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Rebekka Scheufler (Wendla Bergmann) und Anton Huschka (Melchior Gabor). © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Anna Kolata
Rebekka Scheufler (Wendla Bergmann) und Anton Huschka (Melchior Gabor). © Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Anna Kolata
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„Spring Awakening“ als Jugendstück der Oper Halle

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Rundum überdurchschnittlich ist die sagenhafte Qualität des Hallenser Jugendensembles im Off-Broadway-Musical „Spring Awakening“ nach Frank Wedekind von Duncan Shiek (Musik) und Steven Sater (Text). Da stimmt in den Songs und Dialogen an Bühnenspannung und Sicherheit tatsächlich alles.

Über vierzig Jugendliche probten seit Oktober in der Oper Halle und an der Landesmusikakademie Sachsen. Dann zogen sie in der üblichen Profiphase von sechs Wochen bis zur Premiere durch, viele parallel zu Prüfungen vor dem Abitur. Bei der ersten Premiere im Opernhaus spielte Besetzung ROT, zur zweiten folgt Besetzung GRÜN. Zwei Besetzungen, die gleichrangig und pfeilscharf aufeinander abgestimmt sind. Der Jubel für die von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt und dem Lions-Club August Herrmann Francke unterstützte Premiere tunte hoch auf Arena-Stärke.

Spannend ist natürlich, wie sich 17- bis 19-jährige in Frank Wedekinds Pubertätsschocker „Frühlingserwachen“ von 1891 hineinspielen. Geht das noch? Da prallen Welten von Nichtaufklärung, ahnungsloser Schwangerschaft und erotischer Orientierungslosigkeit von damals auf die Sex-Inflation des 21. Jahrhunderts. Es macht „Spring Awakening“ zu einem Favoriten heutigen Jugendtheaters, dass die Dialoge originaler Wedekind sind (auch am DNT Weimar ab 19. Mai 2017). Gewaltszenen aus dem Schulalltag und verkorkste Irritationen folgen Schlag auf Schlag: Wendla und Melchior fallen von einer Streicheleinheit in ihre erste, einzige sexuelle Vereinigung. Dazu erklingt der Chor wie ein Spiritual, in anderen Songs des Rockmusicals von 2006 aber werden Four-Letter-Words zum Dauerfeuer.

Aufregende Unverfälschtheit und emotionale Bewegung erspielt sich Besetzung ROT. Das schaffen die jungen Darsteller von den Pausenhof-Szenen bis zum Melodram vor den Kindergräbern im Schnee. In sich haben es die ausdrucksstarken Tanzfolgen in den schulischen Folterkammern mit Überkicks von Prüfungsdesaster und Präpotenz (Choreografie: Rafal Zeh). Die jungen Opfer von Doppel- und Unterdrückungsmoral sind Sympathieträger alle miteinander: Ergreifend, wie Anton Huschka als verstandesscharfer Melchior systemgewollt vom Klassenprimus in die Korrektionsanstalt abrutscht, denn er überfordert die deformierten Erwachsenen. Ergreifend auch, wie Fabian Krystossek als Moritz zum Selbstmörder wird, weil er die Prüfungen nicht bestehen darf. Noch anspruchsvoller als für die männlichen Bühnenfrischlinge ist es für die jungen Frauen, die Pole des sexuellen Nichtwissens, der selbstbewussten Attraktivität und des erlittenen Missbrauchs auszuloten. Bewundernswert, wie Rebekka Scheufler als Wendla mit neugieriger Unschuld, Lia Weiss als im Musical deutlich gestärkte Ilse und Kira Peter als blutig versohlte Martha den mit gewaltdurchsetzten Lolita-Phantasien Wedekinds trotzen – so als hätten sie über Monate auf TV und Youtube verzichtet, um ganz eigene Figuren zu modellieren.

Den größten Spagat schaffen Velten Schroeter und Jesper Vöcks, wenn der schwule Hänschen zum Opportunisten wird und sich an Ernst herantastet. Die Darsteller entwickeln und bewältigen phänomenal, was bei nur geringem Balancewechsel unabdingbar in den voyeuristischen Ausverkauf rasen könnte. Sinnlichkeit und soziale Dressurakte werden in vielen Parallelszenen zum reißenden Strom, der in seinen Strudeln alles verschlingt.

Das Ensemble schafft Außergewöhnliches, man spürt das Vertrauen zum Profiteam. Das beginnt bei den Schauspielern des Neuen Theaters Halle, die hier nur zu zweit alle Erwachsenenrollen vom Sadisten-Pauker bis zu den deformierten Müttern verkörpern (bei der Wiener Ronacher-Erstaufführung waren es vier!). Mit ihrem ersten Wort gibt Barbara Zinn als Wendlas Mutter dem Ensemble geballte Energien von Gesten, Pausen und Sprachfarben vor, welche die jugendlichen Darsteller mit starker Innenspannung aufgreifen und bis zum Schluss halten. Joachim Münder ist markantes Vorbild dafür, wie man über starker Musik böse Texte spricht.

Dazu spürt man die langfristige Aufbauarbeit durch ein vierköpfiges Vocal Coaching der Oper Halle. Peter Schedding und die Band geleiten das Ensemble sicher und mit Wärme durch die alles andere als simplen Rhythmen und Musikflächen. Cordula Erlenkötters Kostüme setzen wilhelminische Retroakzente in die heutige Casual Fashion, kurze Krawatten an den Schuluniformen sind Werkzeuge zur geistigen Amputation. Als antihumane Käfiggehäuse türmt Sebastian Hannak jene weißen Boxen, die vor zwei Jahren Henzes „Phaedra“ tödlich beengten. Und die Regie von Hansjörg Zäther ist im besten Sinne eine, die man nicht merkt: „Spring Awakening“ an der Oper Halle wird nicht zuletzt durch seine Steuerung zum bewegenden und hochkonzentrierten Theaterabend. Alle zusammen schaffen es, Wedekinds „Kindertragödie“ glaubwürdig und plausibel von 1891 nach 2017 zu rücken.

„Schärfer als Tschaikowski oder Bach!“ jauchzt es in der Knabenklasse über einer Aktzeichnung. Das sei hier ausnahmsweise gern wiederholt: Ein Sieg von Musiktheater und Ensemblegeist auf ganzer Linie!

  • Premiere Ensemble Rot: Freitag, 10. Februar 2017, 19.30 Uhr / Premiere Ensemble Grün: Samstag, 11. Februar 2017, 19.30 Uhr – Vorstellungen bis 10. Juni 2017

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