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„Wenn du nun irgendeinen Ton ...“

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Die Relative Solmisation als Instrument in der Musikerziehung
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An kaum einer Lehrmethode scheiden sich die musikpädagogischen Geister so heftig wie an der Relativen Solmisation. Durch Zoltán Kodály wurde sie im 20. Jahrhundert wieder populär gemacht und wird deshalb mitunter auch als „Kodály-Methode“ bezeichnet. Das Prinzip der Relativen Solmisation ist jedoch schon so alt wie das menschliche Bedürfnis, Musik und ihre inneren Abläufe intellektuell nachvollziehbar und so letztlich auch reproduzierbar zu machen.
Was im Mittelalter, als sich die Notenschrift gerade erst zu entwickeln begann, ein Instrument war, um sich unbekannte Melodien leichter zu erschließen und zu merken, könnte auch in der heutigen Zeit Kindern wie Erwachsenen, die gerade erst beginnen, sich mit Musik zu beschäftigen, eine gute Hilfe sein – mag sich Kodály gedacht haben, als er es sich zum Ziel machte, auch weniger privilegierte Menschen in Ungarn musikalisch zu bilden.

Für seine pädagogische Arbeit griff er eine bereits im Mittelalter von Guido von Arezzo entwickelte Methode wieder auf. Der Benedektinermönch, Musiktheoretiker und Lehrer an der Kathedralschule von Arezzo in der Toskana hatte nach einer Möglichkeit gesucht, seine Chorschüler in der Tonfindung unabhängig von einem Vorsänger oder Instrument zu machen. Er bediente sich dazu des Johannes-Hymnus, dessen Verse jeweils einen Ton höher als der vorherige beginnen. Die entsprechenden Wortanfänge (ut, re mi, fa so, la, ergänzt durch si) nutzte er als Tonsilben, die den Stufen einer Dur-Tonleiter entsprechen, unabhängig vom absoluten Anfangston. Dadurch prägt sich beim Singen jeglicher Melodien mit diesen Silben jeder Ton in seiner besonderen Funktion (Grundton, Leitton, Dominante et cetera) ein, die ja in allen Tonarten gleich, also „relativ“ ist. Den Erfolg seiner Methode beschrieb er unter anderem in einem Brief an einen befreundeten Mönch: „Diejenigen, welche in dieser Kunst vollkommene Übung besitzen, können eine jede beliebige Melodie nach diesen vier Tonarten verändern (...). Und insoweit die Töne selbst eine verschiedene Stellung der Ganz- und Halbtöne mit sich bringen, insoweit wird man dieselbe (Melodie) in den verschiedenen Tonarten nach der Eigentümlichkeit einer jeden angeben. Eine solche Übung vorzunehmen, ist aber einesteils sehr nützlich, andernteils auch sehr leicht...“

Kodály bediente sich ganz ähnlicher Silben: do, re mi, fa, so(l), la, ti (si), do und erzielte ebensolche Erfolge. In der Praxis werden den Tonsilben Handzeichen zugeordnet, welche die Verknüpfung von Ton und Tonfunktion zusätzlich memorieren helfen.

Obwohl sich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts viele weitere, ähnliche pädagogische Ansätze finden – etwa das „Tonic-Sol-Fa-System“ von John Curwen oder die von Fritz Jöde und Agnes Hundoegger entwickelte „Tonika-Do-Lehre“ – löst die Erwähnung der Relativen Solmisation bei vielen Musikpädagogen in Deutschland offenbar diffuse Vorstellungen sozialistischer Erziehungsmethoden aus, wenngleich man sich denn doch an konkretere Vorurteile hält: das Lernen der Tonsilben verhindere etwa, sich die „richtigen“ Notennamen zu merken, das Vermitteln von Musik durch die den Silben zugeordneten Handzeichen sei lediglich eine „Vorform“ der Notenschrift und so auch nur für des Lesens unkundige Vorschulkinder interessant.

In einer Zeit jedoch, in der immer mehr Musikpädagogen in ihrer Aufgabe, Kindern den Gebrauch ihrer Stimme oder eines Instrumentes zu vermitteln, an Grenzen stoßen, weil frühkindliche Musikalisierung nicht oder nur durch Fernsehen oder Computerspiele stattgefunden hat, bietet die Relative Solmisation nicht zu überschätzende Vorteile: mittels der schon erwähnten Handzeichen kann eine improvisierte Melodie spontan von einer Gruppe umgesetzt und die Tonabstände können unmittelbar erlebt werden. In Tonsilben hörende Menschen sind durch die Relativität der Silben in der Lage, auch auf dem Instrument problemlos zu transponieren. Überdies wird das Gehör durch die synchrone Benennung der Töne natürlich wesentlich konkreter geschult, als durch das Singen eines beliebigen Textes.

Auf diese Weise machen die Silben Musik zu einer wirklichen Sprache, die ihren ganz speziellen „Wortschatz“ und ihre eigene „Grammatik“ hat. Wie beim Erlernen der Muttersprache geht man zunächst einige Zeit „mündlich“ mit dieser Sprache um, bevor man Lesen und Schreiben lernt. Und weil zum Solmisieren nichts weiter benötigt wird als die Stimme, bietet sich diese Lehrmethode nicht nur in der Instrumentalpädagogik als Vorbereitung oder Ergänzung an, sondern taugt auch und gerade im schulischen Musikunterricht als äußerst preisgünstige, kommunikative Form der praxisbezogenen Musikalisierung auf breiter Basis.

Ein Einführungskurs „Relative Solmisation“ für Musiklehrerinnen und Musiklehrer aller Schulstufen, Unterrichtende aus dem Instrumentalbereich sowie Chorleiterinnen und Chorleiter unter Leitung von Heike Trimpert findet vom 7. bis 9. Dezember 2007 am Nordkolleg Rendsburg statt.

Anmeldung und Informationen sowie Auskünfte zu weiteren Fortbildungsangeboten:

Nordkolleg Rendsburg
Fachbereich Musik
Am Gerhardshain 44
24768 Rendsburg
Tel.: 04331/143833
Mail: musik [at] nordkolleg.de (musik[at]nordkolleg[dot]de)
Internet: www.nordkolleg.de

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