instrumentallehr*innen haben ein Problem mit der Übertragung der Relativen Solmisation auf das Instrument. Das ist ein großes Fragezeichen. Man nutzt sie gerne als Einstieg, aber dann kommt die Frage der Notation. Die ist für viele ein Geheimnis und das werden wir in diesem Lehrgang lüften. So lernen unsere Teilnehmer*innen, wohin die Reise gehen kann.

nmz: Vor knapp zwei Jahren wurde an der Akademie das Netzwerk Relative Solmisation gegründet. Was hat es sich vorgenommen?

Fiedler: Das Netzwerk ist ein wichtiger Anlaufpunkt, um Kolleg*innen, die in diesem Feld arbeiten, in Kontakt zu bringen. Im deutschsprachigen Raum weiß man vor Ort oft nicht, wer alles solmisiert. Das Netzwerk bietet die Chance, sich über Fragen und Themen auszutauschen. Zum anderen geht es uns darum, wie wir die Relative Solmisation nicht nur sichtbarer, sondern erlebbarer machen können. Wie bringen wir sie in Kitas, Schulen, in den Instrumentalunterricht oder die Chorarbeit, die Rhythmik oder Elementare Musikpädagogik? Wir müssen überlegen, wie wir Multiplikator*innen innerhalb unterschiedlicher Kontexte in der Musikpädagogik verstärkt mit der Solmisation in Kontakt bringen können. Zum Beispiel indem man sie in den Schulstoff einbindet oder in pädagogische Musikprojekte.

nmz: Ist das einer der Gründe, weshalb die Relative Solmisation an der Akademie der Kulturellen Bildung auch in der Qualifizierung Elementare Musikpädagogik einen großen Stellenwert hat?

Fiedler: Ja, absolut, denn sie ist sehr wertvoll in der Elementaren Musikpädagogik! In unserer EMP-Qualifizierung geht es darum, Musikpraxis und Theorie in einen Zusammenhang zu bringen und methodisch-didaktisch so aufzubereiten, dass ich mit Zielgruppen von Kindern, über Jugendlichen bis in die Senioren- oder Behindertenarbeit nutzen kann. Die EMP ist aber ein riesiges Feld, da kann die Relative Solmisation nur ein Teilbereich sein. Deshalb haben wir mit dem Lehrgang „Unterricht mit Relativer Solmisation“ ein Format entwickelt, mit dem wir die Teilnehmer*innen viel intensiver in der Solmisation qualifizieren können.

www.kulturellebildung.de

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