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Nach dem Willen deutscher Kultusminister wird die Turnerin demnächst bei ihrer Übung gleichzeitig mit der linken Hand ein Aquarell malen und mit der rechten Hand Blockflöte spielen. Note: Sehr gut! Foto: Metz
Nach dem Willen deutscher Kultusminister wird die Turnerin demnächst bei ihrer Übung gleichzeitig mit der linken Hand ein Aquarell malen und mit der rechten Hand Blockflöte spielen. Note: Sehr gut! Foto: Metz
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Die Kultusminister verordnen Notstand

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„Ästhetische Bildung“ soll regulären Sport-, Musik- und Kunstunterricht ersetzen
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Was – um alle Welt – hat man sich unter einem Schulfach „Ästhetische Bildung“ vorzustellen, zu dem Musik, Kunst und Sport künftig zusammengefasst werden sollen ( vorerst für die Grundschulen)? So jedenfalls haben es die Kultusminister auf ihrer letzten Konferenz beschlossen.

An ihren Musik-, Kunst- oder Sportunterricht werden sich die Allermeisten erinnern. – Schulunterricht in seiner uns allen bekannten realen Widersprüchlichkeit: Lehrpläne abarbeiten, von langweilig bis unzulänglich, weil die Sinne, um die es hier ging, bis dahin kaum eine (Bildungs-)Chance hatten, sich zu entwickeln. Dazu kommen die unzähligen ausgefallenen Stunden im Musik-, Kunst- und Sportunterricht, was die uneingeschränkte Dominanz der kognitiven Fächer noch erdrückender machte. Aber manchmal gab es auch eine nie gehörte tolle Musik, ein alle begeisterndes Kunstprojekt oder die Stadtmeisterschaft im Schwimmen durch die Schulmannschaft. Zuweilen blitzte auch in den künstlerischen Fähigkeiten eines mitreißenden Lehrers etwas auf, das über die Routinen des Schulalltags hinauswies. Schluss damit, stattdessen das Fach „Ästhetische Bildung“. Für Baden-Württemberg bedeutet dies jetzt schon, dass von wöchentlich sechs Stunden Unterricht in diesen Fächern zwei Stunden übrig bleiben. An manchen Gesamtschulen anderenorts ist diese Zusammenlegung schon alltägliche Praxis.

Rational gleich rationell; effektiv und effizient soll alles sein. Das heißt in aller Schlichtheit: wirksam und dabei billig – betriebswirtschaftlich eben. Der Staat versteht sich als ein (Dienstleistungs-)Unternehmen. Nur für wen? Und sein (unser aller) Geld, von dem es lange hieß, es sei knapp, könne eben für öffentliche Bildungs- und Kulturbelange nicht mehr ausreichend zur Verfügung gestellt werden. In Krisenzeiten, bei der Sanierung von Spekulanten und Bankrotteuren, erscheint es allerdings unbegrenzt verfügbar, weil diese „systemrelevant“ seien.

Offenbar gilt das entscheidende Attribut „systemrelevant“ für Kultur und Bildung nicht. Man weiß, dass die Finanzierung des deutschen Bildungssystems derjenigen anderer, weit ärmerer Länder hinterher hinkt. Offenbar soll daran nicht im Mindesten gerüttelt werden: So sind die Investitionen in Bildung, die das „Konjunkturpaket 2“ der Bundesregierung vorsieht, nicht für die Stärkung einer praktischen ästhetischen Bildung im Allgemeininteresse und den Institutionen ihrer Ausübung (z.B. den Musikschulen) eingeplant.

Die Kultusminister sprechen in den „fachlichen Perspektiven“ zur „ästhetischen Bildung“ von den „Grundlagen ästhetischer Wahrnehmung und Erfahrung; Bedeutung von Sinnlichkeit und Körperlichkeit in der Welt- und Selbst-aneignung von Grundschulkindern“.

Mal abgesehen von all den methodisch-didaktischen Fragen, die sich hier aufdrängen müssen, angesichts der übrig bleibenden beiden Stunden und des Mangels an qualifizierten Pädagogen (Fachlehrer für „Ästhetische Bildung“ müssen nur in einem dieser drei Fächer die nötige Fachkompetenz besitzen), können diese „Perspektiven“ in ihrer hier formulierten Abstraktheit nur einen weiteren Holzweg weisen.

