Winfried Richter, von 2005 bis 2013 Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen, wurde im Februar als Leiter der Musikschule Pinneberg feierlich verabschiedet. Sein Nachfolger im Amt des VdM-Vorsitzenden, Ulrich Rademacher, ließ es sich nicht nehmen, die Laudatio auf den engagierten Musikschul-Mann zu halten, ihm im Namen des VdM und im Namen des Deutschen Musikrates, aber auch ganz persönlich Dank zu sagen. Seine Ansprache drucken wir hier leicht gekürzt ab.
Lieber Winfried, Du hast alle Ebenen der Musikschulen virtuos gesteuert: die regionale Ebene mit Deiner Schule, die Landesebene, die Dich aufgrund Deiner besonderen Führungsqualitäten und Erfolge für Schleswig-Holstein für den Bundesvorstand qualifizierte. Und schließlich die Bundesebene, die Du von 2005 bis 2013 als Bundesvorsitzender geführt
hast. Einer der Meilensteine für den VdM war die Aktualisierung des Strukturplanes des VdM im Jahr 2009. Das bedeutete Selbstvergewisserung und Erneuerung unserer Identität, unserer Struktur, unserer pädagogischen Grundeinstellungen und unseres Netzwerkes: Vorbild und Voraussetzung für weitere wichtige Schritte des VdM, auch solche, auf die ich als Dein Nachfolger dann aufbauen konnte.
Ein weiterer Meilenstein war 2010 der Bildungsplan Musik für die Elementar- und Grundstufe: neben inhaltlicher Orientierung auch die deutliche Formulierung unseres Anspruches als Musikschulen, nicht im „nice to have“-Bereich angesiedelt zu werden, sondern trotz „freiwilliger“ Aufgabe als Bildungsinstitution in öffentlichem Auftrag.
2011 gab es dann das KGSt-Gutachten: ein Anspruch auf Gegenseitigkeit. Die Anmeldung der Ansprüche unserer Träger an uns und gleichzeitig deren Bekenntnis zur öffentlichen Bildungsaufgabe Musikschule. Zum Jubiläum 2012 gab es einen denkwürdigen parlamentarischen Abend, so wie er sein soll: mit allen Stakeholdern an Bord, kurzweilig, mit einem virtuosen und tiefsinnigen Vortrag von Bundestagspräsident Lammert und vielen Verbündeten. Besser hätten wir unseren 60. VdM-Geburtstag nicht begehen können.
Und schließlich 2013: Du hast „Kultur macht stark“ mit dem VdM-Untermotto „Musik.Leben” auf den Weg gebracht und damit die Musikschulen deutlich und glaubwürdig positioniert: Musikalische Bildung als Grundnahrungsmittel für Alle!
Wie Du immer wieder selbst betont hast, liegt Dir dieses Thema „Musikalische Bildung für Alle“ besonders am Herzen. Gerade in einem Land wie Schleswig-Holstein, das nicht dicht besiedelt ist, aber im Verhältnis zu anderen Bundesländern eine beeindruckend hohe Schülerzahl an den Musikschulen zählt, stand für Dich die Breitenarbeit im Zentrum. Ebenso die Ensemblearbeit. Dies fand seinen konsequenten Ausdruck im „neuen“ Strukturplan. Eines Deiner Babys war auch das Führungsforum des VdM, mit dem die neuen Inhalte Wurzeln in der konkreten Führungsarbeit an den Mitgliedsschulen schlagen sollten. Es darf Dir eine Genugtuung sein, dass dieses Führungsforum – jetzt in der Obhut des stellvertretenden Bundesvorsitzenden Friedrich-Koh Dolge – wächst und gedeiht, und dass es Früchte trägt!
Du sagst: „Musikalische Bildung von Anfang an“ ist nur mittels pädagogischer Qualität im Vorschulbereich zu leisten – und eben nicht durch Bespaßung mit Tonträgern oder ähnlichem. Wir Musikschulen dürfen unseren Auftrag nicht auf die Bildungsbürger-Familien beschränken, in denen unser klassisches Erbe gepflegt wird. Ich füge dem gern hinzu: Wenn wir das glauben, was uns die Wissenschaft regelmäßig über die Bedeutung von Musik für jede individuelle Menschwerdung vermittelt, dürfen wir die Begegnung mit dem Grundnahrungsmittel Musik niemandem vorenthalten. Übrigens auch nicht der Generation der alten Menschen. Hier lag auch ein Grund für den Nachsatz „ein Leben lang“ im Bildungsplan.
