München glüht. Nicht nur vor Spannung, wie das Team um Andreas Kriegenburg und Kent Nagano den Abschluss der Wagnerschen Tetralogie stemmen würde, sondern im ganz wörtlichen Sinne. Zur Festspielpremiere zeigte sich das Wetter von seiner tropischen Seite und ließ das Thermometer auf hochsommerliche Hitzetemperaturen ansteigen.
Mit der Götterdämmerung muss jeder Regisseur sein Meisterstück abliefern, muss zeigen, welche Aspekte dieser Opernmythologie aus seiner Sicht besonders wichtig sind. Kriegenburg hat immer wieder betont, dass er – wie auch Wagner – vom Ende her denkt, seine Erzählweise der Katastrophe des Weltenbrandes bereits im Rheingold präsent ist. Beispielhaft dafür der große Statistenapparat in Rheingold, aber auch in Walküre und Siegfried, der ja eine menschliche Gruppe, eine Gesellschaft widerspiegeln soll, der wir nun in der Götterdämmerung begegnen.
Angekommen im Hier und Jetzt spinnen die Nornen, musikalisch sehr verhalten, ihr Seil in einem Nach-Fukushima-Quarantäneschuppen, der das Publikum als zusammenhangloses Ausrufezeichen ratlos zurücklässt. Aktualität auch im Haus der Gibichungen, das von gesichtslosen Handyträgern bevölkert ist und damit wohl – zweiter großer Zeigefinger – auf die gerade grassierende Finanzkrise hinweisen soll. Gunter, Guntrune und Hagen spielen ein Sex and the City Trio, dessen laszives Agieren ebenso unglaubwürdig wirkt, wie der Naturburschenauftritt des gerade angekommenen Siegfried.
Bis zu diesem Augenblick ist ungefähr eine Stunde vergangen, und man fragt sich verwundert, ob das nun alles gewesen sein soll. Ein leckerer Augenschmaus aus kühlen Stahlkonstruktionen und Accessoires, die von Damian Hurst stammen könnten, sowie Kleidern aus der neusten Kollektion von Tom Ford (Bühne Harald B. Thor, Kostüme Andrea Schraad). Doch sehr viel mehr hat der Ablauf der folgenden vier Stunden tatsächlich nicht zu bieten.
Der große Wurf, dem ganz Opern-München entgegen gefiebert hat, ist es nicht geworden. Der Ring ist vollendet, doch die vier Abende bleiben Stückwerk. Kriegenburg, der eine Geschichte neu erzählen, einen neuen, unbefangenen Blick auf den Wagnerschen Kosmos werfen wollte, hält sein Konzept nicht durch. Es bleiben auf jeden Fall bemerkenswerte, bezwingende Momente, es bleibt aber auch die nicht beantwortete Frage nach dem großen Ganzen.
Kriegenburg erzählt eine Geschichte, aber er bezieht nicht Stellung zum dahinter und darunter liegenden Wagnerschen Konzept dieser Menscheitsgeschichte. Das zeigt sich am deutlichsten in der Rolle des Siegfried, der in der Münchner Götterdämmerung keine Chance hat, ein eigenständiger Charakter zu werden. Wir sehen ihn auf der Bühne agieren, spüren aber in jedem Augenblick die Distanz zu seiner Rolle, die eine fast körperliche ist.
Musikalisch wäre der Abend beinahe gescheitert. Der ursprünglich für die Rolle des Hagen vorgesehene Hans-Peter König erkrankte, ebenso wie sein Ersatz Albert Pesendorfer, und es war dem künstlerischen Können und Wollen des Amerikaners Eric Halfvarson zu verdanken, der am Tag der Premiere aus dem Flugzeug stieg und die Partie übernahm, dass es überhaupt zu einem Abschluss der Tetralogie kommen konnte. Halfvarson, Nina Stemme (Brünnhilde) und Ian Peterson (Gunter) beherrschten das musikalische Gelingen des Abends, am beeindruckendsten mit dem musikalisch fesselnden Verschwörungsterzett am Ende des zweiten Aufzugs. Überzeugend auch der Siegfried des Stephen Gould, während es Michaela Schuster (Waltraute) stimmlich ein wenig an wilder Entschlossenheit und klarer Höhe fehlte.
Ein besonderer Applaus galt dem glänzend agierenden Chor der Bayerischen Staatsoper und seinem Leiter Sören Eckhoff. Das Bayerische Staatsorchester hatte einige Mühe, den Herausforderungen der Riesenpartitur Herr zu werden. Lag es an der großen Anspannung der Musiker oder an der interpretatorisch kühlen Herangehensweise von Kent Nagano – neben einigen deutlich störenden Unsicherheiten fehlte die große dramatische Linie, die aus der Vielheit einzelner Ideen eine musikalische Einheit entstehen lässt.
Einmal mehr zeigte es sich, dass Wagners Ring nicht nur eine große musikalische und interpretatorische Leistung verlangt, sondern auch einen dezidierten künstlerischen Anspruch voraussetzt: Pro oder Contra, aber keineswegs Lau.
Weitere Aufführungen: 8.7.12 und 15.7.12