Zudem ist zu bezweifeln, ob mit diesem neuen Fach tatsächlich die Realisierung eines Bildungsziels ins Auge gefasst wird, das zu einem tieferen Verständnis des (Erkenntnis-)Gehalts von Musik, Kunst und Wirklichkeit führen kann oder den immer öfter zu diagnostizierenden motorischen Defiziten von Heranwachsenden wirksam begegnet. Oder wird hier einfach nur eine blenderisch verblendete Bildungsmaßnahme „ästhetisch“ genannt: ein Leerfach mit einem beschönigenden Namen?

Was aber, wenn diese Maßnahme, die auf den ersten Blick erheblich mit den sonst verlautbarten Äußerungen verantwortlicher Politiker über die Bedeutung von Kunst und Kultur bei den Bildungsprozessen von Kindern und Jugendlichen kontrastiert und sie sogar zurück zu nehmen scheint, einer Strategie entspringt, wie sie die Bertelsmann Stiftung schon 1995 auf einer Konferenz zum Thema „Ziele und Verantwortung der Kulturpolitik“ formuliert und vorgegeben hat? Liz Mohn (seit 2005 auch im Kuratorium des VdM) dort:

„Zum einen erlebt unsere Gesellschaft eine generelle Orientierungslosigkeit durch tief-greifende Veränderungen, die sich in unserem engsten Lebens- und Arbeitsumfeld ergeben. Der traditionelle Familienzusammenhalt scheint verloren zu gehen. Großorganisationen, wie zum Beispiel die Kirchen, verlieren an Einfluss, und Leitfiguren fehlen der Gesellschaft … Kulturpolitik und ‑arbeit stehen vor großen Aufgaben und Her­ausforderungen. Sie werden ihren Beitrag leisten müssen, den Wandel gesellschaftsverträglich zu gestalten und Orientierungs­punkte für die Menschen zu setzen. Sie werden ihr Ziel erreichen, wenn sie sich als kreativ, flexibel, einsatz‑, aber auch koopera­tionsbereit erweisen. Sie werden es nicht erreichen können, wenn ihnen das Publikum den Rücken kehrt. Sie werden auch keine Erfolge verzeichnen können, wenn sie nicht lernen, ihre Mittel und Möglichkeiten gezielt und effizient einzusetzen. Die Neudefinition von Zielsetzungen und Aufgaben im Kultur­bereich wird eine Gratwanderung darstellen und setzt einen part­nerschaftlichen Dialog und Kooperationsbereitschaft voraus.“

Demnach könnte es jetzt vor allem um die praktische Umsetzung dieser „Neudefinition von Zielsetzungen und Aufgaben im Kulturbereich“ gehen, so wie sie die Bertelsmann Stiftung versteht: sozialen Kitt zu produzieren in einer auseinander fallenden Gesellschaft.

Und es geht darum, dass der Staat sich weiter von seinen sozialen und kulturellen Aufgaben zurückzieht, um sie Schritt für Schritt (Gratwanderung!) Privaten zu überlassen. Vor allem auch den Geschäftsinteressen der Bertelsmann AG. Denn überall nehmen die „musischen“ Projekte der Bertelsmann Stiftung in Form „öffentlich-privater Partnerschaften“ (PPP) inzwischen konkrete Gestalt an: Kita macht Musik, Musikland Niedersachsen, JeKi, die musikalische Grundschule ( auch ein Beschluss der KMK). Und die Kultur- und Bildungspolitik des Staates „ergänzt“ dieses Arrangement mit kümmerlicher abstrakter „ästhetischer Bildung“.

Kein Funke der Besinnung darf in die Freizeit fallen, weil er sonst auf die Arbeitswelt überspringen und sie in Brand setzen könnte (Theodor W. Adorno). Und man könnte hinzufügen, gleiches gilt auch für die Schule. Da sei die KMK und die „Ästhetische Bildung“ davor!

Anja Bossen und Friedrich Kullmann, FG Musik Ver.di Kulturausschuss NRW

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