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Digitalisierung künstlerisch nutzen

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Der REMIX.ruhr-Contest geht in seine vierte Runde
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Was ist eigentlich ein Remix? Entstanden ist die Idee vor dem Hintergrund, dass bestimmte Songs in den Diskotheken und Clubs nicht so funktionieren, wie sie im Radio gespielt werden. Es ging darum, tanzbare Versionen aus den Originalen herzustellen. Technisch funktioniert es so, dass die Tonspuren der einzelnen Instrumentengruppen separiert werden. Daraus kann dann etwas Neues entstehen. Seit vielen Jahren gibt es eine echte Remix-Kultur, der Remix ist eine eigene künstlerische Ausdrucksform geworden. Das Original sollte aber in jedem Remix erkennbar bleiben: Es handelt sich im weitesten Sinne um eine Bearbeitung, nicht um eine komplette Neuschöpfung.

Das gilt auch für den Wettbewerb REMIX.ruhr, den die Ruhrmusikschulen zusammen mit den Tresohr Studios in Oberhausen seit 2019 veranstalten. Einen Vorläufer, den start-ab-Wettbewerb, gab es allerdings schon in den Jahren 2000 bis 2010. Nach einer längeren Pause sind die Ruhrmusikschulen, der Bundesverband (VdM) und die Musikschule Dortmund eingestiegen, riefen den Wettbewerb wieder ins Leben, um ihn noch weiter zu verbreiten und die Musikschulen in ganz Deutschland anzuregen, die Idee unter ihrer Klientel zu verbreiten und zu unterstützen. Im Gespräch mit Stefan Prophet, Direktor der Musikschule Dortmund und Sprecher der Ruhrmusikschulen, Manfred Grunenberg, seinerzeit Mit-Erfinder des start-ab-Wettbewerbs, der den Staffelstab soeben an Prophet weitergegeben hat, mit Carsten Wrede, Geschäftsführer der Tresohr Studios und seit dem ers­ten Tag zuständig für die inhaltliche Gestaltung des Wettbewerbs, sowie Elias Krassakopoulos, Mitarbeiter der Studios, Webdesigner und verantwortlich für die technische Durchführung, wird deutlich, worum es bei REMIX.ruhr geht.

Die Idee, das Internet für ein musikalisches Projekt zu nutzen, war 2000 noch recht neu. Zunächst war es ein interner Wettbewerb der Musikschulen von Oberhausen, Essen und Bochum. Heute ist das Projekt der Ruhrmusikschulen ein Angebot für jeden und jede, der oder die Lust hat mitzumachen. Es sei das wesentliche Motiv, einen Leuchtturm der Digitalisierung zu haben, erklärt Grunenberg. „Wir haben in den letzten Jahren über Digitalisierung immer nur im Bereich Geräte und Strukturen gesprochen. Dieser Wettbewerb versetzt Musikschulen zum ersten Mal in die Lage, einen genuin pädagogisch-musikalischen Inhalt im Digitalisierungsprozess zu generieren: eine sehr anspruchsvolle musikalische Aufgabe, die komplett digital abgewickelt wird.“

Wie läuft der Wettbewerb ab? Zunächst wird ein geeigneter Popsong ausgewählt, der von einem/einer etab-lierten Popkünstler/-in stammen soll. Herbert Grönemeyer zum Beispiel oder auch 2raumwohnung haben in den früheren Jahren einen Song zur Verfügung gestellt. 2021 war es Leslie Clio mit dem Song „Abcdef*ck Off“. 2022 kommt der Song von DJ Topic. Die Teilnehmer/-innen sollen innerhalb von 48 Stunden daraus einen Remix erstellen, können sich dafür die Tonspuren herunterladen und dann innerhalb des vorgegebenen Zeitraums grenzenlos kreativ werden. Viel Technik brauchen sie nicht dafür: einen Computer (theoretisch reicht auch ein Tablet oder ein Smartphone) und eine Software für die Bearbeitung. Hier gibt es eine große Bandbreite, von Freeware bis zu hochprofessionellen Programmen.

