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Franz Riemer
Franz Riemer
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Ambitionierte Ziele, politische Aktivitäten

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Das nmz-Gespräch mit dem neuen Präsidenten des Landesmusikrats Niedersachsen, Franz Riemer
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Ende Oktober 2011 wählte der Landesmusikrat Niedersachsen einen neuen Präsidenten – nach 18-jähriger Amtszeit von Karl-Jürgen Kemmelmeyer, der nicht mehr kandidierte. Sein Nachfolger ist Franz Riemer (Foto: privat). Wie Kemmelmeyer ist er Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Sein Fachgebiet ist die Musikpädagogik, von 2008 bis 2010 war er Vizepräsident der Hochschule. Über seine ersten Eindrücke im neuen Amt und seine Pläne für die Zukunft sprach er mit Barbara Haack.

neue musikzeitung: Seit etwas mehr als 100 Tagen sind Sie im Amt als Präsident des Landesmusikrats Niedersachsen. Was haben Sie vorgefunden?

Franz Riemer: Vorgefunden habe ich eine Situation, die auch für diejenigen, die sie geschaffen haben, noch ziemlich frisch war. Bis vor 2,5 Jahren war der Landesmusikrat ein recht großer Betrieb. Dann wurde er aufgeteilt in den Verein und die Landesmusikakademie, die eine gGmbH geworden ist. Ich bin meinen Vorgängern dafür dankbar, dass es nach jahrzehntelangen Bemühungen endlich gelungen ist, eine Landesmusikakademie in Niedersachsen zu installieren. Wir sind damit gut aufgestellt. Aber dafür musste umstrukturiert werden. Alle Referenten sind an die Landesakademie gegangen. Also ist die Akademie jetzt ein ziemlich großes und der Landesmusikrat ein ziemlich kleines Haus. Mein Ziel ist es natürlich, dass der jetzige Landesmusikrat seine Wirkung behält. 

nmz: Träger der Projekte ist aber nach wie vor der Landesmusikrat e.V.?

Riemer: Der Verein ist der einzige Gesellschafter der gGmbH. 

nmz: Das ist ja eine Struktur, die in gewisser Weise vom Deutschen Musikrat abgeguckt wurde. Hat sich diese Struktur bewährt?

Riemer: Der Betrieb läuft erst seit zwei Jahren. Jetzt wird zum ersten Mal evaluiert, und da wird sich herausstellen, wie die ersten beiden Jahre zu beurteilen sind. Unsere Struktur ist noch ein bisschen anders als beim Deutschen Musikrat. Bei uns ist die gGmbH die Landesmusikakademie. Ob das die optimale Fassung ist, wird sich zeigen. Auf jeden Fall ist damit noch keine eindeutige Profilbildung für die Akademie erreicht. 

nmz: Wie stellen Sie sich diese Profilbildung vor?

Riemer: Das werden wir diskutieren, auch mit den Referenten und dem Geschäftsführer der Akademie. Eine Idee ist, die Neue Musik intensiver zu beleuchten. Das wäre in Niedersachsen durch eine Kooperation mit „Musik 21“ denkbar. Das Landesjugendensemble Neue Musik haben wir bereits in die Akademie übernommen. Eine andere Idee für die Profilbildung sind interkulturelle Themen. Mit einem neuen Ausschuss „Interkultur“ wollen wir die Diversität in der Musik noch intensiver beleuchten. Ich halte es für wichtig, auch unsere Mitgliedsverbände in diese Frage noch stärker einzubeziehen. Ich stelle mir so etwas wie einen „Tag der Impulse“ für die Akademie vor. Da könnte man bei den Verbänden abfragen, welche Wünsche, welche Vorstellungen für die Akademie existieren. 

nmz: Das besondere Konstrukt in Wolfenbüttel ist, dass gleich nebenan die – sehr viel ältere – Bundesakademie arbeitet. Sehen Sie da Kooperationsmöglichkeiten, oder sind es doch eher zwei getrennte Betriebe?

Riemer: Die Zusammenarbeit war bisher noch nicht so intensiv. Jetzt haben wir aber eine Kooperationsvereinbarung. Wir treffen uns jedes Jahr im Januar mit dem Fachbereich Musik, um die Programme beider Häuser zu besprechen. Der Fachbereich Musik in der Bundesakademie hat natürlich seine Berechtigung und sein eigenes Profil. Er findet auf Bundesebene statt, und wir sind für Niedersachsen zuständig. Bei den von mir angesprochenen möglichen Schwerpunkten würden wir uns inhaltlich auch nicht in die Quere kommen. 

nmz: Zurück zum LMR e.V. Sie sagten schon, dass er ein „kleineres Haus“ geworden ist. Könnte dies die politische Kraft des Vereins schwächen?

