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Überwölbt von Johannes Deutschs überwältigenden Panoramen: Schumanns „Manfred“ in Düsseldorf. Foto: Tonhalle/Susanne Diesner
Überwölbt von Johannes Deutschs überwältigenden Panoramen: Schumanns „Manfred“ in Düsseldorf. Foto: Tonhalle/Susanne Diesner
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Manchmal haben Projektionen auch ihr Gutes: Schumanns „Manfred“ in der Düsseldorfer Tonhalle

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„Unaufführbar“ sollte es sein: Schumanns „Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen mit Musik“ nach Lord Byron. Was in diesem wie in allen vergleichbaren Fällen so lang gilt, bis aufgeführt wird. In diesem Fall nicht irgendwie, sondern glänzend.

Da stehen sie dann alle aufgereiht. Kaum, dass die Tonhallen-Bühne ausreicht für die ein Dutzend Darsteller, Sänger, Rezitatoren, die soeben mit den Düsseldorfer Symphonikern unter Andrey Boreyko und dem Oratorienchor des Städtischen Musikvereins Schumanns „Manfred“ op. 115 zur Aufführung gebracht haben. Ganz am Rand die Zentralfigur dieser Produktion: Johannes Deutsch, der für einen gebürtigen Linzer mit einem ausgesprochen unösterreichischen Namen gesegnet ist. Nebensache, klar. Keine Nebensache aber ist, dass Medienkünstler Deutsch mit diesem Abend die Manfred-Rezeption auf neue Füße gestellt hat.

Sicher, Schumanns op. 115 nach Byrons Dichtung ist nicht gerade häufig zu hören. Man weiß nicht recht, woran man ist damit. Über die schwebende Gattungsfrage war sich Schumann selbst durchaus bewusst, hat sie aber sehr offensiv angegangen und beantwortet. Keine Schauspielmusik, wie sie Beethoven im Egmont geliefert hat, schwebte ihm vor und auch Melodram zu sagen als was sein Manfred noch am ehesten durchgehen könnte, vermeidet Schumann, wenn er sein Formexperiment mit deskriptivem Understatement maskiert: „Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen mit Musik“. Letzeres meint: mit Orchester, mit Chor, mit Solisten – wie im Oratorium. Doch eben nur ohne den Geist des Sich-Dreinschickens. „Gebets bedarf ich nicht!“ Die dunkle Schuld, die Manfred mit sich herumträgt, ein inzestuöses Verhältnis mit der Schwester Astarte steht im Raum, peinigt ihn, aber zu den konventionellen Entlastungsangeboten zu greifen, sieht er keinen Grund. Gemsenjäger und Abt, die zum Alpenfolklorismus gehören, werden mit ihren Buß- und Gewissenerleichterungsofferten zurückgewiesen. Das hat Schumann interessiert, imponiert, weswegen er bekennt, „sich noch nie mit der Liebe und dem Aufwand einer Composition hingegeben“ zu haben wie gerade seinem Manfred.

Liebe und Aufwand lässt sich auch – im Großen und Ganzen – dieser Produktion bescheinigen, deren Erfolgsgeheimnis zunächst schlicht darin besteht, dass Deutsch/Boreyko sich strikt an Schumann halten, keinen Text hinzudichten, die Musik nicht verfremden, die Stimmen nicht manipulieren. Tatsächlich ist die Wechselwirkung zwischen Text und Musik derart fragil, dass hier jeder Eingriff die Balance stören würde. Genial, wie Deutsch die Aufgabe löst, Gleichgewicht zwischen Orchester, Chor, Solisten und Manfred-Darsteller herzustellen. Er hat dafür über dem Orchesterpodium eine linsenförmige Panoramaprojektion installiert. Eine österreichische Alpenkulisse erscheint und wird überblendet vom Close-up Johann von Bülows, dem in dieser Produktion mit dem byronschen Textgebirge die Hauptlast zufällt. Er meistert sie glänzend. Wie er die Tragik nicht triefend und das heroische Aufbäumen nicht faustisch-quadfliegisch, vielmehr aus existentieller Not Stimme werden lässt, diese schauspielerische, nicht allein nur rezitatorische Leistung hält die Spannung über achtzig Minuten. Man wartet geradezu darauf, wann das Gesicht mit dem Dreitagebart und dem flackerndem Augenpaar wieder aus dem wabernden Hintergrund hervortritt.

Deutsch hat von Bülow dafür eine Art Sputnikkapsel gebaut. In dieser hockt er während der Aufführung hoch über dem Orchester, beobachtet von einer Kamera, die seine Gesichtslandschaft auf die Großleinwand stellt. Erst ist man skeptisch, dann nicht mehr. Wahrscheinlich hätte es Schumann wirklich gefallen, womit Intendant Michael Becker durchaus recht hatte in seiner freilich allzu weitschweifigen, ins Konzertritual übergreifenden Bühnenmoderation, zu der er auch noch unnötigerweise Deutsch hinzubat. Der Künstler bildet, er redet nicht – hätte Schumann dazu gesagt und sich gefreut, wie man seinen Manfred in Düsseldorf aufgeführt hat: Das Dichterwort groß, präsent neben der Musik, neben dem Orchester unten und dem Chor des Musikvereins in doppelchöriger Aufstellung auf den Emporen. Und dass Johannes Deutsch kein Freund verkitschter Bilder ist, wird dabei ebenso deutlich. Man merkt, dass hier ein früherer Kustos des Wiener Sigmund Freud Museums steht. Immer wieder changiert die Farb- und Formsprache ins Abstrakte, in eine Mischung aus Wiener Jugendstil und Expressionismus inklusive Hitchcock-Animationen, wenn die Silhouette der Astarte vor dem regenbogenfarbenem Hintergrund der Projektion erscheint.

Gemessen an den herausragenden Qualitäten des Duos Deutsch/Bülow ist das Niveaugefälle im übrigen Darstellerteam freilich nicht unerheblich. Sind sich Düsseldorfer Symphoniker und Musikverein noch am ehesten ihrer Aufgabe bewusst, herrscht unter den Solisten doch einige Aufführungsroutine. Man liefert ab, was man sonst auch abliefert. Wenn etwa ein Routinier von Mime wie Dieter Prochnow seinen Abt vom Blatt abliest, möchte man diesen am liebsten gleich in Klausur schicken. Allein Vera Bauer mit ihrem lautmalerischen, immer nach vorn gerichteten Rezitieren schafft es, die Höhe, die von Bülow vorgibt, zu halten.

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