Auf drei Jahre angelegt ist das Projekt „ReSonanz&AkzepTanz“, das im September an einer Essener Grundschule begann, einem sozialen Brennpunkt in der Nordstadt: In drei Jahren wird in den acht Klassen der Ganztags-Schule keine Stunde mehr vergehen, in der nicht musiziert, getanzt und gesungen wird, um das Lernen, die Integration und Gewaltprävention voranzubringen. Psychischen und physischen Defiziten der Kinder soll zumindest entgegengewirkt werden. Partner des einzigartigen Unternehmens sind das Mozarteum Salzburg, die Philharmonie Essen und die Herbartschule unter der Schirmherrschaft des NRW-Kulturratsvorsitzenden Gerhard Baum. Nach der mehrmaligen Aufführung des Stücks „Gunibagu“ in der Philharmonie zogen die Partner im Gespräch mit Burkhardt Baltzer eine erste Bilanz.
Burkhard Baltzer: Wie werden das Salzburger Mozarteum, die Philharmonie Essen und die Herbartschule aus dem Essener Norden nach diesem erfolgreichen Jahr weiterarbeiten?
Thomas Heuer (Professor am Mozarteum): Das werden wir nach einer gemeinsamen Auswertung festlegen.
: Es gibt doch sicherlich bereits Vorstellungen?
: Wir werden unsere Arbeit mit den jetzigen zweiten, also den künftigen dritten Klassen fortsetzen. Wir möchten uns dem Deutschnterricht annähern, also Sprache einbeziehen, wie sie im Unterricht vorkommt.
: Herr Kaufmann, Sie haben in Ihrem Grußwort von Diskussionen in den Philharmonie-Gremien gesprochen, die auf mangelnde Akzeptanz des Projekts schließen lassen. Gibt es Neider, ablehnende Stimmen? Das Projekt kostet die Philharmonie immerhin viel Geld.
Michael Kaufmann (Intendant der Philharmonie): Zunächst einmal bin ich sehr zufrieden und sehr glücklich angesichts des Ergebnisses. Es ist doch fantastisch, welche Kreativität das Projekt bei Schülern, Studenten und bei uns freigesetzt hat. Das war auch harte Arbeit, was keinesfalls romantisiert werden darf – und somit ein großer Lernerfolg. Wir hatten dafür keine Vorbilder, sondern haben etwas entwickelt, wovon wir anfangs nicht wussten, welchen Erfolg es bringen würde. Es ist sicherlich mein Job als Intendant zu verteidigen, warum wir in dem dreijährigen Modell viel Geld ausgeben. Die Bedenken dagegen werden aus mangelndem Sachverstand geäußert, was ich nicht hochnäsig meine. Im 20. Jahrhundert haben sich die Menschen zu Spezialisten und auch Fachidioten entwickelt, jedoch das Ganzheitliche der Entwicklung aus den Augen verloren. Das, was wir hier gesehen haben und was an der Herbartschule geschieht, ist der Versuch, den Menschen insgesamt zu begreifen: Ihn zu fördern, um ihn erleben zu lassen, was alles in ihm steckt. Es gibt derzeit keine deutsche Hochschule, mit der man so etwas hätte machen können. Deshalb unsere Zusammenarbeit mit dem Mozarteum. Dennoch werden wir zusätzlich im kommenden Schuljahr die Folkwang Hochschule einbeziehen, um auch hier zu ankern. Tatsächlich war es schwer, unseren Sponsoren den ganzheitlichen Ansatz zu erklären: dass nicht allein die Sprachentwicklung, das perfekte Singen oder Tanzen das jeweilige Ziel ist. Sondern, dass jedes Kind spürt, dass es eine Entwicklungschance hat. Aber genau dieses Wunder ist mit den Kindern in den letzten zehn Monaten geschehen.