Riemer: Das glaube ich nicht. Es kann sein, dass der LMR kurzzeitig – neben dem „Leuchtturm“ Landesmusikakademie – einen kleinen Durchhänger in der Wahrnehmung hat. Aber das werden wir sehr schnell ausgleichen. Die Frage der politischen Aktivitäten und der Zusammenarbeit mit der Politik ist nicht daran gebunden, wie groß die Mitarbeiterschaft ist, sondern daran, wie aktiv das Präsidium und der Präsident sind. 

nmz: Wo haben Sie verlässliche Partner im Land – und wo gilt es vielleicht noch, Überzeugungsarbeit zu leisten?

Riemer: Gute Partner sind natürlich unsere Mitgliedsverbände. Ich habe vor, alle Verbände zu besuchen, beziehungsweise Gespräche mit ihnen zu führen. Es geht dabei darum, zu erfahren, was sie leisten und was sie brauchen und daraus dann eine Art Servicepaket zu entwickeln, damit der Dachverband auch wirklich Ansprechpartner für die Verbände ist. Ein anderer wichtiger Partner ist natürlich die Politik. 

nmz: Wie beurteilen Sie das Standing der Musikkultur und des Landesmusikrats auf der politischen Ebene des Landes?

Riemer: Wir hatten ja einen Ministerpräsidenten, der sehr offen war für die Musik. In seine Zeit fällt die Entstehung der Landesmusikakademie. In der jetzigen Zeit scheinen die Schwerpunkte – zumindest auf Seiten der Staatskanzlei – ein bisschen anders zu liegen. Aber mit dem Kultus- und dem Wissenschaftsministerium stehen wir in engem Kontakt und sind auch auf der operativen Ebene sehr gut vernetzt. 

nmz: Hat der neue Musikratspräsident eine Chance, da vielleicht auch noch mal neue Türen zu öffnen?

Riemer: Das hoffe ich sehr. Zum einen ist es ja so, dass bei einem Wechsel automatisch frischer Wind kommt. Dann möchte ich im Rahmen meiner „Antrittsgespräche“ die Kontakte intensivieren. Zu mehr Geld zu kommen, ist immer schwierig. Da müssen wir erst einmal inhaltlich überzeugen. Unsere Projekte haben das Problem, dass sie nur zu einem Teil institutionell gefördert werden. Das heißt: Jedes Jahr beschäftigt uns die Frage, ob die Mittel wieder zur Verfügung stehen. 

nmz: Ist das vielleicht auch ein Ziel: die Verlagerung von Projektmitteln hin zu mehr institutioneller Förderung?

Riemer: Das wäre ein sehr ambitioniertes Ziel. Immerhin haben wir eine Zielvereinbarung mit dem Ministerium von 2010 bis 2012 und werden jetzt neue Zielvereinbarungen schließen, in denen für die nächsten vier Jahre möglichst viel verankert werden soll. 

nmz: Es gibt seit einigen Jahren, initiiert von der Stiftung Niedersachsen, die Einrichtung „Musikland Niedersachsen“. Dort werden Ziele formuliert, die denen des LMR teilweise recht ähnlich sind. Sehen Sie da eine Konkurrenz – um Inhalte und um finanzielle Mittel?

Riemer: Das „Musikland Niedersachsen“ ist ein Netzwerk, das gut auch beim Landesmusikrat angesiedelt sein könnte. Nun sieht man, dass dieses „Musikland Niedersachsen“ sehr gute Arbeit leistet. Da ist es zunächst einmal egal, wo es angesiedelt ist. 

nmz: Es sei denn, eine Bündelung würde zu noch größerer Schlagkraft führen…

Riemer: Genau. Das „Musikland“ stellt aber Veranstaltungsankündigungen und das Thema Vernetzung in den Mittelpunkt und hat eine konzertpädagogische Idee integriert. Das sind Themen, die wir uns nicht auf die Fahnen geschrieben haben, so dass kein Konkurrenzdenken entsteht. Ich hätte aber nichts dagegen, wenn „Musikland Niedersachsen“ ein Teil des Landesmusikrats würde.

nmz: Welches sind konkret die Themen oder Herausforderungen des Jahres 2012?

Riemer: Ich denke, das Jahr 2012 ist ein Jahr der Konsolidierung und der Vorbereitung auf das Jahr 2013. In 2013 sollen Innovationen, die wir bis dahin angegangen sind, sichtbar werden. Zunächst einmal müssen wir an unserer Homepage arbeiten und ein Konzept für unsere Öffentlichkeitsarbeit entwickeln. Inhaltlich haben wir dafür genug anzubieten. 