Das Wertungsverfahren findet in zwei Stufen statt. Die Finaljury setzt sich aus Persönlichkeiten verschiedener Musikbusiness-Bereiche zusammen: Medien, Management, Ausbildung – auch der/die jeweilige Künstler/Künstlerin ist Mitglied der Jury. Den Preisgekrönten winken attraktive Sachpreise, und natürlich ist auch eine anschließende Vermarktung des Remixes denkbar.

Es gibt unterschiedliche Kriterien für einen guten Remix: Wrede nennt den künstlerischen, den technischen und den kommerziellen Aspekt. Technisch geht es zum Beispiel um die Klangqualität, um die Frage, wie ausgewogen das Endprodukt abgemischt wurde oder wie es auf allen möglichen Abspielgeräten klingt. Für die Musikschulen, so Grunenberg, steht natürlich der künstlerische Aspekt im Vordergrund, auch wenn es hier – ähnlich wie in klassischen Musikwettbewerben – niemals ganz objektive Kriterien geben kann.

Viele Musikschulen bieten den Bereich „music production“ heute schon an, erklärt Stefan Prophet. An der Musikschule Dortmund ist dieser beim „House of Pop“ angesiedelt. Da gibt es Remix-Workshops, die direkt auf den Wettbewerb vorbereiten; man kann das Fach Musikproduktion aber auch kontinuierlich belegen. Eine Idee für den Wettbewerb 2022 ist es, die Musikschule während der 48 Stunden komplett offen zu halten, damit Interessierte hier zunächst gemeinsam den Song anhören und sich dann auf einzelne Räume verteilen. So können sich auch Gruppen zusammenschließen, um gemeinsam einen Remix zu erstellen. Viele, so berichtet Prophet, spielen dann selbst Eigenes dazu ein. Auch wurde schon mal in der Vergangenheit eine neue Gesangsversion des Originalsongs aufgenommen. „Das ist nicht unbedingt das Merkmal eines Remixes“, sagt Carsten Wrede, „aber sie lassen ihrer Kreativität eben freien Lauf“.

Nach wie vor ist die Zahl der Teilnehmenden aus dem unmittelbaren Musikschulbereich überschaubar. Das soll sich in den kommenden Jahren ändern. Über das Netzwerk der Musikschulen und des Bundesverbandes soll das attraktive Angebot an möglichst allen Musikschulen bekannt gemacht und unterstützt werden, zum Beispiel in vorbereitenden Workshops während der Herbstferien. Der Wettbewerb selbst findet dann im November statt. „Eigentlich ist das eine groß angelegte Imagekampagne für die Musikschulen“, meint Wrede. In Nordrhein-Westfalen könnten die soeben etablierten 80 Digitalagenten an den Musikschulen mit für die Verbreitung sorgen. In verschiedenen Etappen soll in den nächsten Wochen und Monaten über den Wettbewerb informiert, Tutorials verbreitet, Leitfäden zur Verfügung gestellt werden. Geplant ist eine Pressekampagne, auch die Homepage wird bald online gehen.

„Idealerweise entwickelt es sich dann so, dass wir uns nicht nur auf den Herbst und den Wettbewerb kaprizieren, sondern Remix und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Bereich der Digitalisierung auch im gesamten Jahr in den Musikschulen verankern“, erklärt Prophet. „Ich sehe den Wettbewerb nicht als Schlusspunkt; es gehört auch dazu, Teilnehmer, die eine Anbindung an die Musikschule haben, einzuladen, sich noch einmal mit den preisgekrönten Tracks auseinanderzusetzen, das Ganze zu reflektieren und dann ein kontinuierliches Unterrichtsangebot daraus zu machen: nicht isoliert im Herbst, sondern als festen Bestandteil des Musikschulalltags.“

 

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