Die neue „Ring“-Inszenierung liefert eine gänzlich andere Erzählweise als vor vier Jahren, wo eine mehr witzige Vermittlung der Handlung für Kinder im Vordergrund stand. Wieder stützt sich die Digest-Version von Katharina Wagner und Markus Latsch auf markante Szenen-Ausschnitte, die Marco Zdralek musikalisch bearbeitet hat.
Und wieder wird das Problem, die vierzehn Stunden des Zyklus in Kurzform zu erzählen, primär durch eingeschobene oder melodramatische Dialoge gelöst. Nur die Intrige der „Götterdämmerung“ bleibt in der Vereinfachung auf der Strecke.
Wieder spielt das mit nur 33 Mitgliedern besetzte Staatsorchester Frankfurt (Oder), nunmehr unter der musikalischen Leitung von Azis Sadikovic, sauber, aber etwas ruppig. Positioniert ist der Klangkörper dieses mal neben der Spielfläche, einem Würfel, dessen schwere Schiebeklapptore von den Darstellern jeweils selbst geöffnet und geschlossen werden um dann Szenerien freizugeben, zum Teil mit Prospekten hinter eine runden Öffnung auf der Hinterwand des kompakten, für angedachte Gastspiele containerfähigen Bühnenbildes. Wie die Kinder im Programmheft ein Kreuzworträtsel zum „Ring des Nibelungen“ zu lösen haben, so dürfen die älteren Besucher im silbernen Abbild von Walhall das darin integrierte, von monumentaler Lustschloss-Architektur überwucherte Bayreuther Festspielhaus suchen und finden.
Die Kinder werden in der Neuproduktion mehrfach zur Mitwirkung aufgefordert, so erzeugen sie durch Tuchwedeln die Wellen des Rheins im ersten Bild oder unterstützen Wotan bei interaktiven Fragen: „Kinder, soll ich meinen Ring den Riesen geben?“ – „Jaaaa!“, – und so wird die Figur der Erda eingespart.
Walhall als Sammelstelle der entführten Krieger wird in Brünnhildes primär gesprochener Tod-Verkündung reduziert auf „das Jenseits“, und Siegmund fragt erstaunt: „Was soll ich denn im Jenseits?“. Dass im Dialog Sieglinde fälschlich auf der zweiten Silbe betont wird, ist angesichts der beabsichtigten Heranführung von Kindern an den „Ring“-Kosmos und an Wagners eigenwillige Namensgebung bedauerlich.
Nicht so genau nimmt es die Inszenierung auch sonst mit Namen: Hunding, der das Gespräch seiner Frau mit dem Fremdling belauscht hat und ihn daher „Siegmund“ ruft, nennt ihn singend später aber doch wie im Original, „Wehwalt“, obgleich dieser Name in der reduzierten Fassung vordem nicht genannt wurde. Am Ende der „Walküre“, parallel zum Feuerzauber, erleben die Zuschauer bereits, wie Mime Sieglinde mit ihrem Baby findet.
Danach setzt eine halbstündige Pause ein, welche insbesondere dem Umbau dient. Originell hat Regisseur David Merz mit dem Bühnenbildner Julius Theodor Semmelmann den Drachenkampf gelöst: Zur Vervielfachung jenes Drachenauges, das bereits in Wieland Wagners Inszenierung Anfang der Fünfzigerjahre zu sehen war, tritt ein den Bühnenraum füllendes menschliches Gebiss mit Goldzahn, unter welchem der Ring verborgen liegt. Der Tarnhelm, ein kleiner Goldhelm mit Hörnern, ist zu diesem Zeitpunkt bereits abgespielt.
Das Rheingold ist ein großer Goldklumpen, wie Alberich ihn später vermehrt als Schätze in seiner Netzjacke trägt, welche dann auch um Freia gelegt wird um die von den Riesen entführte Pflegerin goldener Äpfel frei zu kaufen. Originell sind die übergroßen Kostüme, Hände, Füße und Köpfe der Riesen mit textsynchron beweglichem Mündern (solange die Sänger ihre Hände nicht für etwas Anderes, etwa für den Abtransport des Goldes, einsetzen müssen).
Die Masken sind wieder entstanden in Zusammenarbeit mit der August Everding –Akademie; Studierende des ersten Jahrgangs Maskenbild – Theater und Film haben kindgerechte Masken erstellt, wie sie viele Opernbesucher wohl auch gerne auf der großen Bühne so drastisch realisiert erleben würden wie hier – doch angesichts der Zwergmasken von Alberich und Mime würde dann womöglich der Vorwurf antisemitischer Darstellung laut. Denn diese erinnern an das Zerrbild des Juden in Barrie Koskys „Meistersinger“-Inszenierung.
Von der Handlung der „Götterdämmerung“ bleiben nur Hagens Mannen-Ruf, ein Dialog mit Brünnhilde, wie man Siegfried beschützen könne, die verknappte Rheintöchter-Szene und dann ein Dialog zwischen Hagen und Siegfried über den Waldvogel übrig; Hagens Mord an Siegfried will Brünnhilde während des Trauermarschs an Hagen rächen, aber sie vermag es nicht, ihn mit Nothung niederzustechen: dem Schlafenden nimmt sie den Ring weg. Dem folgt musikalisch der Anfang des Schlussgesangs mit Brünnhildes melodramatisch vorgetragenem Text: „Der Ring hat uns allen nur Verderben gebracht!“. Sie wirft ihn in den Rhein und, obgleich diese Musikpassage sogar gespielt wird, entfällt Hagens Ruf „Zurück vom Ring!“
Nach dem Erlösungsmotiv viel Jubel für die zwölf Solisten, die zumeist mehrere Partien verkörpern. Herausragend wieder einmal der auf der Festspielbühne wie auf der Probebühne vier bei „Wagner für Kinder“ vielseitig bewährte Jukka Razilainen als Wotan. Timo Rihonen gefällt als Fafner und stimmgewaltiger Hagen. Vinzent Wolfsteiner erweist sich im „Siegfried“ als ein echter Heldentenor, den zu Erleben Spaß macht, und der als Siegmund die „Wälse“-Rufe sogar verlaufen kann. Echte Brünnhilde-Töne liefert Daniela Köhler. Christiane Kohl macht das unangenehme Zutief-Singen der Woglinde dann als Sieglinde wett.
Wie beim kommerziellen Musical, wo beim Ausgang des Publikums Andenkenhefte verkauft werden, wurde das Programmheft diesmal erst nach der Aufführung ausgegeben. In der Pause gab es einen kleinen Eklat, da das Gebäude der Probebühne vier umringt ist von hohen Gittern. Während es in den Vorjahren bei Kinderopern ohne Pause einen Sponsor für Getränke gab, konnte in diesem Jahr, wo es durch die lange Umbaupause zwischen „Walküre“ und „Siegfried“ wünschenswert wäre, offenbar kein Getränke-Sponsor gewonnen werden. Dass aber Gäste, die zu ihrem Auto, Kinder, die außerhalb des Geländes etwas trinken wollten, das Verlassen des Geländes bei beabsichtigter Wiederkehr untersagt wurde, bis ein kleiner Aufstand von Pressevertretern dazu führte, dass diese Anordnung außer Kraft gesetzt wurde, zeigt die Absurdität mancher Sicherheitsvorkehrungen, insbesondere auch bei der gleich nach Ende der Kinderoper beginnenden Auffahrt der Gäste zur nachfolgenden Eröffnungspremiere im Festspielhaus.
- Weitere Aufführungen: 26., 27., 28., 29., 31. Juli, 1. 2., 4. August 2018.