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Der Clou im Wirth-Nachlass: ein originaler Beethoven-Brief. Foto: Dematon Lübeck
Der Clou im Wirth-Nachlass: ein originaler Beethoven-Brief. Foto: Dematon Lübeck
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Der Komponist als Manager seiner selbst: Spektakulärer Nachlass mit originalem Beethoven-Brief fürs Brahms-Institut

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Soziale Netzwerke im bürgerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts funktionierten schlicht per Korrespondenz. Dabei hatten freundschaftliche Verpflichtungen offenbar einen hohen Stellenwert. Solche Briefe und andere Memorabilien wurden nicht bei Gelegenheit aussortiert und weggeworfen, sondern aufbewahrt, in den Wohnungen oder gar Häusern der Adressaten war genug Platz. Wie sonst könnte man erklären, dass der Nachlass von Renate Wirth (1920–2011), Musikpädagogin aus Frankfurt, Urenkelin des Violinisten Emanuel Wirth sowie des Harfenisten und Komponisten Franz Anton Stockhausen, glücklicherweise trotz Kriegen und anderen Tumulten erhalten blieb?

In 20 Kisten sind handschriftliche, gedruckte und andere Materialien gesammelt, die sowohl über die Beziehungen als auch die Lebensstile der beiden Künstlerfamilien über zwei Jahrhunderte als exemplarisch für die europäische Musikgeschichte Auskunft geben. Als Alleinerbin für diesen Fundus hatte Renate Wirth den Verein zur Förderung des Brahms-Instituts e. V. in Lübeck, deren Mitglied sie war, eingesetzt.

Den Weg dorthin bereiteten die Forscher Renate und Kurt Hofmann vor, auf Basis deren privaten Brahms-Sammlung einst das Brahms-Institut Lübeck gegründet wurde. Ihre persönlichen Verbindungen zu Renate Wirth – in gewisser Hinsicht analog zum oben erwähnten sozialen Verhalten der Vergangenheit – waren entscheidend dafür, dass der Nachlass schließlich an das Brahms-Institut zur wissenschaftlichen Auswertung weiter gegeben werden konnte. Dieses Engagement hob Heiko Hoffmann, als Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Brahms-Instituts ins notarielle Prozedere eingebunden, bei der öffentlichen Präsentation dieser Erbschaft hervor.

Als wichtigste Objekte in den Schatzkästlein aus Frankfurt, um mit Johann Peter Hebel zu sprechen, nannte Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Instituts, Notenbibliotheken der Familien Stockhausen und Wirth, die Erkenntnisse über die Aufführungspraxis geben können. Ebenso Repertoirelisten und Konzertprogramme des legendären Joachim Quartett, in dem Emanuel Wirth spielte und zugleich Assistent des Primarius Josef Joachim war, wiederum ein enger Freund von Johannes Brahms. Viele bisher unbekannte Fotos von Musikerkollegen wie Franz Liszt, Richard Wagner, Clara Schumann u.a. sowie Gästebücher, Poesiealben und Briefe von Max Kalbeck, Carl Orff, Julius Röntgen u.a. vermitteln Einsichten in die weit verzweigten familiären Kontakte.

Fürs Renommee des Brahms-Instituts von (im Wortsinn) einzigartiger kulturhistorischer Bedeutung ist ein originaler Brief, den Ludwig van Beethoven mit persönlichem Siegel an Franz Anton Stockhausen, Vater des Sängers und Brahms-Freundes Julius Stockhausen, im Juli 1823 nach Paris schickte. Dieser Brief ist zwar in der Edition der Beethoven-Korrespondenz verzeichnet, konnte aber bisher nicht verifiziert werden und galt deshalb als verschollen.

Auf knapp drei Seiten erörtert Beethoven darin seine Bemühungen um aristokratische Subskribenten, damit er die Aufführung seiner "Missa Solemnis" finanzieren könne und bittet Franz Anton Stockhausen um Unterstützung. Dabei beklagt er, "wie schwer fallen mir d(er) g(leichen) Speculation, allein mein geringer Gehalt meine Kränklichk.(eit) erfordern Anstrengung ein beßeres Looß zu erhalten", ganz im Sinn eines freiberuflichen Künstlers unter den Bedingungen des Selbstmanagements. Aber auch mit dem Hinweis, dass pekuniäre Zuwendung nicht allein ihm, sondern vor allem der Erziehung seines  Neffen zu Gute kommen solle. Soviel zum Inhalt.

Während der kulturelle Wert dieses Beethoven-Briefes wohl unschätzbar ist, wurde der Preis schon taxiert, nämlich auf über 100.000 Euro, wenn er bei einer Auktion angeboten würde. Hätte Beethoven gewusst, wie viel für diesen Brief heute gezahlt wird, hätte er nicht über die Finanzierung der Missa Solemnis "spekulieren" müssen.

Der Beethoven-Brief ist zwar nun quasi heiliges Nationalerbe, "Tradition in reinster Form", wie Inge-Susann Römhild, Präsidentin der Musikhochschule meinte, doch eben auch ein attraktiver Köder zur Bewerbung um das notwendige Geld für die wissenschaftliche Verwertung des Wirth-Nachlasses. Deshalb verknüpfte Heiko Hoffmann mit einem "großen Appell" die Hoffnung, dass lokale und nationale Stiftungen sich dieser Verantwortung bewusst werden und das unzureichende Budget des Brahms-Instituts aufstocken, um die Aufgaben der Katalogisierung, Archivierung und Untersuchungen des Wirth-Nachlasses erfüllen zu können.

Nimmt man die Aufmerksamkeit ins Kalkül, die internationale Medien in Europa, Lateinamerika und Asien (ein Fernsehteam aus Japan drehte bei der Präsentation in Lübeck) diesem Projekt schon widmen, dann sind die Chancen nicht schlecht, aus dem Fundus der 20 Kartons aus Frankfurt neue Facetten bürgerlicher Netzwerke im 19. Jahrhundert  und darüber hinaus zu rekonstruieren.   

Der Beethoven-Brief ist bis zum 29. Januar 2012 bei freiem Eintritt im Brahms-Institut Lübeck zu besichtigen.

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