Neue Musik kann bei aller künstlerischen Ambition auch unterhalten. Vor allem, wenn es um die Vertonung von literarischen Texten geht, lassen Komponisten der Gegenwart die Konvention der melodisch-linearen Liedvertonung gerne hinter sich und geben der Live-Performance allen Raum: Die Sopranistin Irene Kurka nahm Die Sopranistin Irene Kurka nahm sich in der Uraufführung von Michael Denhoffs „Greguerías“ im Rahmen des integralfestivals in Recklinghausen der Sache mit Humor und viel freigeistigem Esprit an.
„Wir möchten zwei Leben führen, um über beide klagen zu können. Seit der Apfel hörte, was Eva Adam sagte, sind alle Äpfel schamrot. Im Essig liegt die ganze schlechte Laune des Weines. Flügel öffnen sich wie geheime Raubtierfallen zum Fang schlechter Pianisten“ – solche skurrilen, aber mit Weisheit nicht geizenden Sätze hat der Schriftsteller Ramón Gomez de la Serna zu einem leichtfüßigen Mosaik vereint, das in seiner Struktur an japanische Haikus oder mit einem feinsinnigen Humor auch mal an Kurt Schwitters denken lässt. Irene Kurkas beindruckend klarer und höhensicherer Sprechgesang ist hier das eine – hinzu kommt eine szenische und akustische Poesie mit Alltagsgegenständen.
Das integralfestival ist eine kleine, aber feine Traditionsveranstaltung in der Ruhrgebietsstadt. Der Pianist Rainer Maria Klaas kuratiert diese Konzertreihe seit Jahrzehnten, präsentiert musikalischen Nachwuchs ebenso wie die Gegenwart. Interview-Gespräche mit den Ausführenden und Komponisten-Persönlichkeiten sind dabei selbstverständlich. Das tut der menschlichen Nähe und dem verständigen Hörerlebnis gut.
Ähnlich leichtfüßig wie der Beitrag von Irene Kurka kommt in Recklinghausen eine Art „Mini-Oper“ aus der Feder des Niederländers Henri Bok daher. Aufschlussreich sind dessen Vorbemerkungen zum historischen Hintergrund des Stückes: Es reflektiert die Situation in einem kolumbianischen Dorf, das aufgrund einer angespannten Sicherheitslage in dieser Region lange von der Außenwelt abgeschlossen war. Einem intensiven Lebensgefühl der Menschen dort tat dies keinen Abbruch. Davon zeugt die humorvolle Diktion des Stückes „Popayan“, welches rituell anmutende Gesangsfragmente mit latent jazzigen Instrumentalparts collagiert. Ein nicht minder aufregendes Schlaglicht auf eine andere ferne Musikkultur, nämlich jene in Thailand setzt das uraufgeführte Stück „Transformed Reality“ von Narong Prangcharoen. Pentatonische Linien aus der südostasiatischen Musik bilden das Fahrwasser, in das sich Eleri Ann Evans, Saxofon, Henri Bok, Bassklarinette und Rainer Maria Klaas in einen furiosen Spielrausch hineinsteigern.
Komponisten hinterfragen in ihren Werken soziale Phänomene: Michael Rische lässt im Stück „Permanent Isolation“ zwei Instrumente symbolhaft in der eigenen Isolation verharren, wenn er die beiden Stimmen ohne einen direkten Bezug zueinander schreibt. Trotzdem erwächst in Recklinghausen eine dichte, immer rasanter werdende Interaktion aus Altsaxophon und Klavier. Rainer Maria Klaas gilt als einer der Pianisten mit dem größten aktiven Repertoire, das mehrere hundert Komponisten umfassen soll, ebenso sprichwörtlich ist die Flexibilität des Recklinghäusers, sich mutig und spontan in neue pianistische Abenteuer zu stürzen. Beim intergralfestival nimmt er sich einer klanggewaltig aufbrausenden Sonate von Hans-Friedrich Ihme und einer Toccata an, in der Jean Guillau die barocke Form „modernisiert“ hat. Die Herausforderung beim Klavierspiel ist die Koordinierung von zwei Stimmen miteinander. Rainer Maria Klaas geht in der Uraufführung von Mauricio Rosenmann Taubs „Etüde pur le vingt doigts“ noch einen Schritt weiter, wenn in diesem zweisätzigen, Jürgen Stachelhaus und Alfred Manuel Widmaier gewidmeten Stück noch eine Celesta mit einzubeziehen ist. In Recklinghausen fluteten aufregend reibungsvolle Texturen den Raum – vor allem, da es diesem Komponisten die minimalen Abstände, also Chromatik und Sekundreibungen angetan haben.
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