„Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben“: Durch Camille van Lunens einfühlsame Vertonung des Gedichtes „Die Sinnende“ von Gertrud Kolmar im Liederzyklus „Aus Liebe und luftigem Traum – Lieder auf Gedichte jüdischer Dichterinnen“ sind dies die Worte einer Melodie, die dem Zuhörer in Erinnerung bleiben.
Das Lied berührt durch die sensible Musiksprache der niederländisch-französischen Komponistin. Das Klavier steht phasenweise stumm neben der Sängerin, deren Sinnen über das Sein nach dem Tod sprachlich in Zerfaserung und Zusammenhangslosigkeit mündet. Camille van Lunen vertonte neben dem Text von Gertrud Kolmar Gedichte der jüdischen Dichterinnen Rose Ausländer, Hilde Domin und Dagmar Nick. Der Zyklus mit sieben anspruchsvollen Liedern erlebte Anfang Mai in der fast ausverkauften Kasseler Christuskirche seine Gesamturaufführung, interpretiert von der Sopranistin Traudl Schmaderer und dem Pianisten Martin Wenning.
Die Veranstaltung war Teil des Rahmenprogramms zur „Woche der Brüderlichkeit“, welche dieses Jahr in Kassel stattfand und von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kassel e.V. organisiert wurde. Unter dem Motto „Sachor (Gedenke): Der Zukunft ein Gedächtnis“ soll mit Veranstaltungen bis Ende Juni zum Gedenken, zu Toleranz und für das Miteinander gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufgerufen werden. Die Hauptzielsetzung dabei ist, die jüdische Kultur wieder in das allgemeine Leben zu integrieren. Zu diesem Zweck wurde in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Kassel, dem Furore Verlag, der Christuskirche Kassel, der Stadt Kassel und dem Kasseler Kulturforum e.V. das Konzert mit Lesungen verbunden. Die Schauspielerin Sabine Wackernagel trug eine Auswahl von Prosatexten, vor allem Briefe der Dichterinnen vor. Dadurch konnte beim Zuhörer ein ganzheitliches Bild zu den Persönlichkeiten, aber auch zu den Vertonungen des Liederzyklus entstehen. Neben den sehr ernsten Texten der Lieder war so auch eine äußerst frohe und humorvolle Seite der vier Damen zu erleben.
Dr. Eva Schulz-Jander, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Kassel und Mitglied im Präsidium des Deutschen Koordinierungsrats, vermittelte einen kurzen Einblick in das Leben von Kolmar, Domin, Ausländer und Nick. Sie zählen zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen nach 1945. Vor allem Gertrud Kolmar führte die deutschsprachige Lyrik zu einem Höhenpunkt. Im Gegensatz zu ihren Zeitgefährtinnen hat sie sich bis zum letzten Moment geweigert ins Exil zu gehen. Sie wurde 1943 deportiert und starb in Auschwitz.
Die Dichterinnen verfassten größtenteils Gedichte und Schriftstücke zu den Themen Abschied, Trauer, Glück, Verlust, Entfremdung, Vereinsamung, Tod und Liebe. In ihrer Komposition fing Camille van Lunen die Stimmung der teils von lyrischer Musikalität durchdrungenen Texte ein. Am Abend gab die Komponistin selbst im Gespräch mit Dr. Angelika Horstmann (Furore Verlag) eine kleine Werkeinführung. Camille van Lunen hat die Dichterin Dagmar Nick persönlich kennen gelernt und so die Widmung „für Dagmar Nick, herzlich zurückgenickt“ des Liedes „Habe“ nicht von ungefähr formuliert.
Die in Amsterdam geborene Komponistin Camille van Lunen studierte am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Das Œuvre der erfolgreichen und aktiven Komponistin ist voller Witz und Farbenreichtum und behandelt oft soziale und ethische Themen unserer Zeit. Camille van Lunen schrieb Opern und Werke für gemischten Chor, Kinderchor, Solostimme, Orgel, Flöte, Violine sowie verschiedene Kammermusik (Klaviertrio, Streichquartett, Bläserquintett). Hierzu zählen u. a. das Bläserquintett „Entgleist“, eine Hymne auf die Pünktlichkeit von Zügen, die Kinderoper „Der Felsenjunge“ und das Opern-Oratorium „Star over Amsterdam“. Neben ihrem kompositorischen Schaffen ist sie auch als Sopranistin im Ensemble „Die Rheinnixen“ aktiv. Diese Doppelbegabung prädestiniert Camille van Lunen für die Komposition von Liedern und erklärt ihr großes Gespür für den Gesang. So gelang es ihr die Konzertbesucher tief bewegt aus dem Liederzyklus „Aus Liebe und luftigem Traum“ mit den Worten „Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben“ zu entlassen.