Ein weiteres – langfristiges – Ziel ist es, sowohl jüngere als auch ältere Menschen für die Musik zu gewinnen, insbesondere natürlich auch für die ausübende Musik. Spannend fände ich es auch, musikwissenschaftlich die Frage zu erforschen: Gibt es eine eigene Musikgeschichte von Niedersachsen? Gibt es eine eigene Volksmusik? Das könnte man sicher auch in Kooperation mit einer der niedersächsischen Stiftungen durchführen.

nmz: „Hauptsache Musik“ war lange Zeit ein wichtiges Projekt beim Landesmusikrat. Wie ist heute der Stand der Dinge?

Riemer: Das Projekt ist 2002 entstanden. Die Idee ist, Kooperationen von Schulen mit außerschulischen Institutionen zu fördern. Das können Musikschulen sein, Verbände, andere Institutionen… Mittlerweile ist „Hauptsache Musik“ in eine gemeinsame Trägerschaft mit dem Kultusministerium übergegangen. Dafür werden jährlich 250.000 Euro eingestellt, die für solche Kooperationen zur Verfügung stehen. Bis zum vorletzten Jahr kamen weniger Anträge, als Geld zur Verfügung stand. Letztes Jahr waren es erstmals mehr, so dass wir einige Anträge ablehnen mussten. Das heißt: Diese Idee wird angenommen. 

nmz: In der bildungspolitischen Diskussion ein wichtiges Thema…

Riemer: Ja, wir haben in unserem Ausschuss „Schule und Begabtenförderung“ darüber gesprochen, wie wir uns beim Thema „Ganztagsschule“ positionieren. Wir wollen in einer Broschüre darüber informieren, welche Möglichkeiten es gibt, Musik in die Ganztagsschule zu bringen und überzeugende Angebote zu machen.

nmz: Das ist ein Thema, das sich in anderen Bundesländern ganz genauso oder sehr ähnlich stellt. Wie sehen Sie die Vernetzung zu anderen Landesmusikräten oder auch zum Deutschen Musikrat?

Riemer: Über die Konferenz der Landesmusikräte tauschen wir Informationen aus, aktuell eben auch über das, was im schulischen Bereich im Argen liegt. In welcher Form man dann zusammenarbeitet, hat natürlich auch immer etwas mit den Personen und nicht immer nur mit den Institutionen zu tun. 

nmz: Sie bringen ein breites Spektrum an beruflichen Erfahrungen mit: Sie sind Musiker und Musikpädagoge, Sie sind auch Musikjournalist gewesen, Sie sind selbst Chor- und Orchesterleiter, Hochschulprofessor… Was von dem, was Sie bisher gemacht haben, ist besonders wichtig für die Arbeit des Landesmusikratspräsidenten?

Riemer: Alles. Ursprünglich wollte ich mal Klarinettist im Orchester werden, habe dann aber Schulmusik studiert. Dann stellte ich meine Affinität zum Dirigieren fest, also habe ich das betrieben, habe aber gleichzeitig in Berlin Musikwissenschaft studiert, war auch journalistisch tätig und habe musikwissenschaftliche Aufsätze geschrieben. Dann kam ich zur Bundesakademie für kulturelle Bildung, da stand dann wieder musikpädagogische Fortbildungsarbeit im Zentrum. Das sind alles Stationen, die jetzt meiner neuen Funktion zu gute kommen. Das heißt: Ich weiß, wovon ich rede und wovon die Rede ist, und bin, was das Fachliche angeht, gut aufgestellt. Was ich noch intensivieren muss, ist die geschickte Rede mit den Politikern, um auch dort etwas zu erreichen. Aber ich glaube, dass Politiker von einer Sache, die gut ist, überzeugt werden können. An vielen Stellen findet man dort auch offene Ohren für unsere inhaltlichen Anliegen. 

nmz: Das alles hört sich nach einem Vollzeitjob an: Wie bringen Sie das unter einen Hut mit Ihrem Hauptberuf? Und was motiviert Sie, so viel Kraft hineinzustecken?

Riemer: Ich bin so, dagegen kann ich auch nichts machen. Mein Vorgänger Karl-Jürgen Kemmelmeyer, hat sich auch sehr intensiv engagiert und von ihm weiß ich, dass man selbst aktiv werden muss. Ich meine auch, dass für einen Hochschulprofessor – und wir sind da im Haus durch Karl-Jürgen Kemmelmeyer und Hans Bäßler ein bisschen infiziert – Aktivität im kulturpolitischen Bereich einfach dazugehört. Das führt in vielen Fällen zur Selbstausbeutung, aber solange das nicht schädlich ist, ist es doch erfüllend.  

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