Der Anteil Erwachsener an der Pinneberger Musikschule ist hoch. Hier wird nach Deiner Überzeugung die Zukunft der Musik in die Familien getragen: Denn was die Eltern nicht kennen, wird den Kindern nur mangelhaft in „die Wiege gelegt“. Wenn Kinder und Jugendliche die klassischen Werke nur als „Fremdsprache“ lernen können, hilft oft auch kein Üben. Der Erkenntnisgewinn durch Musik muss dann schwer erarbeitet werden. Das kostet weit mehr Einsatz der Pädagogen, als die Fähigkeiten zum Instrumentalspiel zu vermitteln.
Ich erinnere mich noch lebhaft an so manche Debatte zum Thema „Jugend Musiziert“ versus Breitenarbeit. Ich bin überzeugt: So weit war der „Breitenarbeits-Fundi“ Richter vom Jumu-Vorsitzenden Rademacher nie entfernt! Als wir damals über die Grafik zum neuen Strukturplan sprachen, war es uns beiden ein Anliegen, von dem Bild der Pyramide wegzukommen: der Pyramide, die suggerierte, die breite Basis unten sei nur das Futter für eine exzellente, kleine und feine Spitze, an der wir unsere eigentliche Freude haben. Unsere damals neue Grafik mit dem Titel „der Weg durch die Musikschule“ betont das lebenslange und lustvolle Musizieren ein Leben lang. Und das ist auch gut so.
In meinem Vorwort zu unserer Veröffentlichung „Spektrum Inklusion“ habe ich mich sogar zu der Bemerkung hinreißen lassen: „Wir müssen unsere Strukturen, unsere Gebäude, die Regeln der Schüler-Einteilung, unsere Beratungs- und Entscheidungsrituale, unsere Öffentlichkeitsarbeit, unseren kollegialen Umgang miteinander und noch viel mehr auf den Prüfstand stellen und danach beurteilen, was Inklusion fördert oder behindert. Die Zeiten, in denen sich Wertschätzung und Erfolg einer Musikschule in erster Linie an Erfolgen beim Wettbewerb Jugend Musiziert orientierte, sind (spätestens) dann vorbei!“
Ein Spezialfall in Sachen Inklusion sind aber für mich – für viele erst einmal gewöhnungsbedürftig – die besonders begabten Kinder. Für diese, und für viele andere Teilnehmende mit dem natürlichen jugendlichen Trieb, sich messen zu wollen, können Wettbewerbe wirklich eine tolle Herausforderung sein … Aber ich will ja nicht schon wieder in eine neue Debatte mit Dir einsteigen – obwohl es immer Spaß gemacht hat!
„Wie schön, wenn öffentliche Musikschulen auf die Vermittlung musikalischer Bildung setzen und diese – wie keine andere Bildungsinstitution – für alle Altersstufen der Bevölkerung anbieten. Das Instrument oder die Stimme sind das Mittel, die Musik lebendig werden zu lassen, damit diese Kunstform den Anstoß zu geistigen Erkenntnissen bietet, die unsere Gesellschaft dringend benötigt.“ Den letzten Satz, lieber Winfried, habe ich einfach bei Dir abgeschrieben. Frei nach dem schönen Motto „Das Plagiat ist die ehrlichste Art der Wertschätzung.“
Ich weiß noch wie heute, wie ich mich damals 2005 über Deine Wahl zum Bundesvorsitzenden gefreut und wie gerne ich mit Dir zusammengearbeitet habe. Ich bewundere, was Du durch eigene Initiative, aber auch durch das Erkennen und Unterstützen von guten Ideen Anderer auf den Weg gebracht hast. Und ich bin Dir – gemeinsam mit vielen Menschen im VdM – immer noch dankbar dafür, wie harmonisch Du den Übergang im VdM-Bundesvorsitz von Dir zu mir gestaltet hast! Liebe Pinneberger und Schleswig-Holsteiner: Ihr könnt stolz sein auf Euren Winfried Richter!