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Der Musikredakteur, vermutlich freigestellt

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Ein Kommentar von Burkhard Baltzer
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Würde es dieses Schurkenstück nicht schon geben, müsste es aus Sicht der ARD-Intendanten erfunden werden: Die Abschaffung beziehungsweise Entmündigung der Musikredakteure bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Aufgeschreckt von den dauerdudelnden Privatsendern, ersetzten die öffentlich-rechtlichen irgendwann ihren gesetzlich festgeschriebenen kulturellen Auftrag durch die „Hörer-Demokratie“ – in ihrem Fall durch das Diktat der Quote, was sie zum Beispiel durch „Die größten Hits aller Zeiten“ verleugnen.

Verwerflich ist das: Der Hörer, nennen wir ihn Kevin oder Manuela, folgt brav dem Aufruf  seines Landessenders und gibt kund, dass zum Beispiel „Hotel California“ (1976, Eagles, Näheres  interessiert nicht weiter) der größte Hit aller Zeiten sei, weil man seine Freundin irgendwie in irgendeinem Hotel tief in irgendwelche Kissen gedrückt habe. Und – schwupps – ist man nicht nur ein Baustein der Hit-Olympiade mit der Genugtuung, als einer der Architekten an der auf dem Kopf stehenden Pyramide „Hits aller Zeiten“ mitgewirkt zu haben. – Bravo, für drei Minuten war man: Musikredakteur! Denn fortan darf der quotentaugliche Hörer/die Hörerin eines wiederkehrenden Programmplatzes von „Hotel California“ sicher sein. – Dank eines computergesteuerten Musikprogramms. Fazit: Der Hörer bezahlt mit seiner inzwischen erhöhten Rundfunkgebühr seine eigene Dienstleistung. – Für ein Kettchen seiner Emotion, sozusagen ein Tattoo seiner Seele. Der Musikredakteur aber ist überflüssig. Vermutlich in Altersteilzeit. Während die Hörerin/der Hörer fast das gleiche genießen, was ihnen früher die Music-Box in der Kneipe bot: Münze rein, Musik an.

Die WDR-Hörfunkchefin Valerie Weber fragt sich in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Politik und Kultur“,  – also von Frau Weber erfährt man, dass so ein Komponist wie Karlheinz Stockhausen heute im Gegensatz zu früher nicht mehr programmpolitisch sende – und damit durchsetzungsfähig wäre: Können wir uns das leisten?  Viel, viel zu teuer (siehe auch die Abschaffung eines Orchesters für Zeitgenössisches. Also besser „Hotel California“? Vom WDR, einem der teuersten und radikal kürzenden Sender der ARD, wissen wir, dass alles, aber auch alles zu teuer ist – außer der Rundfunkgebühr.

Gegen die Selbst-Hinrichtung

Aber es geht noch billiger: Die Konsequenz daraus ist nicht nur die allerorts beliebte Sendereihe „Aus dem Archiv“ oder überhaupt durch die Programme geisternde Wiederholungen. Die radikalste Konsequenz bietet der DLF seit einiger Zeit jeden Morgen: Eine Klangmatte, die durch Meldungen, Berichte und Interviews unterbrochen wird. Nicht mal thematisch durchwirkt oder durchdrungen, sondern ein tonaler Design-Brei. Und diese musikalische Infantilisierung braucht nun tatsächlich gar keinen Musikredakteur mehr.

P.S.: Manchmal nachts wache ich auf, ich, ein fanatischer Rundfunkhörer, weil sich um so gegen vier Uhr ein bemerkenswertes Porträt eines Musikers auf DeutschlandRadioKultur zwischen meine Träume gedrängt hat. Ich taumele aus dem Bett zu einem Blatt Papier, schreibe einen Namen auf und weiß am nächsten Morgen nicht mehr, was genau das war. Ja! Etwas Bemerkenswertes. Zur falschen Zeit. Ein Kapitel gegen die Hinrichtung des Rundfunks durch eigene Kräfte.  ¢

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