: Im Vergleich zu den Proben im März konnte in der Aufführung ein enormer Qualitätssprung beobachtet werden. Worauf ist der zurückzuführen? Auf die Ausnahmesituation der Aufführung in der Philharmonie, Klaus Fessmann?
Klaus Fessmann (Professor am Mozarteum): Ich denke, Grund dafür ist der Prozess, der sowohl in Salzburg bei den Studenten stattfindet als auch bei den Kindern in der Essener Schule. Ich sehe das nicht als Sprung, sondern als Ergebnis unendlich vieler Diskussionen und Auseinandersetzungen und Proben – also ein Lernprozess auf beiden Seiten. Es wurde ja auch kein Programm abgespult, sondern dieses Stück ist gewachsen. Alle Beteiligten haben dabei enorm gelernt und haben an Souveränität gewonnen, wenngleich es ein riesiger Kraftakt war. Man muss sich das mal vor Augen halten: Ich sitze Samstagnacht im Zug nach Salzburg und treffe eine Studentin, die gerade aus Essen kommt, wo sie seit Donnerstag früh gearbeitet hat: Und diese Studentin strahlt vor Glück über ihre Arbeit! Die hätte allen Grund gehabt, fertig oder ausgepumpt zu sein, aber sie strahlt, obwohl sie drei Tage lang keinen Moment Ruhe hatte, denn die Kinder haben im wahrsten Sinn des Wortes an ihr geklebt.
: Didaktisch und methodisch vorbereitet werden die Studentinnen und Studenten in Salzburg recht dürftig, so meine Beobachtung. Müsste deshalb nicht eine engere Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern der Herbartschule ganz oben auf der Tagesordnung stehen?
: Das war Teil des Prozes-ses: Wir haben eben nicht eine tagelange didaktisch-methodische Grundsatzdiskussion geführt, ein Paper verfasst und dann begonnen zu arbeiten. Unser Projekt soll drei Jahre dauern, und wenn jetzt von den Lehrkräften eine stärkere Zusammenarbeit gewünscht wird, dann ist dem Rechnung zu tragen als neue Komponente in diesem Prozess.
: Gibt es diesen Wunsch von Seiten der Schule und von Ihnen als Rektorin, Frau Sass-Leicht?
Angelika Sass-Leicht: Wir werden jetzt Bilanz ziehen in einem Abschlussgespräch und wir werden gemeinsam unsere Zusammenarbeit bei den kommenden dritten Klassen planen. Die Kinder der jetzigen zweiten Klassen kennen ja nun das Ziel. Das war nicht der Fall, als die Arbeit im vergangenen Herbst mit den dritten Klassen begann.
: Unsere Studenten sind allgemein sehr wohl didaktisch gut vorbereitet. Wenn hier Dinge besser hätten laufen können, dann lag das daran, dass sie hier Situationen gegenüberstanden, die es für sie vorher noch nicht gab. Dass sie sie hier meisterten und begeistern konnten, das ist die Kunst, die es braucht. Darin ist vielleicht der Quantensprung begründet, von dem Sie sprachen.
: Frau Sass-Leicht, was geschieht jetzt mit den künftigen vierten Klassen nach dem Jahr Arbeit mit dem Mozarteum?
Sass-Leicht: Die lassen wir nicht im Regen stehen, sie werden in andere musische Projekte eingebunden. Sie werden überdies mit sehr wachen Augen darauf schauen, was die Gruppe unter ihnen macht.
: Wir müssen schauen, dass das Frische, Unverbrauchte bewahrt wird, was die Qualität dieser Aufführung ja auch ausmachte, bei allen Beteiligten. Wir überlegen schon, was wir mit den künftigen vierten Klassen machen. Da ist die Idee der Lehrerinnen von der Herbartschule, eine Art Chor anzubieten, ein Impuls. Wir wollen nicht bei dem Ergebnis stehen bleiben, wir sind mit der Idee gestartet, dass das Projekt drei Jahre dauern soll.