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Baustelle Popmusik

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Projektvision für ein neues Förderprogramm im Bereich populärer Musik an der LMA Berlin
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Dynamische Zeiten in der Landesmusik­akademie Berlin: energetische Sanierungsarbeiten, Fassadenwechsel, Heizungsrenovierungen ... und damit nicht genug, noch dieses Jahr wird ein neuer Konzertsaal entstehen. Neuer Raum für neue Formate und höchste Zeit, ein Angebot für populäre Musik in der Berliner Förderlandschaft zu platzieren.

Auch dort bewegt sich momentan einiges: Popmusik scheint mittlerweile im Fördersystem von Bund, Ländern und Kommunen angekommen zu sein. Seit 2007 unterstützt die Initiative Musik, Künstler und Projekte der Sparten Rock, Pop und Jazz auf Bundesebene mit bisher insgesamt 8,5 Millionen Euro. In Berlin gibt es zudem Fördermöglichkeiten über die Senatsverwaltung mit einem jährlichen Budget für „U-Musik“ von rund 300.000 Euro. Aktuell wird auf Initiative des Chefs der Senatskanzlei am Konzept für das Berliner Musicboard gearbeitet. Ein Vorhaben, das in Zusammenarbeit mit der Berliner Musikindustrie die lokale Popmusikszene 2013 mit einer Million Euro unterstützen und dabei die Berliner Musikinfrastruktur und das Standortmarketing verbessern will.

Außerdem gibt es für Berliner Nachwuchskünstler neben Studienangeboten an staatlichen und privaten Hochschulen, Seminar- und Workshopangebote in Proberaumkomplexen, wie dem ORWOhaus und der Noisy Musicworld. Das Kreativ Coaching Center hilft bei organisatorischen Fragen der Selbständigkeit von Künstlern und deren Exis­tenzgründung. Neue Medienformate wie TV Noir und Fritz Unsigned nehmen speziell auch Nachwuchskünstler in den Blick und bieten ihnen mediale Präsenz. Die Berlin Music Commis­sion und Berlin Music Week vernetzen die professionelle Szene und betreiben Clusterförderung.

So weit, so gut. Wozu also weitere Nachwuchsprojekte, wenn es in Berlin von Förderangeboten nur so wimmelt? Auf den zweiten Blick wird schnell deutlich: Eine Vielzahl der Angebote ist zwar für Musikverwerter interessant, für aktive Künstler aber oft wenig attraktiv und gewinnbringend. Dort wird das meiste Wissen informell über persönliche Kontakte weitergegeben und die organisierten Weiterbildungsangebote beschränken sich auf eine überschaubare Zahl an Workshops und Camps. Es fehlt vor allem an der infrastrukturellen Unterstützung und den kreativen Angeboten für Künstler. Es fehlen die Anreize für professionelle Musiker, ihr Wissen mit dem Nachwuchs zu teilen. Es fehlt eine sinnvolle Verknüpfung von Breiten- und Spitzenförderung im Sinne eines durchgängigen Angebots für alle Levels. Es fehlen Treffpunkte, um sich auszutauschen und die richtigen Leute kennenzulernen.

Das Pilotprojekt an der Landesmusikakademie – Arbeitstitel Berlin Music Campus – begreift diese Defizite als Chance, und nimmt sie als Grundlage für das Projektdesign des neuen Bildungsformats. Im Sommer 2013 ist zunächst eine zehntägige Workshopreihe für 40 ausgewählte Berliner Nachwuchskünstler geplant, die sich im Bereich populärer Musik professionalisieren und sich die dazu nötige Infrastruktur aufbauen möchten. Zielgruppe des Projekts sind Musiker und Musikproduzenten, die in einem interaktiven Prozess die Workshopinhalte mitbestimmen können und so auch selbst eingeladen sind, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weiterzugeben. Das Projekt ist zudem als Kontakt- und Matchmaking-Plattform gedacht, auf der sich Nachwuchskünstler mit Profis treffen und gemeinsame Projekte entstehen können. Die Kontakte zu Coaches, Produzenten, Bookern und Vermarktern können von den Künstlern dann in eine regelmäßige Arbeit nach Projektabschluss überführt werden.

Als Veranstaltungsorte konnten zusätzlich zu den Räumlichkeiten der Landesmusikakademie Berliner Studios und Clubs als Partner gewonnen werden, um die Förderung gezielt an authentischen Orten zu verankern. Dabei sollen die Musiker innovative Techniken kennenlernen, die sie im Proben- und Produktionskontext für sich ausprobieren können. Das inhaltliche Spektrum konzentriert sich auf die kreative Erstellung musikalischen und klanglichen Materials und die Techniken zu dessen Produktion. Das Programm reagiert damit auf die durch Technologie verursachte Differenzierung in den Kompetenzprofilen der Künstler und zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der Bedienbarkeit neuer Instrumente und Produktionstools. Konkret ist beispielsweise ein 3D-Audio Workshop geplant, der die Relevanz multidirektionaler Produktionstechniken zeigt und den Künstlern Möglichkeiten der objektbasierten Wiedergabeverfahren nahebringt. Zudem soll den Entwicklungen im Bereich virtueller Instrumente Rechnung getragen werden und die kreativen Möglichkeiten von innovativen Interfaces gezeigt werden. Außerdem gibt es während der gesamten Zeit die Möglichkeit, in Proberäumen und Studios kreativ zusammenzuarbeiten. Methodisch sollen die Inhalte neben der Vermittlung vor Ort mittelfristig in eine E-Learning-Umgebung integriert werden, die das mobile Lernen außerhalb der Projektzeiten ermöglicht. Das Projekt gibt Raum für verschiedene populäre Stilistiken und ist nicht auf bestimmte Kategorien festgelegt.

Popmusik ist ein dynamischer Prozess, eine Baustelle. Wenn man ihn nicht als solchen begreift, wird man sich ewig mit Genrezuordnungen, Verständnisversuchen und Kategorisierungen aufhalten. Es müssen Förderkonzepte her, die es auf den Punkt bringen. Pop fördern als Format, als Stil, als Tradition, als Markt, als Attitüde, als Identifikationsmittel, als Musik. Ja, postmoderne Musiklandschaften fordern eben postmoderne Vermittlungstechniken. Die Förderprogramme der Zukunft sind mehrdimensional. Programme, die sich nicht in den Schatten aktueller Musiktendenzen stellen, sondern diese aufnehmen in einen Prozess, der die vielfältige Musiklandschaft zeigt und zum Anlass nimmt, damit spielerisch Neues zu entwickeln – im Dialog mit der Szene, mittels interaktiver Programmgestaltung, mit inspirierenden und kommunikativen Angeboten. Dabei sollte man Wissen immer auch als Infrastruktur begreifen und zum richtigen Moment an den richtigen Orten fördern. Es heißt also: Augen und Ohren offen halten und in Bewegung bleiben!

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