Rein quantitativ tendiert diese Kantate zu Superlativen: Zwei Akte, eine Besetzung für Sopran und Bariton solo, gemischten Chor und großes Ensemble (siebzehn Spieler), nicht weniger als 22 Textdichter plus Wunderhorn- und Bibeltexte und eine Partitur im Umfang von über 300 Seiten. Das Ganze, so das sehr umfangreiche Partiturvorwort, kann auch szenisch gemacht werden, wobei der Übergang zu Oper oder Musical fließend sein soll. Der Stuttgarter Peter Schindler, vielseitig aktiv als Komponist von Musicals, Chansons und Kinderstücken, als Organist und Pianist zwischen Klassik und Jazz, hat sich mit seinem Mega-Opus „Sonne, Mond und Sterne“ viel vorgenommen.
Auch wenn die nach Sammelsurium aussehende Textauswahl – sie reicht von Oswald von Wolkenstein über Goethe und Romantiker wie Eichendorff und Tieck bis Nietzsche – zunächst etwas misstrauisch macht: Sie ist intelligent getroffen und verrät einen Sinn für Dramaturgie. Zwei Themenschwerpunkte oder Handlungsmomente werden umkreist. Da ist einmal der ganz große Blick auf Zeitlichkeit und Ewigkeit, und dann zieht sich das uralte Spiel von der Liebe zwischen Mann und Frau, von Glück und Entsagung, als roter Faden durch die zwei Akte. In der volkstümlichen Lyrik aus „Des Knaben Wunderhorn“ findet Schindler ein reiches Reservoir an entsprechenden Motiven.
Darin zeigen sich aber zugleich auch die Grenzen der großformatig angelegten Werkkonzeption. Die ungekünstelte Direktheit der Wunderhorn-Texte ist für ein abendfüllendes Opus wohl kaum tragfähig genug, zumal wenn die darauf aufbauenden musikalischen Formen eher simpel strukturiert sind. Der allgegenwärtige Viervierteltakt und die wenig flexible Metrik können bei aller Frische des musikalischen Ausdrucks auf Dauer auch eintönig wirken, und die tiefsinnigen und kunstvoll gebauten Gedichte eines Goethe, Matthias Claudius oder Friedrich Rückert werden von der harmonisch anspruchslosen Musik umstandslos glatt gebügelt. Ein wenig Chuzpe ist da schon im Spiel. Bevor sich der Komponist mit den ihm verfügbaren Mitteln an einem Text wie Eichendorffs „Mondnacht“ zu schaffen machte, hätte er das Lied von Schumann hören sollen, dann hätte er bestimmt die Finger davon gelassen.
Der Versuch des Komponisten, sich mit der großen Thematik nicht in enthobene Sphären zu flüchten, sondern sie auf eine leicht fassliche Weise musikalisch zu formulieren, verdient Respekt. Doch zugleich kommt einem Brechts Ausspruch vom Einfachen, das schwer zu machen ist, in den Sinn. Durch die Einbeziehung einer vom Jazz inspirierten Rhythmusgruppe mit Bass, Drum Set und Klavier, das auch gewisse improvisatorische Freiheiten hat, kommt ein lockerer musikantischer Zug zum Tragen. Vorgesehen ist auch eine Aufführungsversion nur mit diesen drei Instrumenten, ohne Bläser und Streicher.
Die Kantate ist insgesamt nicht allzu schwer und kann ohne weiteres auch von Laien, etwa Schulchören und -orchestern, bewältigt werden. Was der Komponist nicht explizit erwähnt, sich aber aufdrängt: Das aus vierzig Nummern bestehende Opus eignet sich ohne weiteres auch als Steinbruch. Vermutlich sind Teilaufführungen mit den gelungeneren Nummern sinnvoller als eine Gesamtwiedergabe.
Peter Schindler: Sonne, Mond und Sterne. Szenische Kantate in zwei Akten. Carus Verlag 10.601, ISMN M-007-09668-7