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Sanftmütig, verständigungsbereit: Nader Mashayekhis „Neda – Der Ruf“ in Osnabrück uraufgeführt

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Der Titel verweist jedoch nicht auf expressionistischen Ausdruckswillen, sondern als auf den aktuellen iranischen Schrei nach Freiheit vom Mullah-Regime. Und auf Opfer, die insbesondere Frauen des fundamentalistisch regierten Landes bringen müssen. Mit dem Namen Neda erinnert die Produktion an eine im vergangenen Jahr auf offener Straße von „Sicherheitskräften“ ermordete Studentin. Freilich bleibt es beim Fingerzeig des Titels. Im Stück selbst taucht Neda nicht mehr auf.

Das Libretto von Nadja Kayali und Angelika Messner befaßte sich mit dem altpersischen Dichter Nizami. Dem, so die beiden Wiener Autorinnen, tritt einer seiner hochadeligen Fans Apak aus seinem Harem ab. Die spricht jedoch erklärtermaßen nicht auf Männer an. Nizami behandelt die ehemalige Sklavin mit Sanftmut, Verständnis und Respekt. Die zierliche Anja Meyer scheint dies nun in Osnabrück mit ihrer stolzen und entschiedenen Stimme auch gleichsam wie selbstverständlich einzufordern. Groß ist die Verzweiflung des Poeten, den der sehr sensibel und soft wirkende Marco Vassalli verkörpert, als Apak an einer Vergiftung stirbt (mutmaßlich haben die Mehrheits-Männer sie zur Strecke gebracht).

Den Kummer über ihren Tod sucht Nizami durch Schreiben zu betäuben und zu bewältigen: Zu ihrem Gedächtnis literarisiert er Figuren wie die Amazonenkönigin Nuschabe, die keine Männer an ihrem Hof duldete und auf den König wartete, der ihr gewachsen ist – Eva Schneidereit singt ihre Partie jetzt mit vergnüglicher Wucht und praller Pracht. Der Phantasie des Dichters entspringt auch jene durch Schiller, Busoni und Puccini berühmt gemachte Chinesen-Prinzessin Turandot, die ihre Freier umbringen läßt, bis endlich der kommt, der Hintersinn und Struktur ihrer Fragerei durchschaut und sie dann mit dem, was er für Liebe hält, zur Raison bringt. Regisseurin Carin Marquardt inszeniert das alles sehr holzschnittartig. Überhaupt erinnert die Produktion mitunter an das Lehrstück- und Agitprop-Theater eines vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht liegt aber auch eine leise Ironisierung des ideologischen Werkgehalts in den Kindchenschemen einer solchen Theatermacherei.

Der frauenbewegte Text wurde von Nader Mashayekhi mit wechselhaftem Soundtrack versehen, um den sich der Dirigent von Daniel Inbal mit aller gebotenen Aufmerksamkeit kümmert. Er entwickelt sich aus der Adaption traditioneller orientalischer Musik, entfaltet eine homophone und heterophone Lineatur, bedient sich beim Orchestergewebe verschiedener Muster der westlichen Avantgarde (und wohl am massivsten bei den Partituren Roman Haubenstock-Ramatis und György Ligetis). Daß sie dergestalt kompiliert, ist guter Brauch der Theatermusik und weiter nicht der Rede wert.

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