Hauptrubrik
Banner Full-Size

Opernhaftes Flüchtlings-Camp – Andreas Kriegenburg inszeniert Giuseppe Verdis „Otello“ an der Deutschen Oper Berlin

Publikationsdatum
Body

Lange nicht wurde bei einer Premiere der Deutschen Oper Berlin so „italienisch“ applaudiert, wie nach Verdis „Otello“ – einem Stimmen-Fest, ganz im Sinne der traditionellen Oper. Gleichwohl war das Publikum im ausverkauften Haus ein gemischtes, darunter eine Menge Schauspielfreude, die weniger aufgrund der Shakespeare-Vorlage von Verdis Spätwerk, als wegen der Hoffnung auf eine ungewöhnliche Inszenierung des Schauspielregisseurs Andreas Kriegenburg gekommen waren.

Verdis Librettist, der Komponist Arrigo Boito hat die Handlung Ende des 15. Jahrhunderts in einer Küstenstadt Zyperns angesiedelt. Der erfolgreiche schwarze Feldherr Otello scheitert privat an einer Intrige seines Fähnrichs Jago, erdrosselt seine geliebte Frau Desdemona und ersticht sich dann selbst. Das hat Kriegenburg nach Heute, in ein Camp für illegale Einwanderer, verlegt. Noch vor dem Beginn des ersten Aktes, mit dem berühmten Sturmchor auf einem 211-taktigen Orgel-Cluster, gibt es eine stumme Szene: die Flüchtlinge treten an die Rampe und färben sich das Gesicht schwarz. Die Einwanderer hausen in sieben Etagen gewinkelter Stockbetten-Zellen, verfolgen an Fernsehgeräten gegenwärtige Katastrophen und besingen diese chorisch. Drei offenbar ebenfalls vor den politischen Grenzen gestrandete Ausdruckstänzer liefern überflüssige Slow-Motion-Paraphrasen auf das Hauptgeschehen (Choreographie: Zenta Haerter), und auch die Bühnenmusik, mit Mandolinen und Gitarren, ist als Folklore ins Bettgestell integriert. Die Solisten jedoch agieren vorn an der Rampe, mit zumeist nichtssagenden, allzu allgemeinen Operngesten.

Vor die Massenschlafstätte, welche erst im Arbeitslicht beim Schlussapplaus voll zur Geltung kommt (Bühne: Harald Thor), senkt sich für die Intimszenen in Otellos Wohnung kontrastierend ein holzgetäfeltes Schlafzimmer.

Der Kinderchor, bei Verdi als „Kinder der Insel“ nur in einer Szene mit Desdemona eingesetzt, erhält eine durchgehende szenisch-dramaturgische Funktion. Sie umringen Jago bei dessen teuflischem Credo reichlich unmotiviert, später werden sie von ihm bestochen, als sein verlängerter Arm zu agieren und den lauschenden, leicht dunkel geschminkten militärischen Oberbefehlshaber mit ihren Leibern zu verbergen. Ab und zu gibt es kammerspielartig reizvolle Momente, etwa wenn Otello zündelt oder das vermeintliche Corpus delicti, das Taschentuch seiner Gattin, zerreißt und daraus einen Strick macht. Auch der Schlussakt, mit Desdemona im halb übergezogenen Hochzeitskleid und Otello, der sich durch das Kopfkissen erschießt um dann am Kopf seiner Gattin niederzusinken, hat Stringenz. Die shakespearesche Schreibweise der Handlungsträger auf dem Besetzungszettel und in den Übertiteln betont die Nähe zum Drama, aber gleichwohl hinterlässt die szenische Seite des Premierenabends den Eindruck, als sei dem Regisseur zu diesem Thema, das er auch schon als Schauspiel inszeniert hat, nicht viel eingefallen und als sei er obendrein vor der Opernkonvention eingeknickt.

Dafür gelingt der musikalische Teil des Abends um so stimmiger. Der kurzfristig für Paolo Carignani eingesprungene Dirigent Patrick Summers intoniert, als hebe ein amerikanisches Musical an und setzt anschließend all zu sehr auf die Wirkung eines markerschütternden Fortes, mit dem aber der von William Spaulding einstudierte Chor und die hochwertige Gruppe der Solisten mithalten. Später lotet er Verdis vielfältig chromatisches Stimmungsgeflecht, häufig changierend zwischen Dur und Moll, trefflich aus. Im vorherrschenden Forte des ersten Aktes wirken die runden, vollen Piani Desdemonas um so becircender, zumindest in der Interpretation von Anja Harteros, mit perfekter Stimmführung und Intonation.

Von hoher Musikalität und Intelligenz getragen wird die Titelpartie durch den argentinischen Dirigenten und Tenor José Curas, der die Partie in all ihren Facetten glaubhaft verkörpert. Auf einer deutlichen Stufe darunter vermögen Zeljico Lucic als Jago, Liane Keegan als dessen Gattin Emilia und Yosep Kang als Cassio gesanglich mitzuhalten.

Im emphatischen Schlussapplaus dann das übliche Pro und Contra für das Regieteam, wenn auch diesmal partiell in anderer Aufteilung: die konventionellen Opernbesucher stießen sich nur an heutigen Kostümen (Andrea Schraad) und Requisiten, waren sonst aber zufrieden, jene hingegen, die eine spektakuläre szenische Deutung erwartet hatten, zeigten sich enttäuscht.

Weitere Vorstellungen: 2., 4. 8., 10.,13., 24. und 27. Juni 2010

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!