Es ist noch nicht lange her, dass die Originalklangbewegung in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist - da wechselt einer ihrer prominentesten Vertreter die Richtung. So scheint es zumindest: Thomas Hengelbrock übernimmt in der kommenden Saison den Posten des Chefdirigenten beim NDR Sinfonieorchester. Doch Hengelbrock hat sich noch nie Etiketten aufkleben lassen. Bekannt geworden ist er zwar als Gründer und Leiter des Balthasar Neumann Chores und Ensembles, er hat aber auch zahlreiche zeitgenössische Werke uraufgeführt und an den bedeutendsten Opernhäusern Europas gearbeitet. Gerade hat er in Hamburg die Pläne vorgestellt, die er mit seinem neuen Orchester hat. Ein Gespräch mit dem Dirigenten.
Herr Hengelbrock, Ihr Antrittskonzert beim NDR Sinfonieorchester haben Sie „Anything goes“ überschrieben, auf deutsch: „Alles ist möglich“. Ein stolzes Motto!
Da ist natürlich ein Augenzwinkern dabei. Der Titel ist dem wunderbaren Musical von Cole Porter geschuldet. Wir stellen daraus ein Medley zusammen. Aber vorher spielen wir ganz andere Musik: Unsere Eröffnungsnacht beginnt mit einem barocken Teil, darunter eine Suite von Sätzen aus Händels Oper „Almira“, und im zweiten Teil gibt es Beethovens „Eroica“. Es ist also auch stilistisch alles möglich.
Viele Programme Ihrer ersten Saison spannen den Bogen über mehrere Jahrhunderte. Könnte „Anything goes“ auch ein Motto für das sein, was Sie mit dem NDR Sinfonieorchester vorhaben?
Die Grundidee ist in der Tat, die Verbindungslinien durch die Jahrhunderte aufzuzeigen. Brahms hat aus dem Werk von Bach geschöpft, und Bruckners großes Vorbild war Michael Haydn. Ich finde, dass der herkömmliche Konzertkanon von Beethoven über das sinfonische Schaffen des 19. Jahrhunderts bis zur Moderne nicht mehr ausreicht. Es gibt grandiose Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert, und es gibt ganz phantastische neue Werke, wir spielen zum Beispiel eine Ouvertüre von Jörg Widmann und eine neue Oper von Simon Wills. Für ein heutiges Publikum müssen wir das Orchester als einen Klangkörper für vier Jahrhunderte aufstellen.
Müssen die Musiker des NDR Sinfonieorchesters jetzt zu Darmsaiten oder Naturhörnern greifen?
Die Musiker spielen die Instrumente, die sie studiert haben! Vom Instrumentarium gehen wir ganz kleine Schritte. Aber die Leute sind hochinteressiert. Was das Verständnis der Musik betrifft, da brauchen wir eine Erweiterung der Spieltechniken. Aber ohne den immer wieder an mich herangetragenen Wunsch nach diesem Repertoire und nach Erklärungen würde ich das nicht machen.
Gehen Sie also künstlerische Kompromisse ein?
Man kann heutzutage bei Orchestern mit der richtigen Herangehensweise auch mit modernen Instrumenten ganz aufregende Ergebnisse bekommen. Reines Klangdesign interessiert mich nicht. Ich will auch nicht der Alte-Musik-Guru sein. Ich bin Dirigent, also nachschaffender Künstler. Und damit habe ich die Verpflichtung, mich mit Sinn und Gehalt eines Stückes auseinanderzusetzen, nicht mehr und nicht weniger. Die Musiker müssen das Gefühl haben, das ist stimmig, was ich da erzähle. Wobei ich nicht leugne, dass das zutiefst subjektiv ist.
Das klingt nach Überzeugungsarbeit statt Diktatur des Taktstocks.
Es ist eine Sache, als Dirigent genaue Vorstellungen zu haben. Aber die Energie, das umzusetzen, die müssen alle gemeinsam haben. Ich kenne beide Seiten, weil ich schon sehr früh in führenden Positionen war: als Konzertmeister, Orchestervorstand, als Assistent bei verschiedenen Dirigenten. Musiker heute sind emanzipierte, selbstbewusste, sehr gut ausgebildete und zu Recht ihre Eigenheiten, ihre Identität behauptende Individuen. Das gilt es zu respektieren und trotzdem aus diesen vielen zum Teil auch zentrifugalen Kräften ein geschlossenes Ganzes zu machen.
Was halten Sie denn von den standardisierten Besetzungsgrößen?
Wenn man sich Besetzungsschemata allein aus dem 19. Jahrhundert anschaut, dann wird man ganz irre. Die haben in jeder Art von Besetzung gespielt. Beethoven selbst hat seine Bläser oft verdoppelt und Riesenstreicherapparat dazugenommen. Aber die Uraufführung der Eroica war bei den Streichern fast solistisch besetzt. Arcangelo Corelli hat seine Concerti grossi mit 120 Streichern besetzt, Mozart schreibt an seinen Vater, er hätte sie eine Sinfonie mit 40 Geigern aufgeführt, und sie wäre „magnifique“ gegangen. Auch hier – anything goes. (lacht)
So ein Riesenapparat hätte ja bestens in die Elbphilharmonie gepasst – aber gerade ist die Eröffnung des Hauses nochmals verschoben worden. Sind Sie enttäuscht, dass Sie Ihren Antritt beim künftigen Residenzorchester der Elbphilharmonie nicht dort feiern können?
Ach, wissen Sie, natürlich bin ich genau wie Sie ungeduldig und warte darauf, dass es vorangeht. Aber mir ist jedes Konzert wichtig, auch wenn es ein kleines Kirchenkonzert mit einer Bachkantate ist. Ich bereite mich auf solche Sachen ganz genauso vor. Wir spielen für Menschen. Und Publikum ist Publikum.